Christsein im globalen Horizont

Ein Rückblick auf das Reformationsjubiläum
Die Reformationsbotschafterin des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Margot Käßmann, hält einen persönlichen Rücklick auf das 500. Reformationsjubiläum bei der Synodentagung der EKD.

Foto: epd/Norbert Neetz

Die Reformationsbotschafterin des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Margot Käßmann, hält einen persönlichen Rücklick auf das 500. Reformationsjubiläum bei der Synodentagung der EKD.

International und weltoffen statt deutschnational: Für die Feierlichkeiten zum Reformationsjubiläum, die Weltausstellung Reformation in Wittenberg und die vielen anderen Aktionen in diesem Jahr ist die Reformationsbotschafterin sehr dankbar. Margot Käßmanns persönlicher Rückblick auf der EKD-Synode.

"Am Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott", schallt es durchs Plenum der EKD-Synode. Die Synodalen stehen und singen im Kanon, während Dieter Falk, der Komponist des Luther-Pop-Oratoriums, auf der Bühne voller Elan dirigiert. Mit dieser musikalischen Einstimmung im Rücken fängt Reformationsbotschafterin Margot Käßmann mit ihrem ganz persönlichen Rückblick auf das Reformationsjubiläum an.

Und auch bei ihr war da am Anfang das Wort – oder um genauer zu sein: die Frage, ob sie den Job als Reformationsbotschafterin der Evangelischen Kirche in Deutschland überhaupt übernehmen wolle. Sie habe 2011 gezögert, gesteht Käßmann auf der Bühne, nach ihrem Rücktritt erneut ein Amt in der EKD anzunehmen, noch dazu eines, wo niemand so ganz genau, wusste, wie dieses Amt eigentlich auszufüllen sei. "Heute bin ich dankbar, dass mir das Amt angetragen wurde", so die Reformationsbotschafterin rückblickend.

Überall auf der Welt sei das Reformationsjubiläum gefeiert worden: auf den Chatham Islands an der Datumsgrenze, wo Margot Käßmann am 1. Januar 2017 um vier Uhr morgens eine Andacht abgehalten hat, aber auch in Afrika, Asien, Lateinamerika und natürlich auch an vielen Orten in Europa. Dabei sei das Interesse an der Reformation überall groß gewesen. "In den Gesprächen wurde jeweils gefragt, was Reformation vor Ort bedeutet, wie sie gefeiert werden kann", so Käßmann, "und natürlich war das Interesse sehr groß, was wir in Deutschland diskutieren, wie wir feiern". Die konkrete Ausgestaltung der Feierlichkeiten bedeutet Käßmann viel: Mehrfach betont sie die Internationalität des Reformationsjubiläums. Man habe dieses Mal "wahrhaftig nicht deutschnational, sondern weltoffen und international" gefeiert.

Auch Käßmanns Rückblick auf das "Experiment" Weltausstellung der Reformation in Wittenberg fällt positiv aus. Sie habe sich gefreut, dass Touristen an den historischen Stätten der Reformation eben nicht nur zurückschauen konnten, sondern durch die Torräume der Weltausstellung in den Wallanlagen die Anregung bekamen, sich zu fragen, "was unser Glaube für Kirche und Gesellschaft heute bedeutet". Käßmann habe sich besonders darüber gefreut, dass Menschen aus so vielen Ländern nach Wittenberg gekommen seien. Dieser Erfolg sei gerade in der heutigen Zeit ein Zeichen gewesen: "Wir leben unser Christsein nicht länger in nationaler Einengung, sondern im globalen Horizont." Die Erfahrungen aus der Weltausstellung hätten ihr gezeigt, dass die evangelische Kirche in der Lage sei, Kultur in den öffentlichen Raum zu bringen und so niedrigschwellig zur Diskussion anzuregen.

