Die Tore zum Innenhof des Malteser-Zentrums Al-Fadi in Faraya, nordöstlich von Beirut, öffnen sich. Zwei kleine Busse fahren hintereinander herein und halten. Wir jubeln ihnen entgegen. Eine Woche lang, so lautet unser Auftrag, sollen wir vor allem eines verbreiten: gute Laune.
Die Türen gehen auf. Eine nach der anderen steigen die Frauen aus, vom Teenager bis zur alten Dame. Alle haben praktische, kurze Haare, alle lächeln uns neugierig an. Manche müssen getragen werden, andere sitzen im Rollstuhl. Sie leben mit körperlichen oder geistigen Behinderungen und sind für eine Woche unsere Gäste.
Mir ist eine Frau zugeteilt, über die wir nichts wissen. Unsere Gruppenleiterin hat keine Informationen bekommen: nicht, wie alt sie ist, nicht, welche Behinderung sie hat. Sie heißt Clemence, ist über 60 und flink auf den Beinen. Wir begrüßen uns neugierig, und unsere gemeinsame Woche beginnt.
"Es macht süchtig"
Seit Jahrzehnten laden die Malteser in Al-Fadi Menschen mit Behinderung aus Einrichtungen im Libanon zu einwöchigen Feriencamps ein. Nach Angaben der Organisation sind es jährlich mehr als 30 Camps mit rund 900 Gästen und über 1.000 Freiwilligen aus zwölf Ländern. In unserer Herbstwoche sind wir etwa 50. Familien aus ganz Deutschland mit vielen Kindern und Jugendlichen, zwei Teenager ohne Eltern, Alleinerziehende und Alleinstehende. Ich bin zum ersten Mal dabei, andere seit vielen Jahren. "Es macht süchtig", sagt Organisator Constantin von Wendt.
Wir sind hier, um uns eine Woche lang um die Frauen zu kümmern. Doch "kümmern" trifft es nicht ganz. Die Malteser sprechen vom Dienen. Was das eigentlich bedeutet, das sollen wir in diesen Tagen lernen.
Jeden Morgen um sieben Uhr treffen wir Freiwilligen uns in der Kapelle. Gabriel, ein Priester aus Rom, der mit uns gereist ist, leitet das einstündige Morgengebet. In dieser Woche geht es um die Werke der Barmherzigkeit, jeder Tag hat einen eigenen Impuls. Nach dem Gebet holen wir unsere Gäste ab. Die Nachtwache aus unseren Reihen blinzelt uns verschlafen entgegen. Viele unserer Gäste schlafen nicht durch, finden keine Ruhe oder brauchen eine frische Windel. Dennoch laufen uns jeden Morgen freudig die ersten entgegen. Rita sagt in den ersten Tagen nichts. Ihre eingeschränkte Mimik erschwert ihr das Sprechen und lässt sie stoisch wirken. Doch hinter einem abweisenden Äußeren verbirgt sich ein liebevoller und verspielter Mensch. Rita hat sich einige Sätze auf Englisch eingeprägt, die sie uns morgens schelmisch zuruft: "How are you?", schmettert sie unerwartet.
Ich öffne die Tür zu Clemences Zimmer. Sie steht schon vor ihrem gemachten Bett, fertig für den Tag. Wir nehmen uns an den Händen und gehen zum Frühstück. Im Saal füllen sich die Tische. Neben jedem Gast sitzt eine feste Betreuungsperson, manche Frauen werden gefüttert, andere essen allein. Wir Freiwilligen kommen erst danach an die Reihe.
Clemence sagt, sie sei gesund
Mein Sohn sitzt mit einem anderen Teenager Stunde um Stunde neben einer Frau, die stark medikamentös eingestellt ist und kaum reagiert. Die Regel gilt für alle: Den eigenen Gast lassen wir keine Minute allein. Keine Pause, kein Handy, kein Kaffee zwischendurch. "Anstrengend, wenn es überhaupt kein Feedback gibt", sagt er. Am Nachbartisch schreit eine andere Frau immer wieder laut, fegt Gegenstände vom Tisch und schlägt auch mal zu. Ihre Betreuerin hält das aus.
