Wie kann man Trauer begegnen? Was gibt Halt?

Papierboote mit Kerzen fahren auf dem Wasser
Fundus/medio.tv/schauderna (M)
Der November ist für Christ:innen der Monat der Trauer und des Gedenkens an die Toten.
Buchtipps zum Trauerprozess
Wie kann man Trauer begegnen? Was gibt Halt?
Der November ist für Christ:innen der Monat der Trauer und des Gedenkens an die Toten. Und trauern tun wir Menschen in der Regel über den Verlust von etwas, das uns lieb war und was unwiederbringlich verloren ist. Das sind vor allem Menschen, denen wir in Liebe verbunden und die Zeugen unseres Lebens waren. Wie begegne ich meiner Trauer, was gibt Halt und was möchte ich mit meiner verbliebenen Zeit auf Erden anfangen? Das Ev. Literaturportal hat dazu Belletristisches und ein Sachbuch zusammengestellt.

Vaterlos

Höllenfahrt der Trauer, bzw. Trauerarbeit eines Sohnes nach dem Suizid des Vaters in den 60ern des 20. Jahrhunderts.

Thomas Medicus nimmt Lesende in der Gestalt des Sohnes mit auf die Odyssee des Trauertraumas. Am Anfang steht das Trauma: Der Vater und seine Geliebte haben sich getötet. Das ist zunächst verbunden mit einem Gefühl der Taubheit und des Stumpfsinns. Die Familie zerfällt, das Leben wird zur Flucht vor dem Tod des Vaters und dem sozialen Tod.

Im Kapitel "Agnoszieren" (Wiedererkennen)  kommen neue Sichten auf das Leben des toten Vaters zutage, der mehr ist als ein Suizidant, eben ein Mensch, der nicht todessehnsüchtig ist, sondern normal. Nach dreißig Jahren traut sich der Sohn zu, die Polizeiakten einzusehen – das Verhältnis des Vaters und seiner Geliebten schlägt von Verurteilung in Verstehen um.

Der Trennungsschmerz des Protagonisten bleibt, überformt und verwunden von Liebe. Und der Sohn entschließt sich, ein eigenes Leben zu führen. Medicus ist ein feiner, reflektierender Beobachter, der das eigentlich Unsagbare in behutsame, verwindende Sprache fassen kann. Die Bezeichnung "Tatsachenroman" weckt falsche Erwartungen, er ist besser.

Wenn Trauer literarisch bearbeitbar ist, dann hat das Buch in der Hospizbewegung seinen Platz – ein Literaturgottesdienst ist wünschenswert – Wer das Undenkbare kennen lernen will, kann es sich erlesen. Martin Schulz 

Medicus, Thomas: Vaterlos. Ein Tatsachenroman. Thomas Medicus. Hamburg: Rowohlt Berlin 2026. 213 S. ; 21 cm., ISBN 978-3-7371-0244-5, geb.: 24,00 €

 

Die Ozeanschwimmerin

Trauerbewältigung durch Freiwasserschwimmen: hilft diese Herausforderung, die Emotionen zu verarbeiten?

Sophie Charteris hat ihren Mann, ihren 14-jährigen Sohn und ihren Familienhund bei einem Bootsunglück verloren. Schon seit ihrer Kindheit ist das Schwimmen im Meer ihre große Leidenschaft, nur dort kann sie sich spüren.

Als der Chef der Werbeagentur, in der sie arbeitet, ein einjähriges Sabbatical finanzieren will, entscheidet sie kurzerhand, bei der Ocean´s-Seven-Challenge mitzumachen. Das ist ein Freiwasser-Schwimmwettbewerb, bei dem die sieben schwierigsten Meerengen der Welt durchschwommen werden müssen. Begleitet wird sie dabei von einem Kameramann ihrer Werbeagentur, von ihrem Schwager und ihrer Schwägerin.

Beeindruckend ist nicht nur die Beschreibung der Schwimmstationen, ihrer Schönheit und ihrer Schwierigkeiten, sondern vor allem sowohl die Entwicklung von Sophie als auch die Veränderung der Beziehungen zwischen den Protagonisten. Während Sophie gegen ihre Trauer anschwimmt, beginnen auch die anderen Teammitglieder, von ihr inspiriert, ihre eigenen Probleme anzugehen. 

Uneingeschränkt allen Leserinnen und Lesern empfohlen, besonders für solche, die das Meer lieben als auch für diejenigen, die sich für die Entwicklung von Charakteren interessieren. Gabriele Güterbock-Rottkord 

Tarnowski, Charlotte: Die Ozeanschwimmerin. Roman. Charlotte Tarnowski. München: Goldmann 2026. 349 S. ; 22 cm., ISBN 978-3-442-30238-3, geb.: 24,00 €

 

Ghost Stories

Siri Hustvedt verarbeitet den Verlust ihres Partners, Paul Auster.

