evangelisch.de: Krieg in der Ukraine, Nahost-Konflikt, wirtschaftliche Unsicherheit, Klimakrise: Häufen sich diese Themen in Ihren Beratungsgesprächen?
Thomas Balzk: In den Beratungsgesprächen nimmt das Thema Angst zunehmend Raum ein. Dabei handelt es sich vielfach um eine Angst, die schwer zu beschreiben und kaum greifbar ist – eine diffuse Unsicherheit, die aus der gegenwärtigen Weltlage entsteht. Sie zeigt sich in einem Gefühl von Sinnlosigkeit, in wachsendem Misstrauen und mitunter sogar in einer Verunsicherung angesichts kleinster und alltäglicher Themen. Besonders deutlich wird diese Entwicklung in Gesprächen mit Menschen, die unmittelbar oder mittelbar mit militärischen Konflikten in Verbindung stehen. Bei ihnen haben entsprechende Themen und Ängste in den vergangenen Monaten spürbar an Bedeutung gewonnen.
Verstärkt die aktuelle politische Weltlage etwas, das ohnehin schon in vielen Menschen angelegt war, oder erzeugt sie eine neue Art von Angst?
Balzk: Ich glaube, dass beides eine Rolle spielt. Angst ist etwas, das grundsätzlich zum Menschsein gehört. Psychologisch betrachtet ist sie eine menschliche Grundemotion, und auch biblische Texte erzählen immer wieder von Menschen, die mit Angst, Unsicherheit und Bedrohung konfrontiert sind. Gleichzeitig ist aber auch etwas anderes tief im Menschen angelegt: die Frage nach sich selbst. Wer bin ich? Was gibt meinem Leben Halt? Worauf kann ich vertrauen, wenn Sicherheiten wegbrechen? Und wohlmöglich ist es genau diese Verbindung, die in der gegenwärtigen Weltlage so spürbar wird.
Die äußeren Krisen erzeugen die Angst nicht unbedingt völlig neu. Sie können vielmehr etwas sichtbar und spürbar machen, das bereits in uns angelegt ist. Wenn vertraute Sicherheiten ins Wanken geraten, werden wir stärker mit unserer eigenen Verletzlichkeit und mit den grundlegenden Fragen des Lebens konfrontiert. Die Angst kann dann gewissermaßen zu einer Schwelle werden, an der die Frage nach dem eigenen Leben, nach Sinn, Vertrauen und Identität neu aufbricht.
Reagieren Menschen in Deutschland Ihrer Beobachtung nach anders auf diese Krisen als andere Nationen es täten?
Balzk: Ich glaube, dass Krisen in verschiedenen Gesellschaften unterschiedlich wahrgenommen und verarbeitet werden – nicht zuletzt deshalb, weil jede Gesellschaft ihre eigene Geschichte hat und charakteristische Erfahrungen, Prägungen und Vorstellungen davon hat, was Sicherheit und Stabilität bedeuten.
Gerade in Deutschland werden durch die gegenwärtigen Krisen einige Selbstverständlichkeiten besonders stark infrage gestellt. Das Vertrauen darauf, dass Frieden, Wohlstand, politische Stabilität und ein verlässlicher gesellschaftlicher Rahmen gegeben sind, war lange Zeit ein wichtiger Teil unseres Lebensgefühls. Wenn diese Sicherheiten brüchig werden, berührt das nicht nur unsere aktuelle Situation, sondern auch ein bestimmtes Selbstverständnis.
Sarah Neder ist Redakteurin bei evangelisch.de und arbeitet daneben als freie Journalistin und Autorin. Nach Stationen bei der FAZ und der Offenbach-Post zog sie nach Manchester, wo sie unter anderem für den Tagesspiegel und den Dumont-Reiseverlag schreibt. Seit November 2020 gehört sie zum evangelisch.de-Team.
