TV-Tipp: "Das verschwundene Kind"

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19. Oktober, ZDF, 20.15 Uhr
TV-Tipp: "Das verschwundene Kind"
Die Suche nach einem verschwundenen Jungen legt die Nerven aller Beteiligten blank. Der 12-Jährige war ein so genannter "Systemsprenger" - doch die wahren "Psychos" im Film sind die Erwachsenen.

In Dramen finden zerstrittene Paare oft wieder zusammen, weil zu Beginn des letzten Akts der kleine Sohn oder die Tochter verschwinden; die Sorge macht den Streit zur Nebensache. Silke Zertz hat für ihr Drehbuch eine andere Dramaturgie gewählt, wie schon der Titel verdeutlicht: Hier verschwindet das Kind gleich zu Anfang.

Das Ereignis sorgt jedoch keineswegs dafür, dass eine Gemeinschaft enger zusammenrückt, im Gegenteil: Offenbar hat es schon vorher feine Risse im Gefüge der Wahlfamilie gegeben; angesichts der emotionalen Belastung werden schwere gegenseitige Vorwürfe erhoben.

"Das verschwundene Kind" beginnt mit einem Fest, das alsbald von düsteren Wolken überschattet wird, und das keineswegs bloß am Himmel. Eigentlich wollten die beiden Paare Sophie und Thies (Julia Koschitz, Mark Waschke) sowie Inga und Bodo (Anna Schudt, Hans Löw) ein Jubiläum feiern: Vor zwanzig Jahren haben sie einen Bauernhof im Wendland übernommen, um dort als Großfamilie zu leben. Aaron, der zwölfjährige Sohn von Sophie und Thies, sollte längst zuhause sein, zumal sich mittlerweile ein Unwetter entlädt.

Allerdings teilen nicht alle Beteiligten die Sorgen der Eltern. Vor allem Jella, die Teenager-Tochter von Inga und Bodo, ist nicht gut auf Aaron zu sprechen. Ihrer Ansicht nach stört er das Leben auf dem Hof, seit er laufen kann. Selbst Sophie muss einräumen, dass ihr Sohn ein schwieriger Junge ist, der sich oft nicht an Regeln hält.

Das wiederum ist, wie sich alsbald zeigt, eine erhebliche Untertreibung, denn nun entwirft Zertz, für ihr Drehbuch zu dem Sat.1-Zweiteiler "Wir sind das Volk" 2009 mit dem Deutschen wie auch dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet, mit Hilfe von Rückblenden das Bild eines typischen Systemsprengers. Zunächst geht es nur um die Ursache eines drohenden Schulverweises: Aaron hat Mitschüler Finn die Treppe ’runtergestoßen. Finn hat sich dabei so schwer verletzt, dass ein Rettungswagen kommen musste. Das war nicht der erste Vorfall dieser Art: Aaron hat bereits drei Schulwechsel hinter sich.

Das Drehbuch basiert auf dem Roman "Unter Wasser Nacht" von Kristina Hauff. Wer das Buch kennt, wird bald feststellen, dass Zertz die Vorlage recht kühn adaptiert hat, allerdings in Absprache mit der Schriftstellerin. Die Drehbuchautorin hat in Zusammenarbeit mit Frauke Hunfeld die Drehbücher zu einigen sehr guten Fernsehfilmen geschrieben (darunter zuletzt die herausragende ARD-Serie "Lauchhammer – Tod in der Lausitz", 2022), den Roman klug verdichtet und sich auf die Stunden nach Aarons Verschwinden konzentriert.

Außerdem hat sie einen Aspekt in den Vordergrund gerückt, der bei Hauff nur eine untergeordnete Rolle spielt: Warum hat sich Aaron zu einem derart schwierigen Kind entwickelt? Mit dem Wissen um eine spät im Film verkündete Information erscheinen die bisherigen Ereignisse tatsächlich in einem völlig anderen Licht, nun lassen sich auch die dynamischen Prozesse innerhalb der Kleingruppe viel besser nachvollziehen.

Bis dahin steht jedoch die Suche nach Aaron und die zunehmende Verzweiflung der Eltern im Vordergrund. Schließlich liegen die Nerven derart blank, dass es gar zu Handgreiflichkeiten kommt. Ausgerechnet Jella und ihr älterer Bruder Lasse (Cäcilia Kirchner, Jona Levin Nicolai) sprechen angesichts des Verhaltens der vier Erwachsenen die unbequemen Wahrheiten der Geschichte aus.

Beide haben allerdings auch eine kräftige Mitschuld an Aarons Verschwinden, wie weitere Rückblenden belegen. Zunächst bereichert Bernardi das Drama mit der Suche nach dem Jungen jedoch um klassische Spannungselemente. Nacheinander werden ein Schuh und das Fahrrad des Jungen gefunden, die Polizei setzt Spürhunde ein; jetzt geht es auch um die Frage, ob es sich um ein Verbrechen handelt.

Inmitten all’ der Einschübe, die Aaron stellenweise in die Nähe des kindlichen Antichristen aus dem Horrorklassiker "Das Omen" (1976) rücken, gibt es einen lichten Moment, als ein Ornithologe, der ihn regelmäßig am Elbufer getroffen hat, dem Vater zu seinem "tollen Jungen" gratuliert. Nun ergibt sich eine völlig andere Seite Aarons, die ein erster Hinweis auf das zuversichtlich stimmende Ende ist. In einer der Rückblenden hat Thies, selber Lehrer, seinen Sohn ganz unpädagogisch als "verdammten Psycho" bezeichnet.

Die wahren "Psychos" in dieser Geschichte sind selbstredend die Erwachsenen, die ihre Kinder zwölf Jahre lang mit einer Lüge aufwachsen ließen. Eine weitere Hauptrolle neben dem ausgezeichneten Ensemble spielt die Landschaft der Mittleren Elbe, hier hat Aaron viel Zeit verbracht, hier ist er auch das letzte Mal gesehen worden.