Evangelische Kirchenführer bei Hitler 1934

Martin Niemöller als Marineoffizier, Oberleutnant zur See auf einem Foto vom 1. Januar 1911
Petit8/CC BY-SA 4.0/Wikimedia Commons
"Niemöller war der berühmte U-Boot-Kämpfer ... . Hitler war ein einfacher Meldegänger", erklärt Historiker Manfred Gailus das Verhältnis beim Kirchenführertreffen zwischen dem späteren Widerständler Martin Niemöller (siehe Foto) und Adolf Hitler.
Historisches Puzzle
Evangelische Kirchenführer bei Hitler 1934
Genau vor 90 Jahren am 25. Januar 1934 empfing Adolf Hitler die evangelischen Bischöfe und Kirchenführer in seiner Staatskanzlei. Mit dabei Pastor Martin Niemöller. Sein jüngster Sohn hat Aussagen und Protokolle geprüft und ein Buch verfasst. Sein Werk zeigt auf, wie die kirchliche Opposition zerbrach.

Martin Niemöller jr., ehemaliger Richter am Bundesgerichtshof in Karlsruhe liefert in seinem Werk "Evangelische Kirchenführer bei Hitler" eine minutiöse Darstellung rund um diesen historischen 25. Januar 1934.

 "Hitler war ja ein Einheitsfanatiker und ein Fanatiker der vertikalen Hierarchien. Alles von oben nach unten. Es wurde durchregiert. Hitler war dieses Gemenge der protestantischen evangelischen Kirche äußerst verdächtig", sagt Martin Niemöller jr. heute. 

Denn einmalig empfing der Führer des Dritten Reiches die evangelischen Kirchenführer, um Ordnung in die damals 28 Landeskirchen zu bringen. "Die hatten verschiedene Bekenntnisse, verschiedene Verfassungen, einige waren gegen ihn, andere waren für ihn. Hitler hat gedacht, ich bin derjenige, der das entscheiden muss", sagt Martin Niemöller jr. weiter.

Martin Niemöller jr. hat Aussagen und Protokolle über das Treffen seines Vaters und anderer Kirchenführer mit Hitler beim Kanzlerempfang geprüft.

Dabei war die Sache schon im Jahr zuvor im Grunde entschieden. Bei den Kirchenwahlen vom Juli 1933 ging die Glaubensbewegung der Deutschen Christen als Sieger hervor. Ziel war die Errichtung einer einheitlichen Reichskirche unter der Führung des Königsberger Wehrkreispfarrers Ludwig Müller, den Hitler schon im April 1933 zum "Bevollmächtigten für die Angelegenheiten der evangelischen Kirche" ernannte. Wenig später wurde er zum Reichsbischof gewählt. Alles schien für die Nationalsozialisten zu sprechen. Das Dritte Reich wurde von den meist deutsch-national eingestellten Pfarrern begrüßt. Auch vom ehemaligen U-Boot-Kommandanten im Ersten Weltkrieg Martin Niemöller. 

Doch dann setzte bei den Deutschen Christen eine Erosion der Macht an. Ihr Gauobmann Reinhold Krause forderte im Berliner Sportpalast am 13. November 1933 im Beisein zahlreicher DC-Kirchenführer, sich vom Alten Testament mit seiner "jüdischen Lohnmoral", von "diesen Viehhändler- und Zuhältergeschichten" loszusagen, Menschen "judenblütiger Art" aus der Kirche auszuschließen und auf die "Sündenbock- und Minderwertigkeitstheologie des Rabbiners Paulus" zu verzichten. Ein Skandal! Kirchen, die nicht unter DC-Kontrolle waren, insbesondere die Landeskirchen in Bayern, Württemberg, Hannover und die Provinzialkirche Westfalen liefen Sturm gegen Reichsbischof Müller.

Das damals streng geheime Abhörprotokoll vom "Kirchenkonflikt" ist im Buch abgedruckt.

Evangelisches Jugendwerk in Hitlerjugend integriert

"Und Müller hat noch einen drauf gesetzt, weil er Ende Dezember 1933 in einem Schurkenstreich sondergleichen das gesamte evangelische Jugendwerk an die HJ übertragen hat, ohne das vorher mit irgendjemanden von der Kirche vereinbart zu haben. Das war der nächste Aufschrei auf Seiten der Bekenntnistreuen", schildert Martin Niemöller jr..