Vielleicht erklärt das einen Teil der besonderen Verunsicherung: Nicht allein die Krise selbst macht Angst, sondern auch die Erfahrung, dass Dinge, die lange als selbstverständlich galten, plötzlich nicht mehr selbstverständlich sind. Damit werden zugleich Eigenschaften und Haltungen herausgefordert, die man mit Deutschland verbindet – etwa das Bedürfnis nach Ordnung, Planbarkeit und Sicherheit. Die Frage ist dann: Wie gehen wir damit um, wenn sich die Welt nicht mehr so verlässlich planen und kontrollieren lässt, wie wir es gewohnt waren?
Gibt es so etwas wie eine kollektive Angst? Also ein gemeinsames, geteiltes Gefühl, das über die individuelle Psyche hinausgeht?
Balzk: Ich glaube, ja. Kollektive Angst nicht verstanden als die Summe individueller Ängste – sondern als ein gemeinsames Grundgefühl, das entsteht, wenn Menschen sich von ihrem innersten Wesen entfernen. Theologisch könnte man sagen, sich von Gott entfernen. Das sogenannte Ego sucht Sicherheit im Haben: Besitz, Leistung, Anerkennung und Kontrolle. Das Leben selbst ruft jedoch nach Sein – nach Präsenz, Verbundenheit und authentischem Ausdruck.
Je größer der Abstand zwischen dem, was und wer wir wirklich sind, und dem, womit wir uns identifizieren, desto stärker wird die Angst. Sie zeigt sich dann nicht nur im Einzelnen, sondern auch in unserer Kultur: in Rastlosigkeit, Mangeldenken und dem ständigen Gefühl, nicht genug zu sein. In diesem Sinn ist kollektive Angst nicht nur eine Reaktion auf äußere Krisen, sondern auch ein Ausdruck einer gemeinsamen Entfremdung vom Selbst. Der Weg aus ihr führt nicht über noch mehr Haben, sondern über die Rückkehr zum Sein. Möglicherweise das Neuentdecken der Stille und der Kontemplation.
Wie überträgt sich Angst von der gesellschaftlichen auf die persönliche Ebene? Über Medien, Gespräche, das Umfeld?
Balzk: Ich würde sagen: Ja. Kollektive Angst existiert – und sie überträgt sich heute vor allem über soziale Medien. Noch nie zuvor waren wir so unmittelbar mit den Ängsten, Empörungen und Krisen der ganzen Welt verbunden. Was wir täglich sehen, hören und wiederholen, prägt nicht nur unsere Gedanken, sondern auch unser Nervensystem. Die eigentliche Gefahr sozialer Medien liegt weniger in den Informationen selbst als in ihrer Logik: Aufmerksamkeit wird belohnt, und Angst bindet Aufmerksamkeit besonders stark. Dramatische Nachrichten, Konflikte und Polarisierung verbreiten sich schneller als Ruhe, Differenzierung oder Hoffnung. So entsteht leicht das Gefühl, die Welt sei ständig bedroht – selbst wenn unsere unmittelbare Wirklichkeit etwas anderes zeigt.
Als Theologe: Kennt der Glaube ein Gegenstück zur kollektiven Angst? So etwas wie kollektive Hoffnung oder Trost?
Balzk: Über diese Frage freut sich vermutlich jeder Theologe – sie ist ja gewissermaßen eine Einladung an die Theologie. Denn selbstverständlich würde ich sagen: Es gibt ein Gegenstück zur kollektiven Angst. Und dieses Gegenstück ist im christlichen Glauben nicht einfach Optimismus, Beruhigung oder die Hoffnung, dass am Ende schon alles gutgehen wird. Es hat einen Namen: Jesus Christus.
Im Johannesevangelium sagt Jesus: "In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden." Darin liegt für mich ein Schlüssel. Die Angst wird nicht geleugnet. Jesus sagt nicht: In der Welt werdet ihr keine Angst haben. Im Gegenteil: Die Angst gehört zur Erfahrung dieser Welt. Aber sie hat nicht das letzte Wort. Und genau hier beginnt die Aufgabe der Theologie: Was bedeutet es eigentlich, dass Christus die Welt überwunden hat? Wie ist dieser Satz zu buchstabieren – für den einzelnen Menschen, aber auch für eine Gemeinschaft, für eine Gesellschaft, für eine Welt, die von Ängsten geprägt ist?