Eines vorweg: Dies ist ein Buch für Fans, Fans des legendären Autorenpaares Siri Hustvedt und Paul Auster. Die beiden verband eine große, eine besondere Liebe, die von gegenseitigem Respekt vor dem anderen, seiner Arbeit und der gemeinsamen Leidenschaft für Literatur geprägt war. In Fragmenten erzählt Hustvedt von dieser 43jährigen Liebe, beschreibt das Leben in "Cancerland" und gewährt Einblicke in ihren Trauerprozess.

Wer Hustvedts Texte kennt, weiß, dass sie Dingen auf den Grund geht, dass hinter jeder Tür ein neuer Gedanke steht, der von ihr durchdrungen wird oder der mit etwas Größerem in Beziehung gesetzt wird. Ihre persönliche Krise setzt sie so in Bezug zu ihrem Unwohlsein angesichts der derzeitigen amerikanischen, politischen Realität. Auster selbst wünschte sich, als Geist immer wieder zu ihr und der Familie zurückkommen zu können.

Mit ihrem Buch beschwört Hustvedt Austers Geist und auch zahlreiche Geister der Vergangenheit herauf. Tiefberührend sind die "Briefe an Miles", den Enkel, der wenige Wochen vor Austers Krebstod geboren wird. "Miles wird geboren. Paul stirbt. Ein Kreislauf der Zeit."

Ein Buch über die Kraft, die eine Liebe auch nach dem Tod zu hinterlassen vermag. Für Literaturinteressierte. Marie Varela

Hustvedt, Siri: Ghost Stories. Ein Buch der Erinnerung. Siri Hustvedt. Dt. von Grete Osterwald u. Uli Aumüller. Hamburg: Rowohlt 2026. 398 S. ; 21 cm. 
Aus d. Engl., ISBN 978-3-498-00788-1, geb.: 25,00 €

 

Genug für ein halbes Leben

Über das Recht auf Vergessen und Erinnern.

Ein neues Medikament erlaubt es Menschen zu vergessen und ein neues Leben zu beginnen. Auch Rose beschließt ihre Vergangenheit zu löschen, verlässt ihren Ehemann Landon und zieht aus den USA nach Schottland. Doch Landon kann damit nicht abschließen, da Rose ihn ohne Vorwarnung und scheinbar grundlos verlässt.

Er macht sich auf die Suche nach Rose in der Hoffnung, dass sie sich ein zweites Mal in ihn verlieben kann. Die beiden freunden sich an und Landon wird mit der Frage konfrontiert, ob er das Recht hat, Rose aus ihrem Vergessen zurück zu holen. In Rückblenden erzählt der Roman die große Liebe der beiden: das erste Kennenlernen, ihre Hoffnungen und Träume, einen Schicksalsschlag der alles verändert.

Der Roman ist keine leichte Liebesgeschichte, sondern lässt den Lesenden mit der Frage zurück, was von einem Menschen übrig bleibt, wenn dieser seine Vergangenheit auslöscht. Ein nachdenklich machender, berührender Roman der existentielle Fragen aufwirft.

Ein ungewöhnlicher Liebesroman für Lesende, die Tiefgang mögen und ohne klassisches Happy End auskommen. 

Normandin, Evann: Genug für ein halbes Leben. Roman. Evann Normandin. Dt. von Henriette Zeltner-Shane. München: Heyne 2026. 383 S. ; 21 cm. 
Aus d. Engl., ISBN 978-3-453-27608-6, geb.: 23,00 €

 

Mit der Trauer weiterleben

Ein Buch über den Umgang mit Endlichkeit, auch der eigenen.

Was passiert, wenn wir einen geliebten Menschen verlieren? Dieser Frage stellen sich die Journalist:innen Lea Reinhard und Michael Reinhard sowie der Palliativpsychologe Prof. Ernst Engelke. In ihren Gesprächen mit (prominenten) Menschen gehen sie Lebensgeschichten von verlorenen Freunden, Eltern und Kindern nach und versuchen, die durch den Verlust entstandene Stille in Worte zu fassen.

Es sind Geschichten, die berühren, herausfordern und verändern. So entsteht ein eindrücklicher Blick auf den Dreiklang von Sterben, Tod und Trauern, der Fragen nach dem Ungelebten und dem "Warum" nicht ausklammert. Gleichzeitig öffnen die Erfahrungen behutsam die Perspektive: Wie kann Weiterleben gelingen, ohne die Trauer zu verdrängen?

Das Buch ermutigt, über Verlust zu sprechen, offen zu bleiben und dem Leben neu zu begegnen. Es tastet sich an Sinnfragen heran, ohne vorschnelle Antworten zu geben, und zeigt: Trauer kann lehren, das Leben bewusster zu sehen und den Augenblick neu zu schätzen.

Das Buch macht Mut über Verlust zu sprechen, die eigene Verletzlichkeit anzunehmen, Trauer als Ausdruck von Liebe anzunehmen und das Erinnern als Kraftquelle zu ergründen. Jennifer-Christin Hein 

Reinhard, Lea: Mit der Trauer weiterleben. Gespräche über persönliche Verlusterfahrungen. Lea u. Michael Reinhard. Freiburg: Herder 2026. 223 S. ; 21 cm., ISBN 978-3-451-02828-1, geb.: 24,00 €

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