Traditionsunternehmen saniert Sauer-Orgel

Sanierung der Berliner Orgel
epd/Alexandra Sell
Die Reinigung der Tasten dürfte noch die geringste Schwierigkeit sein bei der Sanierung des komplexen Instruments.
Arbeiten im Berliner Dom
Traditionsunternehmen saniert Sauer-Orgel
"Alles Made in Germany" erklären die Mitarbeiter:innen des brandenburgischen Betriebs Sauer. Ihr Großprojekt: Der beschädigten Orgel im Berliner Dom wieder zu altem Ruhm und Glanz zu verhelfen. In Kürze startet die umfassende Sanierung.

Mehr als 7.000 Pfeifen, mehr als 100 Klangfarben: Die große Sauer-Orgel im Berliner Dom, ein weltweit einmaliges Instrument aus dem Jahr 1905, benötigt eine umfassende Reinigung. Staub von den Bauarbeiten an der Hohenzollern-Gruft der Kirche setzt der Orgel zu, grau, zäh, klebrig und aggressiv zum Metall. "Gefahr im Verzug", sagen die Fachleute des Doms, den Kaiser Wilhelm II. einst als "Hauptkirche des Protestantismus" in Auftrag gegeben hatte.

Die auf rund 400.000 Euro veranschlagten Arbeiten übernimmt der Betrieb, der in der Tradition des Erbauers der Orgel steht: 1857 von Wilhelm Sauer (1831-1916) in Frankfurt an der Oder gegründet, heute mit Sitz in Müllrose im Osten Brandenburgs.

Die Reinigungsarbeiten sollen von Januar bis März laufen und werden das große Projekt der Sauer-Werkstatt in den kommenden Monaten sein. Am Montag (12. Oktober) beginnen im Dom die Vorarbeiten dafür.

Tausende neue Membranen

"Filigrane Handarbeit" sei dafür nötig, erzählt Orgelbaumeister Thomas Lang. Im Mittelpunkt steht zunächst die Konstruktion zur Steuerung des Luftstroms, der die Orgelpfeifen zum Klingen bringt. Mehr als 7.000 Membranen müssen dort ausgetauscht werden. Die kleinen Teile, die in Müllrose schon bereitstehen, seien hochwichtig für eine präzise Wind-Steuerung der Orgel, erklärt Lang.

Die imposante Orgel neben der Kanzel begeistert viele Besucher des Berliner Doms.

Im Eingangsbereich vor dem Zugang zur Werkstatt hängt das Leitmotiv des Betriebs: "Wir loben Gott und lassen ihn walten, bauen neue Orgeln und reparieren die alten". Seit der Gründung vor fast 170 Jahren sind 2.278 Instrumente entstanden, im In- und Ausland, auch auf anderen Kontinenten.

Für die reformierte Gemeinde in Pretoria in Südafrika wurde Ende des 19. Jahrhunderts eine Sauer-Orgel gebaut, ebenso für das Konservatorium von Rio de Janeiro in Brasilien und für die St. Nikolaus-Basilika in Amsterdam. 1910 bekam auch die evangelische Himmelfahrtskirche in Jerusalem ein Instrument von Sauer. Doch sein Meisterwerk steht in Berlin, in der größten protestantischen Kirche in Deutschland, dem Berliner Dom.

"Alles Made in Germany"

In Müllrose wird derzeit an mehreren Projekten gearbeitet. In der Werkstatt liegen in einer Ecke große, schwere Metallstücke, darunter hinter Gitter und weggeschlossen auch Blei. Ein paar Meter weiter steht ein Schmelzofen mit großem Abzug.

Die fertigen Bleche, meist zu drei Vierteln aus Zinn, zu einem Viertel aus Blei, bekommen per Hobelmaschine die richtige Stärke. Walzen würde die Struktur des Metalls zerstören. Fertigteile von anderswo zum Weiterverarbeiten kämen nicht infrage, erzählt Lang: "Das ist alles Made in Germany."

Mit weit mehr als 7000 Pfeifen kann die Sauer-Orgel die Zuhörer in beeindruckende Klangwelten entführen.

Orgelpfeifen verschiedener Größen lagern in dem Raum. Zwei Mitarbeiter entfernen an einer Werkbank mit Schleifschwämmen Farbe von Metallpfeifen. An einem Regal lehnen 14 große Orgelpfeifen, silbern glänzend in transparente Plastikfolie verpackt, und warten auf ihre Reise nach Gleiwitz in Polen. Doch das sind fast nur noch Nebensächlichkeiten. "Wir konzentrieren uns jetzt voll auf den Dom", sagt Geselle Dominik Bozek: "Das ist unsere wichtigste Orgel."

"Liebe auf den ersten Ton"

Domorganist Andreas Sieling kennt die große Sauer-Orgel seit 1992. Das war die Zeit kurz vor dem Abschluss des Wiederaufbaus der im Zweiten Weltkriegs zerstörten Kirche und der Wiederherstellung der Orgel. "Es war Liebe auf den ersten Ton", sagt er. Sieling erzählt von einer Atmosphäre, die ihn beim Spielen des Instruments gefangen nahm und von Tönen, die ihn tief berührten. 2005 hat er nach einem aufwendigen Verfahren mit mehr als 100 Bewerbern das Amt des Domorganisten übernommen.

Durch die Konstruktion der Orgel entstehe eine "unglaublich sensible Klangpalette", erzählt der Kirchenmusiker, der als Professor an der Berliner Universität der Künste auch künstlerisches Orgelspiel unterrichtet: "Ein runder, warmer Klang, der uns quasi umarmt." Die Domorgel sei ein Abbild des Sinfonieorchesters des 19. Jahrhunderts und habe in der Vergangenheit vor Umbauplänen bewahrt worden können, betont er: "Ich bin wahnsinnig stolz, dass wir diese Orgel so haben."

Abschluss der Reinigung bis Ostern

Auch Dombaumeisterin Sonja Tubbesing ist erleichtert, dass die Arbeiten an der Orgel nun beginnen sollen. Es sei wichtig, dass die "vielen empfindlichen Teile wieder sauber und funktionstüchtig sind", sagt die Architektin: "So können wir das wertvolle Instrument wieder voll einsetzen." Sie empfinde es als "großes Glück, bei so einer Arbeit dabei sein zu dürfen und sie zu begleiten".

Anfang 2027 soll an der Orgel zunächst ein Gerüst aufgebaut werden. Dann müssen alle 7.269 Pfeifen einzeln entfernt, gesäubert und wieder eingebaut werden. Kurz vor Ostern ist am Karfreitag das erste Konzert geplant, in dem die gereinigte Orgel wieder erklingen soll. Für die Sauer-Werkstatt mit dem Prädikat "Königlicher Hoforgelbau" ist es auch noch in anderer Hinsicht ein besonderes Jahr: Sie feiert 2027 das 170-Jahr-Jubiläum ihrer Gründung.