Diesen einen Fall noch lösen, diesen einen Mörder zur Strecke bringen, ehe das Gedächtnis erlischt: Das beliebte Krimi-Motiv bildet auch das Handlungsgerüst dieser sechsteiligen deutsch-österreichischen Serie. Die Geschichte beginnt mit einer Mitteilung, deren Botschaft jedoch erst etwas später nachgereicht wird.
Zunächst beschränkt sich Regisseur Daniel Prochaska darauf, die Reaktion der erschütterten Patientin zu zeigen. Alzheimer gilt als Alte-Leute-Krankheit, kann jedoch ebenso wie Demenz schon in vergleichsweise jungen Jahren auftreten: Provinzpolizistin Pia Kraus (Julia Koschitz) ist nicht mal fünfzig. Sie will den richtigen Moment abwarten, um ihren Mann Jonas (Matthias Koeberlin) und die beiden Teenager-Kinder zu informieren, aber der Gatte, dem ohnehin aufgefallen war, dass sie in letzter Zeit zunehmend zerstreut ist, findet zufällig das Schreiben mit der Diagnose.
Tilmann P. Gangloff setzt sich seit 40 Jahren als freiberuflicher Medienkritiker unter anderem für "epd medien" mit dem Fernsehen auseinander. Gangloff (geb. 1959) ist Diplom-Journalist, Rheinländer, Vater von drei erwachsenen Kindern und lebt am Bodensee. Er war über 30 Jahre lang Mitglied der Jury für den Grimme-Preis, ist ständiges Mitglied der Jury Kindermedien beim Robert-Geisendörfer-Preis, dem Medienpreis der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), und 2023 mit dem Bert-Donnepp-Preis für Medienpublizistik ausgezeichnet worden.
"Das Vergessen" haben ARD und ORF die Serie genannt; das ist die Dramen-Ebene. Der Titelzusatz "Spurlos im Moor" bezieht sich auf die tragische Krimi-Ebene: Vor sechs Monaten ist Pias siebzehn Jahre alte Nichte spurlos verschwunden. Sie hatte stets davon gesprochen, der Enge ihrer oberösterreichischen Heimat nahe der tschechischen Grenze so bald wie möglich entfliehen zu wollen. Die Menschen in dem kleinen Ort sind daher überzeugt, dass Amelie abgehauen ist.
Als eines Tages ein Hund einen blutigen Schuh im Moor findet, starten Pia und der zuständige Ermittler vom LKA eine großangelegte Suchaktion. Tatsächlich wird schließlich die Leiche der jungen Frau entdeckt. Gestorben ist sie allerdings nicht etwa vor sechs Monaten, sondern vor wenigen Tagen; unmittelbar vor ihrem Tod hat sie ein Kind zur Welt gebracht.
Vor diesem Hintergrund entwickelt das dreiköpfige Drehbuchteam (Timo Lombeck, Marcel Kawentel, Rebekka Reuber) eine komplexe Handlung, die das Drama auf doppelt fesselnde Weise mit dem Krimi kombiniert: Weil sich Pias Aussetzer häufen, beginnt sie, sämtliche Erkenntnisse schriftlich und akustisch festzuhalten, zumal sie Halluzinationen hat und ihrer Wahrnehmung nicht mehr trauen kann. Den Kolleginnen und Kollegen bleibt nicht verborgen, dass sie nicht mehr die alte ist. Für ihre Familie gilt das selbstverständlich erst recht.
Zumindest die Kinder muss sie schließlich einweihen. Im Revier soll jedoch niemand erfahren, wie es um sie steht; der Ermittlungsleiter würde sie umgehend von dem Fall abziehen. Bevor ihr Erinnerungsvermögen sie gänzlich im Stich lässt, will sie unbedingt noch herausfinden, wer Amelie auf dem Gewissen hat.
Ähnlich wie die "Landkrimis" des ORF bezieht auch diese Serie ihren Reiz aus der Verwurzelung der Hauptfigur in ihrer Heimat: Pia kennt alle und jeden, was die Ermittlungen nur scheinbar vereinfacht; mit dem Lehrer, der sich an Amelies erotischen Fotos auf einem einschlägigen Internetportal erfreut hat, ist sie ebenso gut bekannt wie mit dem Besitzer einer Kfz-Werkstatt, der nebenbei einen schwunghaften Handel mit Crystal Meth betreibt. Eine besondere Beziehung hat Pia zum deutlich jüngeren vorübergehenden Vorgesetzten: Die beiden sind nicht nur befreundet, sie war einst auch seine Ausbilderin.
Daniel Prochaska, Sohn des hierzulande vor allem für die ZDF-Reihe "Spuren des Bösen" mit Heino Ferch bekannten österreichischen Regisseurs Andreas Prochaska, beweist nach der famos gespielten seriellen Ferdinand-von-Schirach-Adaption "Glauben" (2021, Vox), seinem ORF-Beitrag zum Fußballserienprojekt "Das Netz" ("Prometheus", 2022) sowie den Serien "Am Ende – Die Macht der Kränkung" (2023, ZDF) und der zweiten "Totenfrau"-Staffel (2025, Netflix) erneut sein außerordentliches Regietalent. Prägendes Merkmal all’ seiner Arbeiten ist eine herausragende Bildgestaltung. "Das Vergessen" (Kamera: Adrian Bidron, André Mayerhofer) imponiert neben einer sorgfältigen Lichtsetzung durch stimmungsvolle und gerade bei den Kameraflügen über die Moorlandschaft auf morbide Weise schöne frühwinterliche Nebelbilder.
Dazu passen einige wenige und zudem moderate Gruselmomente; die bewegenden Szenen überwiegen deutlich. Regisseurin der beiden fesselnden Finalfolgen mit dem Schlussknüller war Johanna Moder.
Auch darstellerisch ist die Koproduktion zwischen ARD und ORF sehenswert. Bei den erfahrenen Ensemble-Mitgliedern ist das nicht weiter verwunderlich, selbst wenn Julia Koschitz das zunehmende Schwinden von Pias geistiger Gesundheit formidabel verkörpert, aber Prochaska und Moder haben auch die jugendlichen Mitwirkenden sehr gut geführt. Besonders präsent sind Anja Pichler als Pias Tochter und Fabia Matuschek, die die lebensfreudige Amelie mit ihrer selbstbewussten Präsenz mühelos vom einseitigen Status als Mordopfer emanzipiert. Das "Erste" zeigt "Das Vergessen" heute ab 20.15 Uhr sowie morgen ab 21.45 Uhr. Die Serie bereits in der ARD-Mediathek.




