Ein ungeschriebenes Krimi-Gesetz lautet: Eine Person mit Down-Syndrom mag zum Kreis der Verdächtigen gehören, hat die Tat aber nicht begangen; ein klarer Fall von positiver Diskriminierung. Auch deshalb fällt der zwölfte Zürcher "Tatort" mit den Ermittlerinnen Isabelle Grandjean und Tessa Ott (Anna Pieri Zuercher, Carol Schuler) aus dem Rahmen: weil bis zum Schluss sämtliche Indizien gegen Jacob Göldi (Benjamin Raue) sprechen.
Der junge Mann lebt in einer betreuten Wohngruppe, arbeitet in einer Reinigung und ist in die Tochter der Chefin verliebt. Teenager Nadja (Stella Alraun) weist sein Werben zwar zurück, aber so schnell gibt Jacob nicht auf.
Ein anderes Problem lässt sich hingegen auch mit Hartnäckigkeit nicht lösen: Nadjas Mutter wird die Reinigung schließen, sie hat ihm schon gekündigt. Jacob hat eine kurze Zündschnur und randaliert ein bisschen, deshalb ist er dringend tatverdächtig, als seine Chefin am selben Abend im Affekt erschlagen wird.
Tilmann P. Gangloff setzt sich seit 40 Jahren als freiberuflicher Medienkritiker unter anderem für "epd medien" mit dem Fernsehen auseinander. Gangloff (geb. 1959) ist Diplom-Journalist, Rheinländer, Vater von drei erwachsenen Kindern und lebt am Bodensee. Er war über 30 Jahre lang Mitglied der Jury für den Grimme-Preis, ist ständiges Mitglied der Jury Kindermedien beim Robert-Geisendörfer-Preis, dem Medienpreis der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), und 2023 mit dem Bert-Donnepp-Preis für Medienpublizistik ausgezeichnet worden.
"Frei wie ein Adler" beginnt jedoch mit einer ganz anderen Erzählebene, denn ein zweiter Mann hat ein ähnlich großes Tatmotiv: Simon Bärfuss (Ronald Zehrfeld) war viele Jahre lang Präsident der Rockerbande Devils White Blue, bis er mit zwei Kilo Kokain erwischt wurde. Er hat zwar immer behauptet, das Rauschgift sei ihm untergeschoben worden, aber das hat ihn nicht vor einer achtjährigen Haftstrafe bewahrt.
Nun feiert er mit seinen alten Kumpanen die Entlassung und freut sich darauf, endlich seine Tochter wiederzusehen. Dass Ex-Frau Sophia die Stadt verlassen wollte, dürfte ihm nicht gefallen haben, und ein Alibi hat er auch nicht.
In seinem ersten Drehbuch für den "Tatort" aus Zürich verknüpft Krimi-Routinier Jürgen Werner, unter anderem Schöpfer des Teams aus Dortmund, auf fesselnde Weise zwei grundverschiedene Welten: hier das behütete Dasein der häuslichen Wohngemeinschaft, dort das in jeder Hinsicht düstere Clubheim der Devils.
Während in der Trisomie-21-WG ein heiterer und von gegenseitiger Achtsamkeit geprägter Tonfall herrscht, ist der Umgangston der Rocker rau und kein bisschen herzlich. Gerade Bärfuss’ Nachfolger ist ein finsterer Bursche.
Marco Reinhardt (Roeland Wiesnekker) hat selbstverständlich keinerlei Interesse daran, dass sein Vorgänger auf den Thron zurückkehrt. Als Nadja verschwindet, spricht viel dafür, dass Reinhardt sie entführen ließ, um Bärfuss unter Druck zu setzen; aber womöglich steckt auch Jacob dahinter.
Über darstellerische Leistungen von Personen mit Trisomie 21, auch das eine positive Diskriminierung, wird nie ein schlechtes Wort verloren, selbst wenn sie nicht immer rundum überzeugend sind. Benjamin Raue braucht jedoch keinerlei gut gemeinte Rücksichtnahme.
Der Berliner war schon in dem zweiteiligen ZDF-Roadmovie "Herzstolpern" (2023) über ein Paar mit Down-Syndrom, das eine abenteuerliche Reise nach Italien macht, ganz famos. Seine damalige Filmpartnerin Juliane Siebecke wirkt in "Frei wie ein Adler" ebenfalls in einer wichtigen Rolle mit.
Der Titel bezieht sich auf die schönsten Szenen des Films: Gegen jede Wahrscheinlichkeit entwickelt sich ausgerechnet zwischen Jacob und Bärfuss eine innige Beziehung, als die beiden auf dem schweren Motorrad des Rockers "frei wie ein Adler" durch Zürich brausen. Ähnlich bewegend sind die gemeinsamen Momente des jungen Mannes mit Grandjean: Die sonst so kühle Kantonspolizistin mag Jacob und will allen Hinweisen zum Trotz nicht glauben, dass er ein Mörder ist.
Kollegin Ott wiederum bezweifelt, dass der durchaus sympathische Bärfuss seine Ex-Frau getötet hat; ein klassisches Ermittlungspatt. Ronald Zehrfeld ist die perfekte Besetzung für den Rocker, der überraschend nett sein kann.
Regie führte Christian Theede, auch er dank vieler Episoden für die diversen Krimireihen von ARD und ZDF sehr erfahren in diesem Genre. Die Bildgestaltung (Tobias Dengler) hat hohes Niveau, und Musik von Fabian Römer, Stammkomponist beim "Tatort" aus Zürich, ist ohnehin grundsätzlich hörenswert.
Außerdem hat Werner sein Drehbuch um einige witzige Humoresken ergänzt, die wider Erwarten erheblich zur Klärung des Falls beitragen, als Datenanalyst Noah (Aaron Arens), der es leid ist, dass ihm die Gäste vom Bundesamt für Polizei ständig das Müsli aus dem Kühlschrank klauen, eine Kamera in der Teeküche anbringt.
Wie Werner das Fedpol-Team und auch einen Kollegen von der Kantonspolizei Bern am Ende schlüssig in den Fall integriert, ist eine Freude für alle Krimi-Fans. Trotzdem ist es vor allem das ausnahmslos ausgezeichnete Ensemble, das "Frei wie ein Adler" im Rahmen der "Tatort"-Beiträge vom Schweizer Fernsehen zu einem besonderen Film macht.




