Es sind Alarmsignale für die mentale Gesundheit, wenn Verhalten, Gedanken, Stimmungen und Gefühle extrem werden. Das haben die Achtklässler der Hauptschule Rüningen in Braunschweig schnell erkannt. Jeder ist mal traurig, schläft schlecht oder hat keine Lust, zu duschen. Da sind sich die Jungen und Mädchen einig. Was aber, wenn sich jeder Tag dunkel und leer anfühlt, wenn der Schlaf gar nicht mehr kommen will und jemand Körperhygiene vernachlässigt?
Die Schüler im Stuhlkreis schweigen. Dann hebt ein Mädchen in einem hellgrauen Oversized-Hoodie zögernd die Hand. "Dann sollte man sich anvertrauen - einem Freund, den Eltern oder einem Lehrer", sagt sie leise. Sozialarbeiterin Jessica Wedrich lächelt zustimmend.
Wedrich arbeitet beim Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienst der Stadt Braunschweig. Gemeinsam mit Schulsozialpädagogin Katharina Giblewska und Luisa Mathias vom Verein "Der Weg" für sozialpsychiatrische Hilfen gestaltet sie den heutigen Unterrichtstag der 8b. Auf dem Stundenplan steht das Projekt "Verrückt? Na und!" - ein vor 25 Jahren in Leipzig gegründetes bundesweites Präventionsprogramm für die seelische Gesundheit von Schülern. Das Ziel: Abbau von Vorurteilen gegenüber psychischen Krisen.
Zentrale Frage am heutigen Projekttag: Was ist gesund, was krank? Die Schüler setzen sich in Kleingruppen und Diskussionsrunden zusammen. Wedrich verteilt Zettel, die die 14-Jährigen zuordnen sollen. "Mit den Eltern streiten" steht auf einer der Karten, "mich ausruhen, obwohl alle Party machen" auf einer anderen.
"Ich streite oft mit meiner Oma, das ist normal", sagt ein Junge in Armeehose, der bei seiner Großmutter lebt, selbstbewusst. Die anderen nicken, Streit zu Hause kennen sie alle. Sie sind sich aber einig, dass Konflikte belasten, wenn sie zu oft vorkommen. Zu Hause bleiben, obwohl alle anderen feiern". "Das ist ok", sagt ein blonder Junge. Es sei gut, wenn man mache, wonach einem sei." Wedrich stimmt mit Einschränkung zu: "Schwierig wird es, wenn man gar nicht mehr das Haus verlässt und sich verabredet."
Depressionen, Essstörungen, Mediensucht
Dass es um die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen nicht gut bestellt ist, belegen zahlreiche Studien. Depressionen, Angst- und Essstörungen, Mediensucht: Laut dem Deutschen Schulbarometer der Stuttgarter Robert Bosch Stiftung vom März dieses Jahres zeigt jedes vierte Kind in Deutschland psychische Auffälligkeiten. Kinder aus einkommensschwachen Familien berichten der Studie zufolge mit 31 Prozent überdurchschnittlich häufig von mentalen Problemen.
Anja Kiene ist Konrektorin der Grund- und Hauptschule Rüningen und Klassenlehrerin der 8b. Sie weiß, dass es ihre Schüler nicht leicht haben. Kinder, deren Eltern überfordert sind und die unkontrolliert im Internet surfen, Social Media nutzen und die halbe Nacht zocken. "In der Schule sind sie dann müde, man sieht ihnen an, dass es ihnen nicht gut geht", sagt Kiene.
Das bestätigt auch Sozialpädagogin Giblewska. Zum übermäßigen Medienkonsum kämen Krisen der Welt. Viele Kinder hätten zudem weniger soziale Kontakte, als ihnen guttäte. Es sei wichtig, den Schülern deutlich zu machen, dass es in Ordnung ist, mentale Probleme zu haben: "Sie müssen wissen, dass sie darüber sprechen und sich Hilfe holen dürfen, genau wie bei einem gebrochenen Bein."
Mentale Genesung ist möglich
Dass es möglich ist, von einer psychischen Erkrankung zu genesen, zeigt die Geschichte Sandra Zwinschers. Die 47-Jährige ist sogenannte "persönliche Verrückt-Na-und-Expertin". Dass die Schüler jemanden kennenlernen, der selbst psychisch krank war, und Fragen stellen dürfen, ist eine Besonderheit des Projekts.
Zwinscher, selbst Mutter, sitzt unter Teenagern und greift zu einem Heft. "Mir fällt es leichter, wenn ich Euch das vorlese", sagt sie. Die Schüler hören im Tagebuchstil, wie sich eine Depression anfühlt: "Meine Kraft ist verbraucht", liest sie. "Ich fühle mich wie ein Zombie." Oder: "Ich schaffe es nicht zu duschen, Deo muss reichen." Im Klassenraum ist es still, die Schüler blicken zu Boden.
Zwischner liest weiter. Sie beschreibt ihren ersten Aufenthalt in der Psychiatrie: "Hier kann ich sein, wie ich bin - ein Wrack." Sie liest, dass sie in der Klinik Menschen traf, denen es ging wie ihr. Sie beschreibt, wie gut sich das angefühlt habe. "Ich war kein Alien mehr, musste mich nicht mehr schämen," sagt sie.
"Hätte ich gewusst, wie es in der Psychiatrie ist, wäre ich früher hingegangen."
Die Kinder schweigen. "War das echt?", fragt ein Junge mit einer Gucchi-Cap. Es dauert einen Augenblick, bis Zwinscher versteht, dass der Junge wissen möchten, ob sie das wirklich erlebt hat. "Ja", sagt sie.
Wenn Sie sich in einer Krise befinden, akute Suizidgedanken haben oder sich um einen Mitmenschen sorgen, gibt es schnelle, vertrauliche und kostenlose Hilfe. Wenden Sie sich bitte direkt an die Telefon Seelsorge (ökumenisch getragen unter anderem von der evangelischen Kirche): 0800 111 0 111




