Nur noch 60 Minuten für Luther

Geschichte spielend erleben: Speyerer Escape Room widmet sich Luther
Eine kleine Martin luther Playmobilfigur steht neben drei geöffneten Schlössern, im Hintergrund steht die geöffnete Lutherbox

Foto: evangelisch.de/Andrea Stevens

Vom Gewitter bis zur Bibelübersetzung: In der Lutherbox ist alles drin

Martin Luthers Gewitter-Erlebnis, seine Reise nach Rom, die Bibelübersetzung oder auch die Speyerer Reichstage - all das sind wichtige Ereignisse in Luthers Leben und damit auch für die Reformation relevant. Im "Escape&Museum" in Speyer kann man das alles spielerisch erfahren, während man unter Zeitdruck Rätsel löst, um eine Ausstellungseröffnung zu retten.

Vor einem kleinen Gebäude in Speyer stehen Journalisten, Fotografen und Kamera-Teams dicht zusammengedrängt. Sie  warten ungeduldig darauf, dass sich die unscheinbare Tür öffnet. Hinter ihr verbirgt sich die aufsehenerregende, neue Ausstellung "Speyer – Stadt der Protestation" über Martin Luther und die Reichstage zu Speyer. Noch eine Stunde Wartezeit, dann beginnt endlich der Einlass.

Auf der anderen Seite der Tür herrscht dagegen blanke Panik bei der Museumsdirektorin. Es sollte eigentlich ihre große Sternstunde werden, doch jetzt steht sie vor der größten Blamage ihres Lebens: Der Kurator ist spurlos verschwunden und hat die Ausstellung nicht fertig gestellt. An den Wänden, an denen eigentlich auf kleinen Info-Blättern der Weg Luthers bis zur Speyerer Protestation nachgezeichnet sein sollte, klaffen große Lücken.

Im Ausstellungsraum dürfen sich dien Spieler austoben.

Und in seiner paranoiden Angst, dass ihm jemand die Exponate stehlen könnte, hat der Kurator sie alle in zahlreiche Kisten, Koffer und Pakete eingeschlossen, deren Codes nur er allein kennt. Eine Katastrophe! Und es bleiben nur noch 60 Minuten, um alle Rätsel zu lösen, die Codes zu knacken, die Exponate und Info-Blätter zu finden und damit die Ausstellung zu retten.

"Die Rätsel waren total schnell überlegt"

Mit dieser Geschichte begrüßt Nadja Pentzlin die Besucher des "Escape&Museum" in Speyer. Wie in anderen Live Escape Rooms auch besteht die Aufgabe für die zwei bis sechs Spieler darin, Rätsel zu lösen, versteckte Hinweise zu finden, Codes zu knacken und am Ende innerhalb von 60 Minuten den Schlüssel zu finden, um die Tür zu öffnen. Im Gegensatz zu anderen Escape Rooms, in denen es um die Flucht vor einem Mafia-Boss oder verrückte Wissenschaftler geht, soll dieser Raum noch einen weiteren Zweck erfüllen – abgesehen vom Spiel- und Rätselspaß: "Ich wünsche mir, dass die Leute hier mit zusätzlichem Wissen rausgehen. Dass Bilder oder Informationsschnipsel hängen bleiben", sagt Pentzlin.

Auf die Idee, einen geschichtlichen Live Escape Room ins Leben zu rufen, kam die 31-Jährige eher zufällig. Sie sei schon immer spiele- und rätselbegeistert gewesen und als sie nach ihrer Promotion mit dem Schwerpunkt Reformationsgeschichte keinen Job gefunden habe, kam ihr im Dezember 2014 die Idee: Warum nicht Geschichtsvermittlung über Luther und die Stadtgeschichte Speyers mit dem Spaßfaktor Escape Room verbinden? "Für die Rätsel haben mein Mann und ich maximal eine Woche gebraucht. Anstrengend waren aber die Umsetzung und die Raum- und Sponsorensuche. Außerdem wollte ich das alles so authentisch wie möglich gestalten, so dass ich sehr viele Museen und Archive wegen der Bildrechte angefragt habe", so die 31- Jährige. 2015 habe sie schließlich eröffenen können. Die Kosten für das Luther-Abenteuer hängen von der Anzahl der Personen ab, beginnen aber bei 60 Euro für zwei Spieler.

Die Evangelische Kirche der Pfalz half ihr mit einem Zuschuss und machte "Werbung" für das "Escape&Museum". Pentzlin ist dankbar für die Unterstützung, die sie sowohl von der Kirche als auch vom Marketing der Stadt Speyer bekommen hat. "Ich habe die Räume privat angemietet, habe das alles finanziert und bin einfach so direkt ins kalte Wasser gesprungen", erinnert sich die promovierte Historikerin. Der Mut hat sich gelohnt: Mittlerweile ist ihr Klientel, das den Raum bucht, bunt durchmischt: Von Familien über Konfirmanden, Jugendgruppen und große Unternehmen, die den Ausflug in den Escape Room als Team Building Aktion sehen. Die beste Werbekampagne sei jedoch das Reformationsjubiläum: "Luther zieht die Menschen an."

