Der Cranach-Triegel-Altar gastiert in Rom

Cranach-Triegel-Altar
epd/Rico Thumser
Dorn im Auge der Denkmalpfleger: Der Altaraufsatz behindert die Sicht auf die Stifterfiguren im Dom.
Umstrittenes Kunstwerk
Der Cranach-Triegel-Altar gastiert in Rom
Der Maler Michael Triegel vervollständigte für den Naumburger Dom den Marienaltar. Für die Kirche stand dadurch der Status als Weltkulturerbe auf dem Spiel. Nun ist das Retabel in Rom und begeistert auch Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer.

Die Bezeichnung "Papst-Maler" findet Michael Triegel eher lästig. Sie sei "ein Label". "Raffael hat mehr Päpste gemalt als ich und da sagt man auch nicht Papstmaler", stellt der Leipziger Künstler fest.

Klar habe er Papst Benedikt XVI., Joseph Ratzinger (1927-2022), im Jahr 2010 porträtiert. Aber er habe auch noch 400 andere Gemälde geschaffen. Insofern werde ihm das "Label" nicht ganz gerecht.

Dennoch sei der Auftrag, den damaligen Papst zu malen, eine Ehre gewesen. "Ich schätze vieles am Werk von Joseph Ratzinger", sagt Triegel, der sich als Erwachsener katholisch taufen ließ. Er sei der Erste gewesen, der ihm aufgezeigt habe, "dass Glauben und Vernunft sich nicht widersprechen müssen, sondern sich vielleicht sogar bedingen".

Naumburger Altaraufsatz 2022 ergänzt

Vor wenigen Tagen besuchte Tiegel mit einer Delegation um Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) Rom und den Vatikan. Der Maler hat nach eigenen Angaben eine besondere Beziehung zur "Ewigen Stadt". Sie bedeute ihm sowohl persönlich als auch künstlerisch sehr viel, sagt er.

Derzeit, gleich neben dem Petersdom in der Kirche auf dem "deutschen Friedhof" Campo Santo Teutonico, ist eines seiner Werke zu sehen: Das Cranach-Triegel-Retabel aus dem evangelischen Naumburger Dom. Triegel hatte 2022 für den Marienaltar das Mittelbild mit Maria, Kind und Heiligen sowie weitere Bilder gemalt, darunter den auferstandenen Jesu für die Rückseite.

Von dem ursprünglichen Cranach-Altar aus dem Jahr 1519 sind nur die beiden Seitenflügel erhalten. Lucas Cranach der Ältere (1472-1553) hatte das Werk für den Westchor des Doms geschaffen.

Menschen wie du und ich

Triegel malt im Stil der Alten Meister. Doch seine Figuren sind Menschen der Gegenwart. "Sie sollen so aussehen, dass ich ihnen auch an der Bushaltestelle oder im Supermarkt begegnen könnte", sagt er. Für die Maria im Naumburger Altarbild nahm er seine Tochter zum Vorbild, für Anna, die Mutter Marias, seine Ehefrau. Hinter seinen "Modellen" stehen oft Geschichten mit Bedeutung.

Dargestellt ist zum Beispiel auch der lutherische Theologe und christliche Märtyrer Dietrich Bonhoeffer (1906-1945). Der Apostel Paulus sei ein jüdischer Rabbi, den er in Jerusalem an der Klagemauer getroffen habe, erzählt Triegel.

Auffällig ist der Apostel Petrus, gemalt mit einem roten Basecap. Laut Triegel ist es ein Porträt des Obdachlosen Burkhard Scheffler (1961-2022). Der Deutsche lebte in Rom. Triegel hatte ihn dort vor Jahren gezeichnet und fotografiert.

Scheffler starb - wie sich später herausstellte - 2022 in Rom während der Corona-Pandemie, erfror unter den Arkaden des Petersdoms. "Man muss es einfach so deutlich sagen, in einem so reichen Europa ist dieser Mann jämmerlich verreckt", sagt Triegel nun bei seinem Besuch in Rom. Scheffler ist auf dem Campo Santo Teutonico begraben.

Welterbetitel gefährdet?

Die Altarbilder malte Triegel für den Naumburger Dom, nahm sogar die Architektur des Bauwerks, das seit 2018 zum Unesco-Weltkulturerbe gehört, mit auf. Es sei ihm wichtig, Werke zu schaffen, die eine Funktion haben, sagt er. Vor dem Altar werden Gottesdienste gefeiert, Taufen oder Hochzeiten. Das Kunstwerk ist idealerweise "Gebrauchskunst im besten Sinn".

Doch nach dem Aufstellen des vervollständigten Retabels kam es zum Streit, bei dem auch die Aberkennung des Welterbetitels drohte. Begründung: Der Altar verdecke die historischen Stifterfiguren im Westchor. Um Zeit zur Klärung zu gewinnen, schickten die Domstifter das Kunstwerk auf Reisen - nach Paderborn, Klosterneuburg bei Wien und jetzt nach Rom, wo es bis Ende 2027 zu sehen ist.

Ob das Retabel in Naumburg wieder aufgestellt wird und vor allem an welcher Stelle im Dom, das bleibt weiter offen. Die Vereinigten Domstifter von Merseburg und Naumburg wollen sich derzeit auf Anfrage dazu nicht äußern. Sie seien in Gesprächen mit allen Verantwortlichen, heißt es aus Naumburg.

Kretschmer lobt das Werk

Triegel findet, das Werk sollte wieder "genau an die Stelle kommen, für die ich es gemalt habe". Die Flügel könnten geschlossen werden, damit der Blick auf die Stifterfiguren wieder frei wird, schlägt er vor. Das Retabel werde dann nur zu Festen und Feiertagen geöffnet, so wie es früher kirchliche Praxis war.

Ministerpräsident Kretschmer sagt, Triegel sei ein besonderes Werk gelungen. "Kunst soll aufrütteln, soll zur Diskussion anregen." Das habe der Künstler geschafft. Kretschmer ist begeistert von dem Werk und kündigt schon mal an: "Wenn es Sachsen-Anhalt nicht haben will, wir finden einen Platz in Sachsen."