Ein sonniger Spätsommertag am Ufer des Lake Ontario in Kanada. Plötzlich fliegt ein Schwarm Schmetterlinge übers Wasser, es sind Hunderte: Monarchfalter auf ihrer Reise in den Süden. Ihre auffälligen, orangefarbenen Flügel sind von schwarzen Linien durchzogen und schwarz umrandet mit weißen Punkten. Die Tiere landen am Strand, breiten ihre Flügel aus. Sie ruhen sich aus, bevor ihr langer Flug weitergeht.
Es ist ein beeindruckendes Naturschauspiel, wenn sich im Spätsommer die Monarchfalter aus Kanada und den USA millionenfach auf einen mehrere tausend Kilometer weiten Weg nach Süden machen, um in Mexiko zu überwintern.
Dabei legen die Marathonflieger, die weniger als eine Büroklammer wiegen, über 4.000 Kilometer zurück. Im Gegensatz zu kleineren Insekten wie Mücken, die ihre Flügel extrem schnell schlagen müssen, nutzen sie eine sehr effiziente Gleit- und Segeltechnik. Mit einer Flügelspannweite von acht bis zehn Zentimetern lassen sie sich durch thermische Aufwinde ohne großen Mühen hunderte Meter in die Höhe tragen.
Um die Strecke zu bewältigen, stellen sie zuvor die Fortpflanzung vorübergehend ein. Sie bilden starke Flugmuskeln, um all ihre Energie in den Flug und das Überleben zu stecken. Ihr Ziel sind die Tannenwälder im zentralmexikanischen Bergland.
Dabei bedecken ihre Kolonien ganze Baumkronen von Kiefern, Tannen und Zypressen - so dicht, dass niemand die Exemplare zählen kann. Stattdessen wird die Waldfläche gemessen. Im vergangenen Winter hat die Umweltschutzorganisation WWF Mexiko insgesamt neun Kolonien gezählt, die zusammen eine Waldfläche von fast drei Hektar belegten, rund vier Standard-Fußballfelder.
Insekt mit komplexen Navigationsfähigkeiten
Wissenschaftler sind fasziniert von den kleinen Insekten. Obwohl die Gehirne der Monarchfalter nur so groß sind wie ein Reiskorn, erbringen sie "eine der komplexesten Navigationsleistungen des Tierreichs", sagt der Neurowissenschaftler Basil el Jundi. Es sei "unglaublich faszinierend", dass nicht nur höhere Tiere wie Vögel oder Meeresschildkröten solche Fähigkeiten besäßen.
Die Schmetterlinge wüssten ganz genau, wohin sie fliegen müssten. Dazu orientierten sie sich nicht nur an der Sonne, sondern auch am polarisierten Licht und dem Erdmagnetfeld, erklärt el Jundi im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd). Der Professor leitet eine Forschungsgruppe für Navigationsbiologie an der Universität Oldenburg, die untersucht, wie der Himmelskompass der Insekten genau funktioniert.
Bestand ist gefährdet
Die Lage der bedrohten Tiere hat sich in den vergangenen zwei Jahren verbessert. Trotzdem liegt der Bestand im historischen Vergleich deutlich unter den Höchstständen der 1990er Jahre. Der Danaus plexippus plexippus, so sein wissenschaftlicher Name, wird von der Internationalen Union für Naturschutz (IUCN) als gefährdet eingestuft.
Der Verlust wäre ein irreparabler Schaden für die globale Biodiversität, erklären auch die Naturschützer des WWF Deutschland (Berlin). Warum sie sich Sorgen um den fragilen Langstreckenflieger machen, hat mehrere Gründe. Der intensive Einsatz von Herbiziden, Landnutzungsänderungen sowie die Folgen der Erderhitzung veränderten die Lebensgrundlagen. In Mexiko seien die Kolonien nicht nur durch starke Stürme gefährdet, die ein Massensterben verursachen könnten, sondern auch durch illegale Rodungen.
Schmetterlingsraupen brauchen Seidenpflanzen
Die herbstlichen Langstreckenflieger, die auch Methusalem-Generation genannt werden, machen sich im Frühjahr wieder auf den Rückweg. Dann aber leben sie nur noch wenige Wochen und schaffen nicht die ganze Strecke. Bevor sie sterben, sorgen sie aber unterwegs für Nachwuchs, der wiederum einen Teil des Wegs bewältigt. Es braucht mehrere Generationen, bis im Sommer wieder eine Population im Norden der USA oder in Kanada angekommen ist. Dabei sind die Falter ganz besonders auf die Seidenpflanze (Asclepias) angewiesen, an der sie ihre Eier ablegen.
Während sich die Falter vom Nektar verschiedener Blüten wie Astern und Goldruten ernähren, mögen die Raupen den milchigen Saft der Seidenpflanze. Das darin enthaltene Gift kann beim Menschen im Extremfall zum Herzstillstand führen. Den Raupen macht es nichts aus, sie lagern es sogar ein. Das macht sie später auch als Schmetterling ungenießbar für Vögel und andere Fressfeinde.
Ende Oktober, Anfang November kommen die ersten "Methusalem"-Schmetterlinge in Mexiko an. Ihre Ankunft fällt ungefähr mit dem "Día le los Muertos" zusammen, dem Tag, an dem in Mexiko der Verstorbenen gedacht wird. Deshalb hat die Ankunft der Monarchfalter eine tiefe kulturelle Bedeutung: Die Schmetterlinge gelten als Symbol für die Rückkehr der Seelen Verstorbener.




