Reformation in der Welt: Tel Aviv/Israel

Pfarrer Andreas Johansson (2. v.r.) mit Gemeindemitgliedern in der Immanuel Church, Tel Aviv, Israel.

Foto: Christiane Meister/Christoph Mathieu

Pfarrer Andreas Johansson (2. v.r.) mit Gemeindemitgliedern in der Immanuel Church, Tel Aviv, Israel.

Das Reformationsjubiläum 2017 wird nicht nur in Europa gefeiert. Lutherische und reformierte Christen gibt es auf der ganzen Welt. Wir schauen in unserer Serie, was evangelische Geschwister in anderen Ländern beschäftigt, wie sie ihren Glauben leben und wie sie 2017 feiern. Die Immanuel Church in Tel Aviv, Israel, denkt auch über das Thema Judenmission nach.

Backpacker aus aller Welt tummeln sich an weiten Stränden oder auf Dachterrassen, wo sie Humus naschen und laute Musik hören, in der sommerlichen Hitze Siesta halten oder ihre Surfbretter aufs Meer hinaus schieben. Die Menschen in Tel Aviv sind stolz auf dieses Lebensgefühl, durch das die Stadt ein Gegenpol zum gleichsam hektischen wie hitzigen Jerusalem geworden ist. "The Bubble" nennen sie die Strandstadt – sie meinen damit, dass Tel Aviv eine Blase ist, die einzige Stadt im Land, wo Religion kaum eine Rolle spielt. Als "den besten Ort der Welt" bezeichnen die jungen Betreiber des Hostels Florentine Tel Aviv.

In freundlicher Nachbarschaft zum Hostel liegt die kleine Immanuel Church, deren dünner Kirchturm sich wie eine Nadel in den blauen Himmel bohrt. Religion wird in Israel nicht selten mit strengen Regeln und natürlich politischen Konflikten assoziiert. Obwohl auch die jungen Hostel-Bewohner dem Thema Religion oft skeptisch gegenüberstehen, stört sie die Kirche nicht. Eigentlich wird sie kaum wahrgenommen. Hier praktiziert eine lutherische Gemeinde – und was das ist, was überhaupt Protestantismus ist, das wissen hier nur die wenigsten. Für die Gemeindemitglieder ist ihre kleine Kirche ebenfalls "a bubble": Eine Blase, in der sie ihren Glauben praktizieren können, der im Rest des Landes wenig verbreitet ist.

Außenansicht der Immanuel Church, Tel Aviv, Israel.

"Als Christin bin ich hier schon eine Exotin", sagt die 17-jährige Allison F. "Aber wenn ich versuche, meinen Freunden zu vermitteln, dass ich nicht katholisch bin und nichts mit dem Papst zu tun habe, dann verstehen sie überhaupt nicht, wie ich überhaupt einzuordnen bin." Allison ist nicht viel jünger als die meisten der fast hundert Gottesdienstbesucher, die am Pfingstsamstag die Kirche füllen. Zwar gibt es auch sonntags Gottesdienste, doch da der Sonntag in Israel ein regulärer Arbeitstag ist, sind sie schlechter besucht. Die Gemeindemitglieder sind größtenteils zwischen 20 und 40 Jahre alt und bekennen sich von ganzem Herzen zu ihrem Glauben.

"Wenn Jesus nicht der Messias für die Juden ist, dann ist er überhaupt kein Messias"

Es sind Protestanten verschiedenster Prägung. In einer Umfrage während des Gottesdienstes findet der schwedische Pfarrer Andreas Johansson, der an diesem Tag den hauptamtlichen Pfarrer Christian Andersson aus Dänemark vertritt, heraus, dass insgesamt 18 Muttersprachen und Menschen von vier Kontinenten versammelt sind. Entsprechend durchmischt gestaltet sich auch der Gottesdienst: Auf der Orgel wird Bach gespielt, eine Band präsentiert poppige Songs aus einem amerikanischen Gesangbuch. Der Gottesdienst wird auf Hebräisch gehalten, aber ins Englische übersetzt, auf dem Altar steht eine jüdische Menora, ein siebenarmiger Kerzenleuchter. Direkt darüber ist in einem Buntglasfenster ein Davidstern zu sehen, dessen Zacken aus einer Dornenkrone geflochten sind.

