Über die heilsame Kraft der Stille

Eric Pfeifer sitzt vor einem Klavier
Werner Kunz
Ob er auch auf dem Klavier die leisen Töne anschlägt? Stilleforscher Eric Pfeifer mag Musik.
Kirchen als Bewahrer der Ruhe
Über die heilsame Kraft der Stille
Podcasts, Smartphones, Großraumbüros: Unser Alltag ist voller Reize und Geräusche. Doch der Mensch braucht Phasen der Stille, um sich zu erholen und gesund zu bleiben, sagt Stilleforscher Eric Pfeifer. Und gibt Tipps, wie das gelingen kann.

Stille ist kein Luxus, sondern ein menschliches Bedürfnis, ist Stilleforscher Eric Pfeifer (Freiburg) überzeugt. Dem Evangelischen Pressedienst (epd) erklärt der Psychotherapeut und Musiktherapeut, warum Menschen sich nach Stille sehnen und weshalb der Lärm in vielen Schulen und Großraumbüros problematisch ist.

Außerdem gibt der Professor für Ästhetik und Kommunikation an der Katholischen Hochschule Freiburg Anregungen, wie Stille in den Alltag integriert werden kann.

epd: "Die Stille hören. Was geschieht, wenn es leise wird" heißt Ihr Buch, das neu im Herder Verlag (Freiburg) erschienen ist und ein Plädoyer für die Stille ist. Was sagen Sie als Experte: Warum brauchen wir Menschen überhaupt Ruhe?

Eric Pfeifer: Das menschliche Gehirn verarbeitet täglich unzählige Reize. In unserer digitalen Welt mit ständigen Impulsen durch Podcasts, Videos oder Musik benötigt das Gehirn Phasen der Reizreduktion, um gesund zu bleiben. Schon der Kinderarzt und Psychoanalytiker Donald Winnicott (1896-1971) betonte, dass selbst kleine Kinder Erfahrungen der Stille brauchen, um sich gesund zu entwickeln. Stille ist somit ein fundamentales menschliches Bedürfnis.

Stille in der Natur noch erholsamer als in Räumen

Sie schreiben, dass Stille-Erfahrungen in der Natur oft noch wohltuender als in geschlossenen Räumen sind - Warum?

Pfeifer: Stille in der Natur entfaltet zusätzliche Effekte. Studien der letzten zehn Jahre belegen, dass Ruhephasen in der Natur messbar zu besseren Ergebnissen führen als in Innenräumen. Die Natur wirkt sozusagen als "Booster".

Viele Unternehmen setzen auf Großraumbüros. Ist diese Entwicklung aus Sicht der Stilleforschung problematisch?

Pfeifer: Studien zeigen Vor- und Nachteile von Großraumbüros. Ein Hauptproblem ist jedoch der Verlust der individuellen Gestaltung des Arbeitsplatzes. Wer ein Einzelbüro nutzt, kann eigenständig entscheiden, wann die Tür geschlossen wird, um ungestört zu arbeiten. Das gibt Beschäftigten die Kontrolle über ihr akustisches Umfeld zurück. Fehlen solche Rückzugsmöglichkeiten, können Produktivität und Wohlbefinden spürbar leiden.
Schulen: Dauerhafte Lärmbelastung beeinträchtigt Lernerfolg

Nicht nur in Großraumbüros, auch in Schulen kann es laut zugehen. Welche Folgen hat ein zu hoher Geräuschpegel für Schüler und Lehrkräfte?

Pfeifer: Gemessen an den Richtlinien der WHO für Lernumgebungen überschreiten die Bedingungen an vielen Schulen die Grenzwerte deutlich. Diese dauerhafte Lärmbelastung beeinträchtigt den Lernerfolg der Schüler und gefährdet die Gesundheit aller Beteiligten. Insbesondere Lehrkräfte gehören zu einer Berufsgruppe mit sehr hoher Lärmbelastung, was häufig zu Erkrankungen führt.

Welche konkreten Maßnahmen empfehlen Sie, um den Schullärm wirksam zu reduzieren?

Pfeifer: Die Architektur bei Schulbauten könnte gezielte Maßnahmen zur Lärmdämmung berücksichtigen. Lärmprävention als Thema könnte fest in die Curricula des Lehramtsstudiums aufgenommen werden, um angehenden Lehrkräften zu vermitteln, wie sie sich und ihrer Schüler vor Lärm schützen können.

