Buchtipps zum Eintauchen in jüdisches Leben

Ein Halskette mit Davidstern
Getty Images/iStockphoto/Maor Winetrob
Lesend sein Wissen zu vertiefen, neue Perspektiven kennenzulernen und sich mit jüdischem Leben in seiner Vielfalt auseinanderzusetzen, das geht mit diesen Buchvorschlägen.
Blick in eine andere Kultur
Buchtipps zum Eintauchen in jüdisches Leben
Das Ev. Literaturportal empfiehlt in Zeiten, in denen sich antisemitische Tendenzen in Deutschland leider wieder vermehrt zeigen, zwei Sachbücher und drei aktuelle Romane, die von jüdischen Erfahrungen, von Zugehörigkeit und Ausgrenzung, von Erinnerung und Identität erzählen.

Shalom zusammen! 


Jung, jüdisch, sichtbar: Tanya Raab räumt mit Klischees auf – ehrlich, mutig und persönlich. Ein frischer Blick auf jüdisches Leben heute.

"Shalom zusammen!* von Tanya Raab ist ein erfrischendes, persönliches und mutiges Buch. Die junge Aktivistin erzählt offen über ihr jüdisches Leben in Deutschland – queer, feministisch, modern. Schon als Kind erlebte sie Vorurteile ("Du siehst ja gar nicht jüdisch aus"), später lernte sie, dass sie sich verstecken solle. Heute trägt sie Davidstern und Regenbogen-Kippa ganz bewusst – und zeigt damit, wie vielfältig jüdisches Leben sein kann.

Raab räumt mit Klischees auf, klärt über Antisemitismus auf und fordert eine ehrlichere Erinnerungskultur. Sie mischt Scharfsinn, Witz und persönliche Erfahrungen, wenn sie beschreibt, wie deutsche Gedenkkultur manchmal eher schützt als heilt. Besonders stark sind die Einblicke aus ihrem Alltag: Alltagserfahrungen, Familienleben und ihr Mut, jüdisch zu sein – sichtbar und unübersehbar.

Ein möglicher kritischer Punkt: Der sehr persönliche Zugang mit vielen Anekdoten und Instagram-Bezug (@oy_jewish_mamma) wirkt stellenweise zu punktuell – Leser:innen, die mehr systematische Analysen suchen, könnten Tiefe vermissen. Dennoch: Das Buch regt an, ins Gespräch zu kommen und Vorurteile zu hinterfragen.

Nicht nur für evangelische Büchereien eine echte Bereicherung. Es lädt ein, jüdisches Leben heute neu zu entdecken – und macht Mut, gemeinsam die Vielfalt jenseits von Klischees zu gestalten. Maike Linne 

Raab, Tanya: Shalom zusammen! Warum wir falsche Vorstellungen von jüdischem Leben haben und das gemeinsam ändern sollten. Tanya Raab. München: Knaur 2025. 233 S. ; 21 cm. ISBN 978-3-426-28464-3, kt.: 18,00 €

Kinder des Radiums


Eine Familiengeschichte ist Spurensuche mit unglaublichen Entdeckungen.

Wenn man sich entscheidet, die Decke, die über der eigenen Familiengeschichte liegt, anzuheben, dann braucht man Mut und die Entschlossenheit, sich dem zu stellen, was sichtbar werden wird. Der Autor hat erleben müssen, was für unglaubliche Ereignisse unter dieser Decke verborgen waren. Sein jüdischer Urgroßvater war Chemiker und entwickelte radioaktive Haushaltsmittel. Das befähigte ihn, für die Wehrmacht bei der Produktion von Gasmasken mitzuwirken. Denn schließlich brauchte man gefährliche Gase, um die Funktionsfähigkeit der Masken ausprobieren zu können. Die dabei entwickelten Gase wurden schließlich in den Gaskammern der Konzentrationslager eingesetzt. Damit nicht genug. Als der Urgroßvater wegen seiner jüdischen Herkunft nicht mehr tragfähig war, wurde er quasi in die Türkei verbannt und setzte dort für türkische Firmen im dt. Auftrag sein Werk fort.

Diese wenigen Teile einer insgesamt diffizilen Familiengeschichte begegnen den Lesenden und lassen diese atem- und fassungslos zurück. Dirk Purz 

Dunthorne, Joe: Kinder des Radiums. auf den Spuren meiner jüdischen Familie. Joe Dunthorne. Dt. von Hans-Christian Oeser. München: Berlin Verl. 2025. 251 S. : Ill. ; 21 cm. Aus d. Engl. ISBN 978-3-8270-1450-4, geb.: 24,00 €

Die glücklichste Familie der Welt


"Leben auf dünnem Eis" oder die Nachwirkungen des Holocaust auf die Enkelgeneration.