Buntglasfenster in der Immanuel Church, Tel Aviv, Israel. Das Fenster in der Mitte zeigt einen Davidstern, dessen Zacken aus einer Dornenkrone geflochten sind.

Der Davidstern in Verbindung mit dem Messias, an den die Juden selbst nicht glauben? Das irritiert – auch in dieser kleinen Kirche scheint wie überall in Israel das Religiöse eine politische Dimension zu haben. Der Gottesdienst läuft aber sehr unbeschwert und fröhlich ab: Kinder aus Familien, die größtenteils wegen lukrativer Jobs nach Tel Aviv gekommen sind, singen schmissige Lieder, einige Besucher recken dazu mit verklärtem Blick ihre Arme zum Himmel. Andere wiederum bleiben protestantisch kühl. Viele Kulturen kommen zusammen und feiern gemeinsam ein Fest.

Nahezu jedes Gemeindemitglied der Immanuel Church ist von missionarischem Eifer getrieben. Pfarrer Andersson ist genau deswegen nach Israel gekommen: Er will die Botschaft des Neuen Testaments auch im Heiligen Land populärer machen. "Wir erleben hier eine kleine Kirche mit einer weltweiten Familie Gottes", sagt er. "Viele Strömungen kommen zusammen. Es ist großartig zu sehen, dass so viele verschiedene Leute gemeinsam an Jesus glauben." Mit Blick auf die meisten seiner Landsleute sagt er aber auch: "Wenn Jesus nicht der Messias für die Juden ist, dann ist er überhaupt kein Messias." Anderssons Kollege Johansson ist ein freundlicher Mann mit wachen Augen, lockerem Auftreten und einem charmanten Witz, den er im Gottesdienst immer wieder aufblitzen lässt. Im Gespräch macht er aber sehr deutlich, wie ernst ihm seine Mission ist: "In dieser Kirche geht es darum, dass Jesus der Messias für alle Menschen ist."

Der Kanadier Michael H., der als Programmierer in Tel Aviv arbeitet, fühlt sich angesprochen von dem theologischen Ernst, den er aus Kanada nicht kennt. In Israel könne er seinen Glauben stärker leben als in seiner Heimat, sagt er. Eine der jungen Frauen, die beim Gebet in der Kirche ihre Hände zum Himmel gereckt hat, um der Kraft ihres Glaubens Ausdruck zu verleihen, bestätigt im Gespräch, wie tief sie sich erleuchtet fühlt: Sie kommt aus einer jüdischen Familie, hat aber Jesus als ihren Erlöser angenommen. Sie gehört zu den messianischen Juden, einer Minderheit, die den Spagat zwischen zwei Religionen versucht: Sie leben die jüdische Tradition, folgen aber dem christlichen Glauben. "Unter den jüdischen Menschen machen sie vielleicht 0,2 bis 0,3 Prozent aus", sagt Johansson. "Aber sie werden mehr. Vor 40 Jahren waren es wenige hundert Juden, die an Jesus glaubten, heute sind es vielleicht zehntausend."

Alex, Allison und Michael sind Gemeindemitglieder der Immanuel Church in Tel Aviv.

Jude, Moslem, Christ – das sind für den Theologen ethnische Begriffe, die nichts darüber aussagen, woran ein Mensch glaubt. Johansson beobachtet, dass sich die Stimmung im Land ändert: "Der Respekt wächst. Hätte ein junger Mensch vor 20 oder 30 Jahren während des Militärdienstes gesagt, dass er jüdisch sei und an den Messias glaubt, hätte er vermutlich für den Rest der Zeit Toiletten putzen müssen." Inzwischen würden messianische Juden immer mehr akzeptiert. Trotzdem gilt in der Immanuel Church ein strenges Fotografieverbot während des Gottesdienstes. Einige Besucher fürchten, dass ihre Familien herausfinden könnten, dass sie eine christliche Kirche besuchen.

Andersson, Johansson und die Gemeindemitglieder geben sich friedfertig und fordern Toleranz. Doch sie scheuen sich nicht vor eifrigem Aktionismus, wenn es darum geht, andere Religionen zu missionieren. "Ich kann es ja verstehen, dass Länder wie Deutschland mit der Mission ein Problem haben. Das hat mit dem schlechten Gewissen zu tun", sagt Johansson. Richtig findet er es nicht und zitiert einen messianischen Juden, den er kennt: "Wenn man das Evangelium nicht den Juden predigt, dann ist man antisemitisch."

