TV-Tipp: "Denn dieses Leben lebst nur du"

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22. Oktober, SWR, 23.35 Uhr
TV-Tipp: "Denn dieses Leben lebst nur du"
Der Dokumentarfilm portraitiert drei Transpersonen aus der oberschwäbischen Provinz. Sie berichten von oft verständnislosen Mitmenschen. Dennoch verbreitet der Film eine lebensfrohe, positive Stimmung.

"Glaube an Wunder, Liebe und Glück. Schaue nach vorn und nicht zurück. Tu’, was du willst, und steh’ dazu, denn dieses Leben, das lebst nur du": Dieses Motto ist früher, als es noch Poesiealben gab, vermutlich vielen jungen Menschen mit auf den Weg gegeben worden. Wie bei so manch’ gutgemeinter Weisheit zeigt sich jedoch mitunter, dass zwischen Theorie und Praxis unüberwindbare Lücken klaffen, weil sich der angestrebte Lebensweg zum Beispiel ganz erheblich von den Erwartungen der Familie oder der Umgebung unterscheidet.

In abgelegenen dörflichen Regionen gilt das noch mal ungleich mehr, weil nicht selten Jahrzehnte vergehen, bis gesellschaftliche Veränderungen, die in den Großstädten längst Alltag sind, auch hier akzeptiert werden; manchmal jedoch nie.

Douglas Wolfsperger, für seine Dokumentarfilme wie "Bellaria – So lange wir leben!" (2001) oder "Wiedersehen mit Brundibar" (2014) vielfach geehrt, beschreibt dieses Schicksal anhand dreier Menschen, die irgendwann einen radikalen Schnitt gemacht und mit ihrem bisherigen Dasein konsequent gebrochen haben. Gemäß der Maxime, dass es kein richtiges Leben im falschen gibt, haben sie auch physisch vollzogen, was ihnen im Kopf schon lange klar war: Gabriel (45), Melina (44) und Elisabeth (65) sind mit einem Körper zur Welt gekommen, der nicht ihrer geschlechtlichen Identität entsprach.

Den Titel "Denn dieses Leben lebst nur du" hat Wolfsperger dem eingangs wiedergegebenen Motto entnommen, Melina rezitiert es gleich zu Beginn, und in diesem Zusammenhang darf durchaus von einer Art heroischem Trotz gesprochen werden: Es lässt sich nur erahnen, was die drei durchgemacht haben. Gabriel lebt im oberschwäbischen Bad Waldsee, er hat sich seinen neuen Namen auf die Hand tätowieren lassen, weil seine Mutter ihn hartnäckig mit dem alten ansprach.

Das klingt witziger, als es vermutlich war, aber Larmoyanz lassen die drei nie aufkommen, selbst wenn sie mehrfach andeuten, wie steinig der Weg in die Gegenwart war: Gäbe es noch Hexenverbrennungen, musste sich Elisabeth aus Rot an der Rot (Landkreis Biberach) anhören, wäre sie längst auf dem Scheiterhaufen gelandet. Sie ist nicht trans-, sondern intersexuell, wies bei ihrer Geburt also Merkmale beider Geschlechter auf.

Die Scheide ist damals kurzerhand zugenäht worden, aber der heranwachsende Ewald betrachtete sich nicht als Junge. Dennoch vergingen viele Jahre, bis er den existenziellen Schritt wagte und sich in Elisabeth verwandelte. Von ihrer Musikkapelle hat sie sich anschließend schweren Herzens verabschiedet; die anderen Musikanten kamen mit der Verwandlung, die aus ihrer Sicht eine Verwirklichung war, nicht klar. Diakon durfte die studierte Theologin auch nicht mehr sein, das Amt ist in der katholischen Kirche Männern vorbehalten.

Trotz dieser Zwischentöne war es dem Regisseur offenkundig ein Anliegen, eine positive Grundhaltung zu vermitteln, wie auch die äußerst stimmige Musik (Peter Albrecht) signalisiert. Erfrischendste Figur des Films ist daher ein Bäcker, der bereits in Wolfspergers Film "Die Blutritter" (2004) mitgewirkt hat. Stefan Müller weiß, wie das Leben auf dem Land funktioniert: "Wenn du Außenseiter bist, hast du es nicht leicht. Da sind die Leute nicht mehr nett, schauen dich nicht mehr an, laufen an dir vorbei, tuscheln…Die Leute haben keine Ahnung, aber eine eigene Meinung."

Später lässt er sich von Melina, die mit ihrer Lebensgefährtin Dunja (ebenfalls Transfrau) in Friedrichshafen lebt, im Detail erklären, wie eine Geschlechtsumwandlung physisch abläuft. Psychisch, versichert Elisabeth gleich zu Beginn des Films, ändere sich im Grunde nicht viel: "Ich bin immer noch der gleiche Mensch, nur glücklicher."

Neben dem Bäcker kommen zwei Männer zu Wort, die die andere Seite repräsentieren. Ein Kollege Melinas schwärmt erst von "Drag Queens" und sagt dann zu ihr: "Aber wenn man dich sieht…". Für den Schluss hat Wolfsperger ein Gespräch des Trios mit Eugen Abler arrangiert, und jetzt wird’s doch noch gruselig. Der oberschwäbische Kommunalpolitiker ist 2020 nach über vierzig Jahren aus der CDU ausgetreten, dabei dürfte er aus Sicht von Gabriel, Elisabeth und Melina selbst der Antichrist sein. Abler wettert in seinem Buch "Verrat am C" gegen "Genderideologie", die Ehe für Alle und die Einführung eines dritten Geschlechts; den Dreien prophezeit er sinngemäß, sie befänden sich auf direktem Weg in die Hölle. Gabriel entgegnet ihm, er habe bloß Angst vor Vielfalt. Und einen Vorgeschmack auf die Hölle, das wird zwischen den Zeilen deutlich, hat das Trio ohnehin schon erlebt.