Exponate sind Teil der Rätsel

In Pentzlins Escape Room stehen die Exponate wie eine Lutherbibel oder die Kopie einer alten Karte, wie Luther sie auch auf seiner Romreise benutzt haben könnte, nicht in Vitrinen. Oftmals sind sie Teil der Rätsel und die Spieler müssen mit ihnen arbeiten. "Es ist gar nicht so einfach Bibelstellen in einer in altdeutscher Schrift geschriebenen Bibel zu finden", sagt Pentzlin. Es käme auch häufig vor, dass Gruppen durch Stress und Zeitdruck einfache Hinweise übersehen. Vorwissen brauche man für das Spiel jedoch nicht. "Ich habe schon Gruppen erlebt, die hier mit dem einstudierten Lebenslauf von Luther aufgetaucht sind – das hat ihnen aber gar nichts gebracht." Stattdessen müsse man logisch kombinieren und im Team agieren können und Erfahrungen mit anderen Escape Rooms können auch nicht schaden.

Nadja Pentzlin und Lutz Böcking freuen sich, dass ihr Projekt "Lutherbox" geklappt hat.

Der Rätselspaß der Reformation hat Nadja Pentzlin auch mit Lutz Böcking aus Neuss zusammengebracht. Gemeinsam haben sie anlässlich des Reformationsjubiläums eine sogenannte "Lutherbox" entwickelt. Das ist eine Knobelbox, deren Rätsel den Spielern einen neuen Zugang zur Reformation vermitteln soll – auf kommunikativ-spielerische Art und Weise. "Meine Kollegen und ich wussten, wie man so eine Box technisch umsetzt", erzählt Böcking, der technische Entwickler der Lutherbox, "aber wir brauchten noch jemandem mit dem nötigen, fundierten Fachwissen." Mitte Januar 2017 treffen sich Pentzlin und Böcking zum ersten Mal, schnell sind sie sich einig: Wenn nicht jetzt, wann dann. Etwa acht Wochen lang dauert es, bis aus der Idee auf dem Papier eine 50x50x50 Zentimeter große Holzbox geworden ist. das besondere daran: die Box besitzt ein rotierendes System mit vier Fächern, in denen unter anderem die vier Soli als Grundpfeiler der Lehre Martin Luthers aufgegriffen werden. Böcking ist sichtlich stolz darauf, wie sich Funktionalität und geschichtlich-theologischer Inhalt verbinden.  

"Spielend über Luther ins Gespräch kommen"

Die Box selbst und auch der komplette Inhalt werden in kleinteiliger Handarbeit angefertigt. "Wir sind drei Leute in der Werkstatt, die sehr viel Spaß am Basteln und frickeln haben. Immer wieder gehen wir die Box durch und es fallen weitere kleine Verbesserungsmöglichkeiten auf", so Böcking. Die handgefertigte Perfektion hat ihren Preis: 2.320 Euro zuzüglich Mehrwertsteuer und Versand kostet die Lutherbox, die online bestellbar ist. Will man sie mieten, richtet sich der Preis nach der Dauer des Mietverhältnisses. Für den privaten Gebrauch sei die Box daher vielleicht eher weniger, aber gerade Kirchengemeinden könnten daran ihre Freude haben, so Nadja Pentzlin. "Gerade zum Beispiel in Kinder- oder Konfirmandengruppen ist die Rätselbox mal eine andere Art der Wissensvermittlung – nicht immer nur Frontalunterricht, Vorträge und Powerpoint, sondern spielend über Luther und die Reformation ins Gespräch kommen", ergänzt Böcking. Die Evangelische Kirche der Pfalz hat bereits eine Lutherbox für die Weltausstellung in Wittenberg bestellt und auch einige Jugendkirchen sind interessiert.

In kleinen Rätseln werden die Spieler von Luthers Gewitter-Erlebnis bis zur Bibelübersetzung geführt.

Inhaltlich beginnt die Lutherbox bei Luthers Gewitter-Erlebnis 1505 und endet mit seiner Bibelübersetzung im Jahr 1522. Auf dem Weg dorthin lernt man beispielsweise etwas über den Buchdruck und die Feinde und Freunde Luthers. Im Schnitt braucht man ungefähr 15 bis 20 Minuten, bis man alle Rätsel gelöst hat.  "Es darf nicht zu lange dauern, schließlich sollen die Leute begeistert bei der Sache bleiben", sagt Böcking. Die Erfahrung habe gezeigt, dass die meisten Gruppen nach einigen Minuten das Konzept verstanden hätten und dann munter drauflos rätseln.

Sowohl im Escape Room als auch bei der Lutherbox haben alle Spieler etwas gemeinsam: "Am Ende freuen sich alle, dass sie es geschafft haben und dabei sogar noch etwas lernen konnten", sagt Nadja Pentzlin.