Jeder Tag hat sein Fest. Wir verkleiden uns und feiern Fasching, singen im Kreis, tanzen in der Herbstsonne zu arabischen Schlagern und führen gemeinsam Märchen auf. Weihnachten feiern wir vorgezogen. Am Nachmittag richten wir ein Schaumbad her, mit Musik und gedämpftem Licht, für alle, die das möchten. Wir massieren Füße und lackieren Nägel. Manche Frauen lieben diese Entspannung, andere können damit nichts anfangen, wie Clemence. "Ich bin es nicht gewohnt", lässt sie mich über die Dolmetscherin Kathrin wissen, eine libanesische Studentin, die das Projekt ehrenamtlich begleitet. Wir singen am Lagerfeuer.
Wir machen einen Ausflug in eine nachbarschaftlich gelegene Wirtschaft und unsere Gäste freuen sich auf den Genuss einer für sie sehr aufregenden Pepsi. Manche von ihnen haben noch nie das Meer gesehen. Deshalb bringen wir sie an die Küste von Beirut, das früher das Paris des Nahen Ostens genannt wurde. Am Strand hat man einen atemberaubenden Blick auf die sich steil erhebenden Häuser. Entzückt entdecken unsere Gäste die Wellen, in die sie vorsichtig, in Schwimmreifen gehüllt, hinein getragen werden. Nur Clemence möchte nicht. Noch nicht einmal ihre Schuhe will sie ausziehen.
Jeden Nachmittag ziehen wir gemeinsam in die Kapelle ein: "Jalla, Knese!" – auf geht’s zur Kirche. Am Ende des Gottesdienstes segnet uns Gabriel feierlich. Nach dem Abendessen bringen wir unsere Gäste ins Bett. Danach treffen wir uns zum Abendgebet und lassen den langen Tag langsam ausklingen. Wer noch Kraft hat, sitzt in der Küche beim libanesischen Bier Almaza zusammen.
Je länger die Woche dauert, desto mehr wundere ich mich über Clemence. Sie ist wach und aufmerksam, bewegt sich sicher und sieht, wo Hilfe gebraucht wird. Ich muss sie bremsen: Am liebsten würde sie ins Betreuungsteam wechseln. Sie holt anderen Gästen das Essen vom Buffet und füttert ihre Nachbarin, wenn deren Betreuer kurz unterwegs ist. Hat sie überhaupt eine Behinderung? Wir teilen keine Sprache, und sie danach zu fragen, finde ich heikel.
Ich bitte unsere Dolmetscherin Kathrin um Hilfe. Zuerst will Clemence nicht reden, Tränen in den Augen, wie so oft. Wir haben gerade gegessen. Kathrin wagt die Frage dann mit großer Empathie. Clemence erzählt, dass sie seit drei Monaten in der Einrichtung lebt. Zuvor habe sich die Frau ihres Bruders um sie gekümmert. Als diese krank wurde, sei sie ins Heim gekommen. Sie sei gesund, sagt sie. Sie hört nicht auf zu weinen.
Manche werden vor der Tür zurück gelassen
Wie kommt eine gesunde Frau in ein Heim für Menschen mit Behinderung? Ich frage Schwester Mona Saad, Oberin und Direktorin des Krankenhauses der Kreuzschwestern in Deir El Qamar, wo Clemence lebt. Zu Clemences Fall äußert sie sich nicht, aber grundsätzlich gelte: "Wir nehmen jeden Menschen in Not auf, mit oder ohne Behinderung, insbesondere die Ärmsten, Menschen, die von ihrer Familie und der Gesellschaft verlassen oder ausgegrenzt wurden, und diejenigen, die andere Einrichtungen nicht aufnehmen wollen." Das Haus wurde 1933 gegründet und bietet Platz für 300 Bewohnerinnen. Etwa 240 leben dort.
Hierher kommen Menschen aus allen Regionen des Libanon und auch aus dem Ausland, darunter aus Syrien und Palästina. Manche werden auf der Straße oder unter einer Brücke gefunden, vor der Tür zurückgelassen oder von der Gendarmerie mit einem schriftlichen Protokoll gebracht. Bei einigen weiß niemand, wer sie sind. Andere kommen mit Angehörigen, die sich später manchmal nicht mehr nach ihnen erkundigen.