"Das Jubiläum ist eine Möglichkeit, wieder vom Evangelium zu sprechen"

Die Lesart, dass es im Gegenteil antisemitisch sein könnte, die Religion eines anderen für falsch erklären zu wollen, lässt der Pfarrer nicht zu. Im November 2015 und aus Anlass des Reformationsjubiläums hat die Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland einen Beschluss gefasst, in dem sie Luthers judenfeindliche Äußerungen benennt und sich zu "Gottes Bundestreue gegenüber seinem Volk und zur bleibenden Erwählung Israels" bekennt und damit das Judentum als gleichberechtigte Religion anerkennt. Das erstaunt Johansson: "Ich kann es kaum glauben, dass es möglich ist, so ein inkonsistentes Dokument zu veröffentlichen." Das Evangelium sei zuerst Juden geschrieben und Juden gepredigt worden. "100 Prozent der Menschen, die damals an Jesus glaubten waren Juden. Das gilt auch für Paulus und für Jesus selbst." Das aus dem Blick zu verlieren, wirft er der EKD vor: "In vielen Ländern in Europa – auch in Deutschland – gibt es die Haltung, das Evangelium nicht den Juden zu predigen. Vielleicht, weil sie ein schlechtes Gewissen wegen des Holocausts haben. Genau weiß ich es nicht."

Pfarrer Andreas Johansson.

Luther selbst habe im Umgang mit den Juden nicht alles richtig gemacht. "Er ist aber nicht der Messias, sondern ein Mensch mit Fehlern – wie wir", verteidigt er den Reformator. Er wolle deshalb Luthers Beispiel folgen und die Bibel als Autorität predigen. "Die Botschaft des Evangeliums wurde für die Juden geschrieben." Diese Wahrheit könne er nicht umgehen. Zum Reformationsjubiläum will sich Johansson zwar auf Luthers Weisheit besinnen, dessen Neuentdeckung des Evangeliums feiern, aber nicht vergessen, dass er nicht Luthers Ansichten, sondern die von Jesus Christus predige. Sein Kollege Andersson ergänzt: "Das Jubiläum ist eine Möglichkeit, wieder vom Evangelium zu sprechen, zu predigen, dass wir gerettet sind durch den Glauben an Jesus Christus allein."

Die Botschaften der beiden Pfarrer haben auch den 18-jährigen Alex O. aus Deutschland zum Kern seines Glaubens geführt. Er hat fünf Monate in der Immanuel-Church-Gemeinde verbracht, hat das Land komplett bereist und die Spiritualität für sich angenommen, die in Israel fast überall zu finden ist. Neben der politischen Konflikte im Land scheint sie der zweite der beiden Pole zu sein, zwischen denen sich das Spannungsfeld in Israel entfaltet. "Ich bin in den Protestantismus hineingeboren", erzählt Alex. "In Israel ist der Glaube meiner Eltern erst mein eigener Glaube geworden." Die meisten seiner Freunde, die er auf Reisen gewonnen hat, seien messianische Juden. "Sie leben das Christentum im Bewusstsein der Vergangenheit", sagt er. Das mache sie fortschrittlicher als viele andere in Israel. "Denn die meisten Juden mögen Christen nicht. In Jerusalem kommt auch Gewalt gegen Christen vor."

Dass solche Sätze provozierend sein können, scheint der fröhlich wirkende Alex, der mit dem Gedanken spielt, selbst Pfarrer zu werden, nicht zu merken. Andreas Johansson ist sich dessen aber sehr bewusst: "Ich stehe zu dem, was ich sage. Auch wenn ich mir vorstellen kann, damit in Deutschland zu provozieren", erklärt er. Er begreift seine Kirche als eine Minderheit in Israel, die unter vielen Andersgläubigen eine spirituelle Wahrheit zu verteidigen hat. Mit dieser Selbstwahrnehmung steht er in dem spannungsgeladenen Land wohl nicht alleine da – egal, für welche Religion er spricht.