Eröffnung der Nationalsynode 1933 in Wittenberg: Landesbischof Ludwig Müller (der spätere Reichsbischof) beim Heilruf mit dem faschistischen Gruß.

Der Reichsbischof brachte dann das Fass zum Überlaufen. Müller verbot den "Missbrauch des Gottesdienstes zum Zwecke kirchenpolitischer Auseinandersetzungen." Mehrere Landeskirchen lehnten die Durchführung dieses "Maulkorberlasses" entschieden ab. Die Kirchenopposition forderte nun endgültig die Absetzung des Reichsbischofs. Nun sollte Reichskanzler Adolf Hitler ein Machtwort sprechen. Am 25. Januar 1934 empfing er die evangelischen Bischöfe und Kirchenführer in seiner Staatskanzlei. Neben den lutherischen Bischöfen von Württemberg, Bayern und Hannover, die in Kirchenopposition zu den Deutschen Christen standen, war auch ein einfacher Dorfpastor dabei, Martin Niemöller aus Berlin-Dahlem.

Rund 15.000 Pfarrer gegen "Arierparagrafen"

"Wie komme ich eigentlich als kleiner Gemeindepfarrer dazu, mit diesen hochmögenden Männern der Kirche, Mahrarens, Meiser, Wurm, das waren ja Gestalten der Kirchen von imposanter Mächtigkeit und Bedeutung. Und er kam sich da ziemlich klein vor. Aber er hatte hinter sich die zahlreichen Pfarrer, die dem Notbund angehörten", schildert sein Sohn.

Niemöller war derzeit Vorsitzender des Pfarrernotbundes, dem zu diesem Zeitpunkt mehr als 7000 der reichsweit rund 15.000 evangelischen Pfarrer angehörten, rechnet Martin Niemöller jr. heute vor. Sie schlossen sich zusammen, auch um gegen die Einführung des Arierparagrafen in den Kirchen zu protestieren. Ein Fakt, den weder die etablierten Bischöfe noch Adolf Hitler ignorieren konnten. Der Historiker Manfred Gailus sagt zwar, dass der Pfarrernotbund nicht ganz so viele Mitglieder hatte. Aber Hitler wusste genau, wen er vor sich hatte und wie gefährlich er ihm werden könnte. Hitler und Niemöller waren beide im Ersten Weltkrieg.

"Niemöller war der berühmte U-Boot-Kämpfer, Niemöller war eine Führungsfigur. Hitler war ein einfacher Meldegänger. Niemöller konnte sich als Kriegsheld mit allerhand Auszeichnungen darstellen. Das wird Hitler alles gekannt haben und er wird einen gewissen Respekt gegenüber Niemöller gehabt haben. Aber er hatte schon im Laufe des Jahres 1933 gesehen, dass Niemöller ein Frontmann der Bekennenden Kirche in der Kirchenopposition sein wird", sagt Gailus.

Hitler hatte mit Recht die Vorstellung, wenn er den Notbund und Niemöller erstmal diskreditiert und ausgeschaltet hat, werde er mit dem Rest der evangelischen Kirche schon fertig werden, ergänzt Martin Niemöller jr. in seinem Buch. Und dann nahmen die Dinge am 25. Januar 1934 ihren Lauf.

Stehempfang demonstriert Machtverhältnis

"Denn es war schon etwas Besonderes, in die Reichskanzlei eingeladen zu sein. Hitler hat es sich nicht nehmen lassen, sie fühlen zu lassen, dass sie unter ihm standen. Das war ein Stehempfang. Die mussten sich im Halbkreis vor ihm versammeln, eine Art Audienz so wie früher ein Fürst die Vertreter der Landstände empfing, die irgendeine Beschwerde vorzubringen hatten", entfaltet Martin Niemöller jr. die räumlich-psychologische Situation dieses einmaligen Treffens.