Hilfreich wäre es auch, reizreduzierte Rückzugsräume an Schulen einzurichten. Außerdem müssen Eltern einbezogen werden, um ruhige Phasen auch zu Hause weiterzuführen. Nur gemeinsam lässt sich die Belastung senken.
Lesen fördert den Zugang zu innerer Stille

Können auch Noise-Cancelling-Kopfhörer gegen Alltagslärm helfen?

Pfeifer: Anders als das Auge besitzt das Ohr keine "Ohrlider", um sich aktiv vor Reizen zu schützen. Kopfhörer bieten hier eine externe Schutzvorrichtung. Grundsätzlich sollte man jedoch Lärmursachen präventiv bekämpfen. Dass viele Menschen im Nahverkehr Kopfhörer ohne Musik tragen, zeigt eine Sehnsucht nach Abschirmung. Auch Städte reagieren: New York nutzt Lärm-Apps und Lautstärkenradare gegen laute Fahrzeuge.

Hilft es, Bücher zu lesen, um zur Ruhe zu kommen?

Pfeifer: Studien belegen, dass bereits wenige Minuten Lesen Stress spürbar senken können. Wenn wir ein selbstgewähltes Buch lesen, das uns Freude bereitet, fördert dies den Zugang zur inneren Stille. Selbst in geräuschvoller Umgebung wird das Lesen somit zu einer wertvollen, meditativ wirkenden Alltagsressource, um geistig zur Ruhe zu kommen.

Schon wenige Minuten Stille machen entspannter

Wie lange sollte eine Stille-Pause dauern?

Pfeifer: In Studien der Musiktherapie und Hirnforschung erweisen sich bereits drei bis acht Minuten als effektiv. In unseren Untersuchungen im Rahmen der Freiburger Stille-Studien konnten wir zeigen, dass sich die Menschen bereits nach sechseinhalb Minuten messbar entspannter und in besserer Stimmung erlebt haben. Sie grübelten weniger und erlebten die Gegenwart intensiver.

Wie lassen sich solche Ruheinseln praktisch in einen hektischen Alltag integrieren?

Pfeifer: Niemand muss täglich eine Stunde stillschweigend verbringen. Empfehlenswert sind vielmehr Stille-Mikrointerventionen als Alltagsrituale. Man kann beispielsweise in der Arbeitspause den Laptop zuklappen, sich zwei Minuten mit einem Tee hinsetzen und den Blick am Fenster ins Grüne oder in die Ferne schweifen lassen.

Stille muss vorbereitet werden

Kann längere Stille ohne Vorbereitung auch überfordern?

Pfeifer: Wer aus einem hoch beschleunigten Alltag direkt in ein dreiwöchiges Schweigeseminar geht, kann sich damit überfordern. Geist und Körper kommen da oft nicht mit. Wie im Leistungssport braucht es eine stufenweise Vorbereitung durch Alltagsrituale. So lernt man schrittweise, auch unruhige Gedanken oder Verdrängtes im eigenen Tempo auszuhalten, statt sie ständig durch das Smartphone zu betäuben.

Ob Eremiten in der Wüste oder Schweigetage im Kloster - Stille und Religion passen anscheinend zusammen. Woran liegt das?

Pfeifer: Viele Religionen haben Traditionen der Stillepraktiken, ja sind Orte, in denen Stille ihre Heimat hat. Viktor Frankl, Begründer der Logotherapie und Existenzanalyse, wies darauf hin, dass innere Selbstgespräche in Stille oft zu Dialogen mit einer höheren Instanz, nennen wir sie Gott, werden können. Wie die Forschung zur Reizreduktion zeigt, kann Stille transzendente Erfahrungen fördern.

Welche Bedeutung haben Kirchen als Orte der Stille in modernen Städten?

Pfeifer: Kirchen sind historisch gewachsene Schutzräume der Stille. In lauten Großstädten bieten sie wertvolle Rückzugsorte zur Einkehr, unabhängig von der persönlichen Gläubigkeit. Dass es solche Orte der Stille braucht, zeigen etwa stille Cafés, die derzeit in Großstädten entstehen. Kirchen erfüllen hier eine wichtige gesellschaftliche Schutzfunktion als Bewahrer der Ruhe. Dies könnten sie noch mehr vor sich hertragen und ausbauen.