50 Jahre Opec: Ein Alltag ohne Erdöl? Unmöglich!

50 Jahre Opec: Ein Alltag ohne Erdöl? Unmöglich!
Seit 50 Jahren besteht die Opec, die Organisation Erdölexportierender Länder, die den Fluss des Öls auf der Welt kontrolliert. Doch die Reserven werden zur Neige gehen. Grund genug, darüber nachzudenken, wie wir künftig mit Erdöl umgehen wollen. Denn es steckt in mehr Alltagsprodukten als man so denkt.

Es ist die wichtigste Energiequelle der modernen Welt: das Erdöl. Tag für Tag verbrauchen wir 14 Milliarden Liter. So werden die Reserven noch circa 60 Jahre reichen. Wie aber entsteht Erdöl eigentlich? Und wie sähe unser Leben ohne das schwarze Gold aus? Kein Problem? Von wegen! Denn Erdöl ist Grundlage von mehr Alltagsprodukten als man so denkt. Selbst in der synthetisch hergestellten Wurstpelle steckt der Rohstoff. Für evangelisch.de sprach Maike Freund mit dem Paläontologen Martin Langer von der Universität Bonn.

Wie entsteht Erdöl?
Martin Langer: Erdöl entsteht aus organischem Material, das sich im Meer befindet. Dieses organische Ausgangsmaterial – im Wesentlichen mikroskopisch kleines Plankton – häuft sich nach dem Absterben am Meeresboden in so genannten Plankton-Friedhöfen an. Zunächst bleibt das organische Material in den Planktonfriedhöfen enthalten. Lagern sich Gesteinsschichten darüber ab, entstehen großer Druck und hohe Temperatur. In der Abwesenheit von Sauerstoff kann sich Erdöl oder Erdgas bilden.

Wann entsteht Erdöl, wann Erdgas?
Martin Langer:
Bei Temperaturen von ungefähr 70 Grad wandelt sich das organische Material in Erdöl um. Liegt mehr Gestein auf dem Plankton, entstehen Temperaturen von 140 bis 200 Grad und Erdöl wandelt sich in Erdgas um. Damit sich genügend Druck und Temperatur für die Entstehung von Erdöl entwickelt, muss die Gesteinslast auf dem Plankton mindestens 1.500 Metern dick sein, für Erdgas sind es 3.500 bis 4.000 Meter. Bis dahin vergehen mindestens fünf bis zehn Millionen Jahre.

Können wir ohne Öl leben?
Martin Langer:
Zu der Vorstellung, man könne heute ohne Erdöl leben, kann ich nur sagen: von wegen! Das ist heute nicht mehr möglich. Denn das schwarze Gold ist bei uns allen auch zu Hause im Gebrauch.

Wie sieht denn ein ganz normaler Morgen mit Erdöl-Produkten aus?
Martin Langer:
Man steht morgens auf und da geht es schon los. Der Pyjama ist aus Polyamid, das wiederum aus Erdöl hergestellt wird. Wir nehmen die Zahnbürste in die Hand, die aus Kunststoff ist. Zur Herstellung von Kunststoff braucht man aber Erdöl – etwa 0,1 bis 0,2 Liter pro Zahnbürste. Weiter geht es mit dem Plastikzahnputzbecher, auch in ihm sind 0,1 bis 0,2 Liter Erdöl enthalten. In der Zahnpastatube, die meistens auch aus Kunststoff ist: ebenfalls Erdöl. So beginnt der Tag.

Dann nehmen wir eben einen Schlafanzug aus Baumwolle…
Martin Langer:
Das ist nur der Anfang: Zu Hause setzen wir uns auf die Couch. Der Dämm- und Schaumstoff besteht aus Polyurethan, das aus Erdöl hergestellt wird. Die durchschnittliche Couch in Deutschland hat etwa 60 Liter Erdöl in sich. Wir setzen uns auf das Motorrad, der dazu gehörige Helm enthält 1,3 Liter Erdöl. Wir nehmen das Handy in die Hand: 0,1 Liter Erdöl. In der Zahnprothese, die zum Teil aus Polymethylmethacrylat besteht, sind 0,1 Liter Erdöl enthalten. Die Brille besteht aus Polycarbonat, das ebenfalls ein Erdölprodukt ist, aus dem auch CDs gemacht werden. Wer fortschrittlich ist, hat ein Solarpanel auf dem Haus. Aber selbst dieses Panel – etwa ein Quadratmeter groß – wurde aus etwa vier Litern Erdöl hergestellt.

