Bielefeld (epd). Leerstehende Kirchen sollten nach Ansicht der westfälischen Präses Adelheid Ruck-Schröder nicht vorschnell entwidmet, sondern wo möglich erhalten und anders genutzt werden. „Bevor wir Kirchen aufgeben, müssen wir fragen, wie wir diese wertvollen Orte im Quartier gemeinsam nutzen können“, sagte die leitende Theologin der Evangelischen Kirche von Westfalen dem Evangelischen Pressedienst (epd). Denkbar sei etwa eine „multiple“ Verwendung: „weiterhin religiös, aber zugleich mit Nutzen für den Stadtteil“. Dazu sei es nötig, stärker mit kommunalen Akteuren und privaten Investoren ins Gespräch zu kommen.
„Kirchen sind sichtbare Zeichen des Christentums, des Glaubens, die auch Fragen der Spiritualität in der Gesellschaft wachhalten“, sagte Ruck-Schröder. „Daran erinnern sie sogar, wenn sie entwidmet und anders genutzt werden.“ Diese Dimension brauche die Gesellschaft auch heute. In einer Stadt oder einem Dorf seien Kirchen oft die ältesten Gebäude, in denen sich Biografien, Geschichten, Gefühle, auch politische Aufbrüche widerspiegelten: „Kirchen sind Speicherorte persönlichen Lebens, aber auch des öffentlichen Lebens.“
„Kristallisationspunkte für Sinnfragen“
Als öffentliche, für alle zugängliche Gebäude leisteten Kirchen zudem einen Beitrag zum Zusammenhalt und für die Demokratie, weil Menschen sich dort versammeln und ins Gespräch kommen könnten. Die 60-jährige Theologin sagte: „In einer Zeit der Spaltung brauchen wir solche dritten Orte.“ Sie seien ein „Schatz für die Gesellschaft“ und hätten eine große Bedeutung für das Leben, den Glauben und die Beziehungen von Menschen: „In Kirchen stehen Symbole der Trauer und der Hoffnung, sie sind Kristallisationspunkte für Sinnfragen.“
Die beiden großen Kirchen in Deutschland müssen bis 2060 Zehntausende Immobilien aufgeben, etwa Pfarr- und Gemeindehäuser, aber auch Sakralbauten. Grund ist, dass viele Gebäude künftig nicht mehr benötigt werden oder nicht mehr finanziert werden können. Die sogenannte Freiburger Studie prognostiziert für die evangelische Kirche eine Halbierung der Mitgliederzahl und der Finanzkraft bis 2060, nach Ruck-Schröders Worten könnten dies auch bereits 2040 Wirklichkeit werden.




