Die Botschaft ist klar: Wer diese Herausforderung besteht, braucht sich im Leben vor nichts mehr zu fürchten; außer vielleicht vor den Ermittlungen des Militärischen Abschirmdienstes (MAD). Das im September 1996 gegründete Kommando Spezialkräfte gilt als die geheimste Truppe der Bundeswehr, deshalb war das Kürzel "KSK" in der Öffentlichkeit lange weitgehend unbekannt. Das änderte sich, als die damalige Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer 2020 die 2. Kompanie der im baden-württembergischen Calw stationierten Truppe auflöste, nachdem es zuvor rechtsextremistische Verdachtsfälle gegeben hatte.
Zu Beginn der Arbeit an ihrem Film "Geheime Krieger KSK" haben sich Henrike Sandner, Christian H. Schulz und Ulli Wendelmann garantiert gefragt, welchen Schwerpunkt sie legen und wie sie vorgehen wollen. Eine Annäherung allein von außen hätte den Nachteil gehabt, dass sie wahrscheinlich keine Interviews führen können, jedenfalls nicht mit aktiven oder ehemaligen Mitgliedern der Truppe. Eine Zusammenarbeit mit dem KSK wiederum hätte zwar den Nachteil, dass sich das Trio mit Kritik mutmaßlich zurückhalten muss, aber den Zugang zu internem Bildmaterial ermöglicht.
Das Ergebnis ist ein Kompromiss, mit dem vermutlich alle Beteiligten leben können. Die im Lauf der letzten Jahre öffentlich gewordenen Missstände (Stichwort "Schweinekopf-Party") kommen zur Sprache, aber der Film ist frei von grundsätzlichem Misstrauen. Er weckt im Gegenteil sogar Verständnis für die verschiedenen Vorfälle: Dass ein Soldat daheim Munition und Sprengstoff gehortet hat, wirkt wie ein Bagatelldelikt. Dass einige Männer bei ihrer Suche nach kämpfenden Vorbildern Lektüre über die Wehrmacht bevorzugten, lässt sich angeblich gar nicht vermeiden.
Tilmann P. Gangloff setzt sich seit 40 Jahren als freiberuflicher Medienkritiker unter anderem für "epd medien" mit dem Fernsehen auseinander. Gangloff (geb. 1959) ist Diplom-Journalist, Rheinländer, Vater von drei erwachsenen Kindern und lebt am Bodensee. Er war über 30 Jahre lang Mitglied der Jury für den Grimme-Preis, ist ständiges Mitglied der Jury Kindermedien beim Robert-Geisendörfer-Preis, dem Medienpreis der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), und 2023 mit dem Bert-Donnepp-Preis für Medienpublizistik ausgezeichnet worden.
Dass ein derartiger Männerbund, dem wegen der strikten Geheimhaltung die äußere Anerkennung versagt bleibt, möglicherweise besonders anfällig für rechtsextremistisches Gedankengut ist, kommt ebenso wenig zur Sprache wie die Frauenfrage: In der Vergangenheit gab es wiederholt den Vorwurf, Soldatinnen würde der Zugang zum elitären Kreis der Kommandosoldaten systematisch verweigert. Was der etwas sprunghaft konzipierte Film dagegen zeigt, sind echte Kerle. Das "Potenzialfeststellungsverfahren" ist eine Prozedur, in deren Verlauf körperliche und mentale Grenzen überschritten werden müssen.
Höhepunkt ist der Abschluss der berüchtigten "Höllenwoche": Wenn die Kandidaten am Ende ihrer Kräfte sind, müssen sie nach einem kräftezehrenden Nachtmarsch einen 25 Kilo schweren Baumstamm einen Berg hinauftragen; die Zeit läuft mit. Und das ist bloß das Auswahlverfahren: Im Rahmen der Ausbildung werden sie in weitere Grenzgebiete des menschlichen Daseins vorstoßen; kein Wunder, dass sie sich schließlich für die Besten der Besten halten.
Sandner, Schulz und Wendelmann haben für ihren federführend vom MDR betreuten Film viele Gespräche geführt, die in der Tat erhellende Einblicke geben, weil die Interviewpartner sehr offen über ihre persönlichen Erfahrungen sprechen; das Familienleben zum Beispiel ist angesichts oft mehrmonatiger Auslandseinsätze erheblichen Belastungen ausgesetzt. Mittendrin ist das Publikum nicht nur dank der Berichte auch bei den Kampfhandlungen. Hier hat das KSK offenbar internes Bildmaterial zur Verfügung gestellt.
Andere Szenen sind mit Hilfe Künstlicher Intelligenz erzeugt worden und wirken wie Animationssequenzen. Die Perspektive ist oftmals die eines Computerspiels. Das gilt auch für die Einsatzübungen auf dem KSK-Gelände, was man durchaus fragwürdig finden kann. Die Action-Musik trägt ebenfalls ihren Teil dazu bei, dass "Geheime Krieger KSK" streckenweise eher einem Kriegs- als einem Dokumentarfilm ähnelt.
Dazu passen zunächst auch die Aussagen der Männer: Natürlich spielt die Verteidigung des Landes eine Rolle, aber beherrschendes Motiv scheint die Lust auf Abenteuer zu sein, selbst wenn, wie es heißt, keine "Rambos" gesucht würden, sondern "hochspezialisierte Individuen", überdurchschnittlich engagiert, intelligent und aufopferungsbereit. Der Film kommt ohne Kommentar aus, für die Einordnung sorgt Militärhistoriker Sönke Neitzel (Uni Potsdam), der ganz unwissenschaftlich formuliert, das KSK gehe dahin, "wo’s wehtut." Die Einheit ist ursprünglich gegründet worden, um Geiseln im Ausland zu befreien, aber im Zweifelsfall habe sich die Politik "in die Hose gemacht" und lieber Lösegeld gezahlt. Einsätze gab’s für die Truppe trotzdem, unter anderem bei der Jagd auf Terroristen in Afghanistan.