"Sie war schwanger mit dem Kind eines Mannes, sehnte sich nach einem anderen und hatte einen Termin für eine Abtreibung" - das ist die Situation der 30-jährigen, jüdischen Sara aus Malmö bei einem Berlintrip mit ihrem Onkel Mats und Cousine Evi auf den Spuren ihrer jüdischen Großmutter Irma Wolff, die vor den Nazis mit einem Kindertransport nach Schweden entkommen konnte. Gemeinsam möchten sie Briefe der Großmutter aus Kriegstagen dem jüdischen Museum in Kreuzberg übergeben und den Stolperstein ihrer Familie in Moabit besuchen.

In einem zweiten Erzählstrang wird parallel der Lebensweg von Irma Wolff nachgezeichnet, mit ihren Vorfahren aus Westpommern, ihrem erzwungenen Abschied ohne die Eltern von Berlin und ihr weiteres Leben in Stockholm.

Eine Geschichte über das Schicksal einer jüdischen Familie im Zweiten Weltkrieg, eine unter Tausenden, und die Nachwirkungen auf die nächsten Generationen - sensibel erzählt mit Fragen nach Heimat, Zugehörigkeit und Beziehungen. Karin Steinfeld-Bartelt 

Brynhildsen, Anna: Die glücklichste Familie der Welt. Roman. Anna Brynhildsen. Dt. von Franziska Hüther. Frankfurt am Main: S. Fischer 2026. <332 S. ; 21 cm. 
Aus d. Schwed. ISBN 978-3-7587-0034-7, geb.: 23,00 €

In der Tiefe des Tigris schläft ein Lied


Ein Sohn erfüllt den Wunsch seines Vaters, dessen Asche zur Hälfte in Israel zu beerdigen und im Tigris zu verstreuen.

Gadi hat seinen Vater, einen im Irak geborenen Juden seit 30 Jahren nicht mehr gesehen. Umso größer ist die Überraschung über einen Anruf aus Israel: Der Vater liege im Sterben und wolle den Sohn nochmals sehen. Nach dessen Tod erfährt Gadi den ungewöhnlichen letzten Wunsch des 84-Jährigen, nämlich die Hälfte seiner Asche in Israel zu beerdigen, die andere im Tigris bei Bagdad zu verstreuen. Gleichzeitig erbt Gadi eine Ledertasche mit Notizbüchern. Bei der Lektüre stößt Gadi auf ein düsteres Kapitel der irakischen Geschichte: die Verfolgung und Ermordung der jüdischen Bevölkerung, an der auch Nationalsozialisten beteiligt waren; ein Schicksal, dem sein Vater nur durch die Flucht nach Israel entkam. Fast unmerklich, entfaltet sich dieses hochdramatische Buch ("Jedes Kapitel ein Paukenschlag") zu einer tief berührenden Familiengeschichte. Mit poetischer Sprache und kunstvollen Rückblenden verknüpft der Autor Vergangenheit und Gegenwart, persönliche Erinnerung und kollektives Trauma. 

Ein völkerverbindendes Buch, das bestimmt viele aufgeschlossene Leser*innen finden wird und das hilft, die über Jahrhunderte entstandenen Wunden (irakischer) Juden zu verstehen. Martina Mattes 

Al Shamani, Usama: In der Tiefe des Tigris schläft ein Lied. Roman. Usama Al Shamani. Zürich: Limmat 2025. 223 S. ; 20 cm. ISBN 978-3-03926-093-5, geb.: 26,00 €

Kurze Geschichte des Judentums


Eine kurze Einführung in die Geschichte, Traditionen und Denkweisen des Judentums von den Anfängen bis heute.

Nach einer kurzen Einführung vermittelt der Autor, was man über die jüdische Religion wissen sollte. Er betrachtet das Judentum als eine Traditionsgemeinschaft, für ihn ist das Judentum nicht nur die Religion des Alten Testaments, denn das teilen die Juden mit den Christen und im Wesentlichen auch mit den Muslimen. Für ihn ist das Judentum eine in der Spätantike entstandene rabbinische Religion. Bevor es die jüdische Religion gab, haben Juden im ganzen römischen Reich in der Diaspora verstreut gelebt und ihren Glauben verbreitet. Für Brumlik gibt deshalb kein jüdisches Volk im Sinne einer biologischen Abstammungsgemeinschaft. Als kultureller Faktor hat aber das Judentum die Kultur Europas bis heute geprägt, dieser findet sich z.B. in der späten Antike bis zur Aufklärung. Zu den negativen Erfahrungen für Juden gehört der Antisemitismus des 19. und 20. Jahrhunderts. Abschließend geht es Brumlik darum ein postzionistisches Judentum in Europa, auch in Deutschland, neu zu begründen.

Ein informativer und gleichzeitig gut lesbarer Überblick über die historische Entwicklung des Judentums bis heute mit neuen Perspektiven für das 21. Jh. 
Martin Ertz-Schander 

Brumlik, Micha: Kurze Geschichte des Judentums. Micha Brumlik. Berlin: Jacoby & Stuart 2026. 207 S. : Ill. ; 22 cm. ISBN 978-3-96428-337-5, geb.: 22,00 €

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