Hitler wurde von seinem Minister Hermann Göring auf das Treffen vorbereitet. Niemöllers Telefon im Dahlemer Pfarrhaus wurde überwacht. Göring trug zu Beginn des Treffens ein verfälschtes Abhörprotokoll vor: Niemöller habe von "der letzten Ölung" gesprochen, "die Sache sei gut gedreht" und die "Minen seien gelegt". Der Kirchenopposition wurde Staatsopposition unterstellt. Ein Eklat. Die oppositionellen Bischöfe waren eingeschüchtert. Zum Schluss traf Hitler keine Entscheidung, sondern richtete an die versammelten Kirchenführer den dringenden Appell, es um der Lage des deutschen Volkes willen noch einmal mit dem Reichsbischof Müller zu versuchen. Nachdem Niemöller von Göring überrumpelt und als vermeintlicher Volksverräter bloßgestellt war, erklärten sich auch die Vertreter der Bekenntnisgruppe kleinlaut bereit, es erneut mit dem Reichsbischof zu versuchen. Nur Niemöller nicht! 

"Mein Vater hat dann die Hand von Hitler etwas länger festgehalten, als es zur Verabschiedung nötig gewesen wäre: Herr Reichskanzler, Sie haben gesagt, die Sorge für das Deutsche Volk überlassen Sie mir. Aber ich sage Ihnen: Dass weder Sie noch sonst eine Macht in der Welt in der Lage sind, uns als Kirche die Verantwortung, die uns von Gott für Volk und Vaterland auferlegt ist, abzunehmen. - Und das war das Ende. Hitler hat dann dazu nichts mehr gesagt und hat sich abgewandt", sagt Martin Niemöller jr. heute.

Kirchenopposition zerbricht

Mit dem Ausgang des Kanzlerempfangs stand die kirchliche Opposition schlechter da als zuvor. Der Unmut der Bischöfe richtete sich allein gegen Niemöller. Er sollte seinen Vorsitz beim Notbund niederlegen, was Niemöller brüsk ablehnte. Die Kirchenopposition zerbrach. Die Kirchen von Württemberg, Bayern und Hannover ließen Niemöller allein und unterzeichneten eine Unterwerfungserklärung, sagt sein Sohn heute: "Die Kirchenleute stellen sich geschlossen hinter den Reichsbischof, eine fast schon militärisch anmutende Formulierung. Und das war praktisch die Kapitulation der Kirche und der Sieg von Reichsbischof Müller und den Deutschen Christen."

Martin Niemöller, 1934.

Martin Niemöller aber ließ sich nicht entmutigen, sondern baute die Bekennende Kirche aus. Dass er vier Jahre später als "persönlicher Gefangener Adolf Hitlers" ins KZ Sachsenhausen verbracht wurde, lag weniger an der persönlichen Rache des Führers für den 25. Januar 1934. Vielmehr war Niemöller in den Jahren danach zu populär geworden, sagt Historiker Manfred Gailus:

Kritik an Führern des Reiches in Predigten 

"Ab 1934 kam es in Dahlem zu einer Art Predigtrevolution. Der Zulauf zu den Gottesdiensten Niemöllers wuchs exorbitant an. Bei Niemöller waren es regelmäßig über 1000, 1100, 1200 und mehr Predigthörer. Niemöller erwähnte und kritisierte in seinen Predigten zahlreiche Namen von Führern, also Goebbels, Rosenberg und andere. Wer hat das sonst gemacht, welcher Pfarrer?"

Niemöller blieb bis Kriegsende in KZ-Haft. Auch sein Sohn Martin Niemöller jr. ist sicher, dass sein Vater weniger aus Rache des Führers inhaftiert wurde, sondern weil er ein zu guter Prediger war: "Weil er doch als latente Gefahr angesehen worden ist, auch von Goebbels. Mein Vater hatte große Menschenmassen organisieren können. Er hat zum Teil bei Versammlungen über 10000 Zuhörer gehabt. Das war für die NSDAP eine Herausforderung, einen solchen Unruhestifter frei im Land zu lassen. Wir sperren den mal weg. Zu ermorden hat man sich nicht getraut, weil man Vater im Ausland ein prominenter Vertreter des evangelischen Christentums war und als solcher galt. Aber wegsperren, das ging."

Die Evangelischen Kirchenführer und Pastor Martin Niemöller vor dem Führer. Ein spannender Kirchengeschichtskrimi rund um diesen historischen 25. Januar 1934.

 

Buchhinweis:

Martin Niemöller jr., Evangelische Kirchenführer bei Hitler, Der Kanzlerempfang vom 25. Januar 1934, 160 Seiten, Lutherverlag, 20,00 €, ISBN 978-3-7858-0807-8