Die mutigste Zeitung der Welt

Projekt 61

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61 Journalistinnen und Journalisten kamen im Jahr 2016 ums Leben, während sie ihren Beruf ausübten. Das Projekt "Zeitung 61" erinnert an sie. Initiator Jochen Arntz über die "mutigste Zeitung der Welt" und die Hintergründe

Können Sie kurz beschreiben, was das Projekt "Zeitung 61" ist – und vor allem, wie es zu dieser Idee kam?

Jochen Arntz: Das Projekt Zeitung 61 will an die 61 Journalisten erinnern, die 2016 in Ausübung ihres Berufes ums Leben kamen. Wir haben das Projekt zum Tag der Internationalen Pressefreiheit gestartet, um die Stimmen der verstorbenen Kollegen lebendig zu halten. Die Idee ist, dass Journalisten der Berliner Zeitung und Kolleginnen und Kollegen aus anderen Redaktionen Portraits der Verstorbenen schreiben, ihre Themen und ihre Arbeit würdigen. So soll mit der Zeitung 61 im Netz ein sehr konkretes digitales Mahnmal für die  Pressefreiheit entstehen. Den ursprünglichen Impuls zu der digitalen Aktion hatte Andreas Henke, der für die Düsseldorfer Agentur Havas gearbeitet hat und weiß, wie man soziale Kampagnen vernetzt. 

Wie ist die Arbeitsweise des Projekts – wer schreibt über wen, wer soll/kann mitmachen?

Arntz: Das Projekt wird getragen von der Berliner Zeitung. Unsere Autoren, Auslandskorrespondenten und Reporter schreiben die Portraits. Manche von ihnen haben besondere Beziehungen zu bestimmten Weltregionen, wer zum Beispiel schon im Sudan war, schreibt dann vielleicht auch über getötete Kollegen dort. Aber das ist nicht zwangsläufig so, jeder kann wählen, an wen er erinnern möchte. Wir haben auch schon Kollegen aus anderen Redaktionen wie dem Focus, dem Weserkurier und der DuMont-Hauptstadtredaktion in das Projekt eingebunden. Darüber freuen wir uns, denn die Zeitung 61 wird zwar von der Berliner Zeitung getragen, ist aber offen für alle Kollegen. 

Oben im Reiter der Website steht: "Die mutigste Zeitung der Welt" – das bezieht sich auf den Mut der Journalistinnen und Journalisten, die dort präsentiert werden, oder?

Arntz: Ja, nur darauf, auf den Mut von Reporterinnen und Reportern, auch dorthin zu gehen, wo es gefährlich ist.

"Kriegsparteien müssen begreifen, dass Journalisten nicht Teil einer Kriegspartei sind"

Was würden Sie Leuten entgegnen, die sinngemäß etwas sagen wie: "Selbst schuld, die könnten ja auch über Fußball berichten oder besser aufpassen…"?

Arntz: Es wird immer Leute geben, Korrespondenten vor allem, die auch dort recherchieren, wo man sich in Gefahr bringt, weil sich Leserinnen und Leser sonst kein Bild von dieser Welt machen können. Außerdem leben viele der getöteten Journalisten in gefährlichen Ländern, sie sind also in ihrer Heimat ohnehin großen Gefahren ausgesetzt. Ich glaube allerdings, dass gerade Journalisten in Kriegs- und Krisengebieten sehr umsichtig sind. Aber das Risiko bleibt.

"Zeitung 61" geht an die Öffentlichkeit und gibt den toten Kolleginnen und Kollegen eine Stimme. Welche Unterstützung bräuchte es Ihrer Meinung nach noch, um in Zukunft die Zahl der Getöteten zu verringern und Journalisten besser zu schützen?

Arntz: Kriegsparteien müssen begreifen, dass Journalisten nicht Teil einer Kriegspartei sind. Die organisierte Kriminalität zum Beispiel in Südamerika darf keinen Erfolg haben bei dem Versuch, Journalisten im wahrsten Sinne des Wortes mundtot zu machen. Und Redaktionen müssen ihre Journalisten so ausrüsten, dass maximale Sicherheit gewährleistet ist. Keine noch so wichtige Geschichte kann es wert sein, einen Kollegen in Gefahr zu bringen. 

Haben Sie Pläne, das Projekt fortzuführen – es ist ja leider zu befürchten, dass es auch in Zukunft weitere Todesfälle geben wird?

Arntz: Das haben wir noch nicht entschieden, aber ich fände es gut, wenn wir den getöteten Kolleginnen und Kollegen mit dem Projekt auf Dauer eine Stimme geben und an Sie erinnern würden. Das werden wir auch in der Berliner Zeitung tun.