Seit 50 Jahren verzückt Jim Knopf Kinder und Erwachsene

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Seit 50 Jahren verzückt Jim Knopf Kinder und Erwachsene
Wer kennt sie nicht - Jim Knopf, Lukas, den Lokomotivführer und seine Emma? Vor 50 Jahren erschien das Buch von Michael Ende, das bis heute Eltern und Kinder begeistert.

Man hat schon lange nichts mehr von Jim Knopf gehört. Zum 50. Geburtstag könnte man ihn und Prinzessin Li Si ja mal besuchen in ihrem friedlichen Königreich "Jimballa". Das müsste leicht zu finden sein, es liegt ja gleich neben der Insel "Lummerland". Ob wohl Lukas noch lebt? Er hat ja damals ziemlich geraucht, beinahe so stark wie "Emma", seine Lokomotive.

Sackweise Fanbriefe

Das Kinderbuch "Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer", erschienen vor 50 Jahren am 9. August 1960 im Thienemann-Verlag, hat Kinder und Erwachsene schon immer animiert, sich in die Welt der kleinen "Insel mit zwei Bergen" mit der Eisenbahn und dem Kaufladen der Frau Waas hineinzuversetzen. Die Postboten brachten in den Anfangsjahren sackweise Fanbriefe. "Lieber Jim, willst du mich mal besuchen? Meine Mutter backt zwei Kuchen, wenn du kommst", hieß es darin etwa. Die Marionettenbühne Augsburger Puppenkiste inszenierte "Jim Knopf" und nahm das Stück bereits 1962 in fünf Teilen für das noch junge Fernsehen in Schwarz-Weiß auf.

Beide Helden der Geschichte von Michael Ende (1929 bis 1995) wurden von den Kindern ins Herz geschlossen, obwohl oder weil sie keine Supermänner sind. Da ist der rußige, lebenskluge Lukas, dem meist eine Lösung in aussichtslosen Situationen einfällt. Er verlässt die zu klein gewordene Insel "Lummerland" mit seiner seetauglich gemachten Lok "Emma". Mit an Bord: der kleine schwarze Junge Jim Knopf, der immer ein Loch in seiner Hose hat und das Lesenlernen für überflüssig hält.

Für Autor Ende, der später mit der "Unendlichen Geschichte" noch viel berühmter wurde, war "Jim Knopf" sein erstes Buch. Zuvor hatte er Texte für Kabarettprogramme und kulturkritische Beiträge und Filmkritiken für den Rundfunk verfasst. "Ohne zu wissen, wie der zweite Satz heißen wird", so sagte Ende 1994 in einem Interview mit der Fachzeitschrift "Deutschunterricht", habe er "Jim Knopf" begonnen. "Und ich war während des Schreibens selbst gespannt, wie es weitergehen soll".

Verlage zeigten kein Interesse

In den fantastischen Reichen des Michael Ende leben nicht nur gefährliche Ungeheuer wie der Drache Frau Mahlzahn, sondern auch ungefährliche und lustige Gestalten wie der Untertan "Herr Ärmel", der Scheinriese Herr Tur Tur oder das einjährige Kind "Ping Pong", dessen Kopf nicht größer ist als ein Tischtennisball.

Die Abenteuer des schwarzhäutigen Babys Jim, das der Postbote in einem Paket mit Luftlöchern irrtümlich nach "Lummerland" bringt, schickten die Verlage zunächst zurück. Mehr als zehn Lektoren lehnten das Manuskript ab. Als endlich ein Berliner Verlag und der Thienemann-Verlag Stuttgart zugleich anbissen, entschied sich Michael Ende für die höheren Tantiemen aus Berlin. Damit begannen die Streitereien mit dem Lektorat, das ihm aus sittlichen Gründen unter anderem die Verlobung der Prinzessin Li Si mit Jim Knopf herausstreichen wollte. Ende wechselte nach Stuttgart.

Sein Buch wurde eines der erfolgreichsten Kinderbücher der Bundesrepublik, 1961 mit dem Jugendliteraturpreis ausgezeichnet. Weltweit erreichten die beiden "Jim Knopf"-Bände bis heute eine Auflage von vier Millionen. In 33 Sprachen wurde die Geschichte übersetzt. Die ARD verarbeitete die Story noch einmal zu einer Zeichentrickserie, das Lied "Eine Insel mit zwei Bergen" wurde ein Hit. Literaturwissenschaftler begannen, "Jim Knopf" und Endes magische Welten entschlüsseln zu wollen.

Autor wollte kindliche Fantasie anregen

Was wollte der Autor sagen? - "Nichts! Nichts außer die kindliche Fantasie anregen", antwortete Ende auf diese Frage 1962 in einem Gespräch mit der Zürcher "Weltwoche". Aber das nehmen Leute wie Julia Voss dem Schriftsteller nicht ab. Fast 50 Jahre nach dem Erscheinen von "Jim Knopf" überraschte Voss im vergangenen Jahr mit ihrem Buch "Darwins Jim Knopf". Sie erzählt, dass es auf Charles Darwins Expeditionsschiff "Beagle" einen kleinen geraubten Jungen namens "Jimmy Button" gab, zieht Parallelen zwischen Lummerland und England.

Und die Publizistin kommt auch auf die Nationalsozialisten und ihre Kinderbücher zu sprechen, denen Ende in seiner Jugend ausgesetzt gewesen sein musste. Hier könnte er auf die Idee mit den reinrassigen Drachen gekommen sein, die Halbdrachen wie "Nepomuk", dessen Mutter ein Nilpferd war, aus der Drachenstadt vertreiben. Das Drachenland "Kummerland", so schreibt Voss, sei bei Ende eine Chiffre für den Nationalsozialismus.

Michael Ende ist seit 15 Jahren tot. Zur Entstehungsgeschichte seines Jim Knopfs gab er sich stets wortkarg. Aber schon auf Seite vier heißt es: "Warum die Insel übrigens Lummerland hieß und nicht irgendwie anders, wusste kein Mensch. Aber sicherlich wird das eines Tages erforscht werden."

epd