Reicht es, Christus zu kennen? Reicht es, von ihm zu wissen, die Bibel über ihn zu lesen, seine Worte zu kennen? Oder geht es um etwas Tieferes – um ein Bewusstsein, eine Beziehung, eine Weise zu leben, in der sich dieses "Ich habe die Welt überwunden" tatsächlich ereignet? Für mich liegt darin der Kern des Glaubens: die Verbindung mit diesem Jesus Christus. Nicht als Flucht aus der Welt und auch nicht als Garantie dafür, dass Angst, Leid oder Unsicherheit verschwinden. Sondern als eine andere Weise, in dieser Welt zu sein.
"Das Gegenstück zur kollektiven Angst ist nicht die Abwesenheit von Angst, sondern die Erfahrung, dass die Angst nicht mehr die letzte Wirkmacht ist"
Paulus findet dafür immer wieder diese eigentümlich starken kleinen Wörter: in Christus, mit Christus, durch Christus. Sie beschreiben für mich eine Existenzweise. Ein Leben, das nicht mehr ausschließlich aus sich selbst heraus gelebt werden muss. Ein Leben in Christus, durch Christus und mit Christus. Das Gegenstück zur kollektiven Angst ist nicht die Abwesenheit von Angst, sondern die Erfahrung, dass die Angst nicht mehr die letzte Wirkmacht ist. Christlicher Glaube wäre dann nicht die Behauptung: "Habt keine Angst." Er wäre die Zusage: "Ihr müsst in eurer Angst nicht allein sein."
Was würden Sie jemandem raten, der spürt, dass ihn die Weltlage lähmt, statt nur zu beunruhigen?
Balzk: Die Frage ist für mich gar nicht so leicht zu beantworten, gerade weil die Gründe, warum ein Mensch sich von der Weltlage lähmen lässt, immer individuell gewachsen sind. Und darauf würde ich unbedingt achten wollen.
Bevor ich also frage, was einem Menschen helfen könnte, würde ich zunächst fragen: Was genau hat dich eigentlich lahm und stumm gemacht? Was ist es, das dich nicht mehr schlafen lässt, dir den Mut nimmt oder dir das Gefühl gibt, nichts mehr tun zu können? Hinter einer Lähmung können ganz unterschiedliche Erfahrungen und Geschichten stehen.
Seelsorge und Theologie müssen zunächst zuhören. Sie müssen versuchen zu verstehen, woher die Angst kommt und welche Geschichte ein Mensch mit ihr verbindet. Und erst dann würde ich fragen: Was könnte dir helfen, wieder handlungsfähig zu werden?
"Jesus begegnet Menschen nicht einfach, indem er ihnen sagt, was sie zu tun haben. Er bringt Menschen wieder in Kontakt mit ihrer eigenen Mitte"
Dabei ist für mich ein wichtiger humanistischer Gedanke, dass der Experte für das eigene Leben zunächst der Mensch selbst ist. Auch Jesus nimmt dem Menschen nicht einfach die Entscheidung ab. Im Johannesevangelium fragt er den Kranken: "Willst du gesund werden?" Das ist eine bemerkenswerte Frage. Sie bedeutet: Was möchtest du eigentlich? Wo möchtest du hin? Was wäre für dich ein Schritt zurück ins Leben?