In welchen Alltagsprodukten steckt noch Erdöl?
Martin Langer:
In jedem Türlack befindet sich im Durchschnitt ein Liter Erdöl. Tennisschläger, Kletterseil, Angelschnur, Campingzelt: Alles besteht aus Polyamid, das aus Erdöl hergestellt wird. In jeder Ein-Liter-Flasche aus PET steckt etwa 0,2 bis 0,3 Liter Erdöl. In unsern Schuhsohlen aus Kunstleder, das aus Polyurethan hergestellt wird, sind etwa 0,3 Liter Erdöl-Derivate enthalten. In einem Buch, das 300 Seiten hat, steckt etwa 0,15 Liter Erdöl-Derivat. In einem Taschenrechner, in einem Faxgerät, in einem Joghurtbecher, selbst in einer Napalmbombe steckt Erdöl. Das gilt auch für jede Dachrinne, den Regenmantel, eine Espressomaschine, einen Tankdeckel, sogar für synthetisch hergestellte Wurstpelle; sie enthält etwa 0,15 Liter Erdöl.

Beispiel Pharmaindustrie: Wie sieht es dort mit dem Erdöl aus?
Martin Langer:
Die Pharmaindustrie ist dringend auf Erdölprodukte angewiesen. Heute ist in jeder Tablette im Durchschnitt ein Sechstel des Gewichtes ein Erdöl-Derivat. Beispielsweise der Überzug von Tabletten, der dafür sorgt, dass sich das Medikament erst nach einer Zeit im Magen auflöst, besteht aus einem Erdöl-Derivat. Damit Vitamin-Tabletten im Wasser sprudeln, gibt es so genannte Sprengstoffe im Medikament. Diese Sprengstoffe bestehen aus Erdöl-Derivaten. Oder Vaseline und und das Schmerzmittel Ibuprofen: Sie sind 100-prozentige-Erdöl-Produkte.

Wie lange werden die Öl-Ressourcen noch reichen?
Martin Langer:
Die heutigen, relativ verlässlichen Angaben deuten darauf hin, dass die Erdölvorräte noch mindestens drei Generationen, also mindestens 60 Jahre halten. Die Erdgasreserven reichen vermutlich noch 80 bis 90, vielleicht auch 150 Jahre. Die Prognose ist unsicherer, weil man nicht von allen Ländern verlässliche Angaben über die Größe der Reserve bekommt.

Heißt das, dass wenn das Erdöl verbraucht ist, nichts mehr funktionieren wird?
Martin Langer:
Bei den Beispielen handelt es sich um Alltagsprodukte, auf die wir immer wieder angewiesen sind. Das bedeutet: Wir müssen mit der Ressource Erdöl wesentlich sparsamer umgehen als bisher. Denn wir sind viel stärker darauf angewiesen, als wir glauben.

Aber es gibt doch Alternativen…
Martin Langer:
Die Bioplastikindustrie versucht, die Kohlenwasserstoffe für die Plastikherstellung nicht aus Erdöl zu gewinnen, sondern aus Alternativprodukten. Beispielsweise aus Kartoffel- oder Maisstärke, aus Zuckerrohr oder Reis. Das Problem ist: Werden Kartoffeln, Reis oder Zuckerrohr in Bioplastikprodukte umgesetzt, fehlen uns diese für die Ernährung der Menschen.

Was muss sich in unserm Verhalten ändern?
Martin Langer:
 Die nächste Generation muss so erzogen werden, dass sie den Umgang mit Erdölprodukten wesentlich besser versteht, als das heute der Fall ist. Wir konsumieren alle Erdölprodukte, ohne zu wissen, dass in den Produkten überhaupt Erdöl steckt. Grundsätzlich beginnt das Umdenken mit kleinen Dingen. Zum Beispiel bei der Plastiktüte, die wir vom Supermarkt nicht mehr mit nach Hause nehmen. Das größte Einsparpotential liegt jedoch im Umgang mit den Verkehrsmitteln.


Noch bis zum 31. Januar 2011 gibt es im Goldfuß-Museum der Universität Bonn, Nußallee 8, die Ausstellung "Erdöl – Fluch oder Segen" zu sehen. Gezeigt werden Aspekte von der Entstehung zur Verarbeitung des Erdöls bis zu den fertigen Produkten. Der Eintritt ist frei.

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