Jede verdient besondere Aufmerksamkeit
Aufgabe der Kreuzschwestern sei es, berichtet Schwester Mona, den Bedürftigsten, Vergessenen und Verlassenen‚ Liebe, Würde und einen Lebensort zu bieten. Religion und soziale Herkunft spielten dabei keine Rolle. Im Haus lebten Musliminnen, Christinnen und Drusinnen, Menschen mit unterschiedlicher Schulbildung. Etwa 100 Bewohnerinnen sitzen im Rollstuhl, 120 brauchen Windeln, fast 50 sind wegen mehrfacher Behinderungen bettlägerig. Einige essen nur pürierte Nahrung und brauchen ständig Hilfe bei alltäglichen Verrichtungen.
Pflege, Mahlzeiten, Aktivitäten, so sieht der Tag der Bewohnerinnen aus. Besonders wichtig wären Besuche der Familien. "Leider kommen viele Familien nur selten. Einige Bewohnerinnen erhalten niemals Besuch, und niemand erkundigt sich nach ihnen", sagt Schwester Mona. Ob Clemence Besuch bekommt? Im Heim fehlt Personal. 47 Beschäftigte und sechs Ordensschwestern arbeiten dort, 32 davon unmittelbar mit den Bewohnerinnen. Mindestens zehn weitere Kräfte bräuchte die Einrichtung, dazu Fachleute für Physiotherapie, Psychologie, Sozialarbeit, Ergotherapie und Logopädie. In der Region sind sie schwer zu finden, und ihre Honorare sind für das Haus oft zu teuer.
"Der Personalmangel zwingt uns, uns auf die grundlegende Versorgung zu konzentrieren, zulasten der individuellen Begleitung und der auf jede Patientin abgestimmten Aktivitäten", sagt Schwester Mona. "Diese Situation macht uns traurig, denn jede verdient besondere Aufmerksamkeit." Die wirtschaftlichen Krisen im Libanon verschärften die Lage. "Die Preissteigerungen zwingen uns, von Tag zu Tag zu leben und nur das Nötigste sicherzustellen."
Kraft geben den Schwestern die Bewohnerinnen selbst, sagt Schwester Mona. "Ihre Liebe, ihre Aufrichtigkeit, ihre Geduld und ihr Mut angesichts der Schwierigkeiten des Lebens und ihrer Behinderung ermutigen uns jeden Tag, unseren Auftrag fortzusetzen." Schwester Mona sagt: "Eine Behinderung mindert weder die Würde noch den Wert eines Menschen."
"Wir wurden therapiert und nicht umgekehrt"
Für die Bewohnerinnen bedeutet diese Campwoche im Center Al-Fadi eine Unterbrechung ihres Alltags. Die Freiwilligen brächten ihnen weit mehr als Aktivitäten, so die Schwester: "Sie schenken ihnen Liebe, Aufmerksamkeit und das Gefühl, angenommen und wertgeschätzt zu werden." Sie wünsche sich, dass die Camps häufiger stattfinden, damit mehr Bewohnerinnen teilnehmen können.
Am letzten Morgen fällt der Abschied schwer. Wieder sammeln wir uns auf dem Innenhof und viele der Freiwilligen und Gäste weinen. Ich hoffe, Clemence bei einem der kommenden Camps wiederzusehen. Sie steigt in den Bus und winkt uns noch lange zu.
Wir Freiwilligen sammeln uns auf der sonnigen Terrasse und lassen die Woche Revue passieren. Raphael, der als "Gaukler" mit seiner Gitarre und Gesang für gute Laune in dieser Woche gesorgt hat, bringt es auf den Punkt: "Diese Tage waren erholsamer als drei Wochen am Strand. Wir wurden therapiert und nicht umgekehrt. Die Schwestern machen das nicht nur eine Woche, sondern immer. Für uns endet der Dienst, für die Schwestern hört er nie auf."
Sie möchten helfen?
Das Haus in Deir El Qamar braucht Lebensmittel, Milch, Windeln sowie Hygiene- und Reinigungsmittel. Besonders dringend wird ein speziell ausgestattetes Fahrzeug benötigt. Rollstuhlnutzerinnen und bettlägerige Bewohnerinnen können nicht in gewöhnlichen Autos fahren, brauchen aber Wege zu Arztterminen und zu Röntgenuntersuchungen in anderen Krankenhäusern. Das frühere Fahrzeug wurde bei einem Unfall schwer beschädigt und ist unbrauchbar. Spenden sind willkommen.
Malteserorden Deutschland Werke e.V.
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