Gesund zu werden oder wieder handlungsfähig zu werden, kann dann sehr unterschiedliche Formen annehmen. Für den einen kann es bedeuten, die Nachrichten für eine gewisse Zeit zu begrenzen. Für einen anderen kann es bedeuten, endlich mit jemandem über die eigene Angst zu sprechen. Und manchmal bedeutet es auch, aus der bloßen Zuschauerrolle herauszukommen und dort, wo es möglich ist, wieder etwas zu tun: sich einzumischen, sich zu engagieren, anderen zu helfen. Jesus begegnet Menschen nicht einfach, indem er ihnen sagt, was sie zu tun haben. Er bringt Menschen wieder in Kontakt mit ihrer eigenen Mitte. Und befähigt, aufzustehen, loszugehen und ihr Leben wieder in die Hand zu nehmen.
Wo verläuft für Sie die Grenze zwischen gesunder Wachsamkeit und einer Angst, die krank macht?
Balzk: Angst ist etwas sehr Menschliches und kann eine wichtige Funktion haben. Sie macht uns aufmerksam. Sie kann uns helfen, Gefahren wahrzunehmen und Verantwortung zu übernehmen. In diesem Sinne kann Angst auch eine Form von Wachsamkeit sein.
Die Grenze würde für mich dort sichtbar, wo die Angst nicht mehr dazu führt, dass ich aufmerksamer und handlungsfähiger werde, sondern mich zunehmend in meinem Leben bestimmt. Wo sie mich nicht mehr fragen lässt: "Was ist jetzt zu tun?", sondern nur noch: "Was könnte alles passieren?" Ich würde sagen, dass gesunde Wachsamkeit die Augen öffnet, krank machende Angst nimmt einem den Boden unter den Füßen. Für mich wäre deshalb die wichtige Frage: Macht mich meine Sorge handlungsfähiger – oder nimmt sie mir zunehmend die Fähigkeit zu handeln? Kann ich nach den Nachrichten noch mein eigenes Leben leben? Kann ich schlafen, Beziehungen führen, arbeiten, lachen, mich freuen? Kann ich mich mit anderen über die Welt verständigen, ohne dass die Angst alles andere überlagert?
Gibt es aus Ihrer Perspektive als Theologe und Coach einen Weg, mit dieser Angst versöhnlicher umzugehen, statt sie nur zu bekämpfen?
Balzk: Ja, ich glaube, dass es einen solchen Weg gibt. Und für mich führt er über die Stille, über die Kontemplation. Ich glaube, wir brauchen in unserer Zeit tatsächlich etwas wie einen Mönchstag – mindestens einen Tag in der Woche, an dem wir uns dem permanenten Strom von Nachrichten, Bewertungen und Reizen entziehen. Einen Tag des Betens, der Stille, der Einsamkeit, des Verzichts. Einen Tag, an dem nichts produziert und nichts optimiert werden muss. Einen Tag, an dem wir wieder lernen, einfach da zu sein – ohne Handy.
"Die kontemplative Tradition würde sagen: Geh nicht sofort mit jeder Angst mit. Bleib erst einmal bei dir. Werde still. Atme. Höre. Bete"
Das klingt möglicherweise weltfremd. Aber ich glaube, dass darin eine große Kraft liegt. Denn wenn wir ständig auf die Welt reagieren, verlieren wir irgendwann den Zugang zu unserer eigenen inneren Mitte. Die kontemplative Tradition würde sagen: Geh nicht sofort mit jeder Angst mit. Bleib erst einmal bei dir. Werde still. Atme. Höre. Bete. Die Angst muss nicht verschwinden. Aber sie bekommt einen anderen Platz. Der Mönchstag wäre dann keine Flucht aus der Welt. Im Gegenteil: Man zieht sich für einen Moment aus der Welt zurück, um ihr anschließend wieder anders begegnen zu können. Man verzichtet auf die permanente Verfügbarkeit, um wieder empfänglich zu werden.
Wenn Sie einen Satz mitgeben könnten für Menschen, die sich gerade von Angst vor Krieg und Krise überwältigt fühlen, wie würde er lauten?
Balzk: Die Angst darf anklopfen, so laut sie will. Aber den Schlüssel zu deiner Seele bekommt sie nicht – denn dort wohnt schon Gott.