Doch wer diskutiert oder auch nur dazu anregt, muss auch Kritik einstecken können. Zu viel Luther, zu wenig Besucher oder die Säkularisierung sei irgendwie total übersehen worden – an Vorwürfen, die während des Reformationsjubiläums geäußert wurden, mangelt es nicht. Margot Käßmann reagiert fast schon ein kleines Bisschen lapidar: "Es wäre ja auch äußerst ungewöhnlich für den Protestantismus, wenn dem nicht so wäre." Man könne es nicht allen Recht machen, so die Reformationsbotschafterin weiter, aber insgesamt könne man dankbar sein und sich an dem freuen, was gelungen sei.

Auch der Wittenberger Oberbürgermeister, Thorsten Zugehör, ist dankbar für die mutige Entscheidung, so viele Feierlichkeiten in Wittenberg stattfinden zu lassen. Es habe die Stadt und auch die Gesellschaft der Stadt zum Positiven verändert. Das liegt auch am wirtschaftlichen Erfolg des Reformationsjubiläums für Wittenberg. Im Jahr 2017 habe es doppelt so viele Stadtführungen und Führungen in der Schlosskirche gegeben als zuvor, die Stadt sei mit den Besucherzahlen sehr zufrieden. "Und das, was da geschehen ist, ist nachhaltig: Wir haben jetzt für 2018 schon mehr Anmeldungen als für das Jahr 2017", so Oberbürgermeister Zugehör.

Sein persönliches Highlight war der Abschlussgottesdienst des Kirchentages auf den Elbwiesen. "Es hat mich beeindruckt, dass mehr Wittenberger dort waren, als eigentlich prozentual an Christen in der Stadt wohnen. Die Menschen waren einfach neugierig", sagt Zugehör. Und auch die langsam wachsende Besucherzahl des Abendsegens von fünf bis zehn auf über 300 zum Schluss habe ihn gefreut. "Das Reformationsjubiläum hat gezeigt, dass es ein großer Erfolg werden kann, wenn die Kirche einen Schritt nach draußen macht. Das sollte eine Lehre aus 2017 sein."

"Luther war auch Pop"

Und auch Hartwig Bodmann und Ulrich Schneider, die Geschäftsführer des Durchführungsvereins r2017, erzählen von den aufregenden vergangenen Monaten des Reformationsjubiläums: Von der Eröffnung des Assisi-Panorama über den Auftakt des europäischen Stationenwegs bis hin zur Eröffnung der Weltausstellung und dem Abschlussgottesdienst. Doch das besonders schöne an der Situation sei die Nachhaltigkeit – sowohl für die Kirche als auch für die Stadt Wittenberg: denn ab jetzt könne es jedes Jahr Konficamps geben und das Gefängnis könnte vielleicht ab demnächst alle zwei Jahre eine zeitgenössische Kunstausstellung beherbergen. "Zum Ende waren die Stadt und die Weltausstellung voll und das hat wirklich begeistert", so Ulrich Schneider.

Einen Grund zum Jubeln sieht der Komponist Dieter Falk auch darin, dass das Luther-Pop-Oratorium ein Viertel kirchenferner Menschen erreicht habe. Es habe gezeigt, dass die Menschen Lust zum Singen hätten und dass Popkultur in der Kirche pari-pari mit Klassik stattfinden müsse. "Die Gesellschaft hört WDR2 und 1Live und das muss auch in der Kirche stattfinden", sagt Falk. Dass man es damit nicht allen Recht machen könne, liege in der Natur der Sache, denn Musik sei nun mal Geschmackssache. Man müsse sich aber eines vor Augen führen: "Luther war auch Pop. Er hat Volkslieder in die Kirche geholt und die waren damals Pop."

Zum Abschied gab es dann für Margot Käßmann anerkennende und lobende Worte von Präses Schwaetzer und dem EKD-Ratsvorsitzenden Heinrich Bedford-Strohm und langanhaltenden Applaus und Standing Ovation von den Synodalen. Es ist noch kein endgültiger Abschied, schließlich bleibt Käßmann noch ein halbes Jahr Reformationsbotschafterin, aber es war schon einmal eine Verneigung vor ihrem Engagement und ihrer Leistung.

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