Serielle Diskussionen, Beziehungskrisen und immer wieder noch Naidoo

Das skurrilste Detail der letzten Günther-Jauch-Talkshow. Die Verdopplung der bizarren Quotenfixierung öffentlich-rechtlicher Programmchefs durch die Medienmedien. Springer(!)-Kritik an "zornigen alten weißen Journalisten". Sowie NDR-Kritik von einem Ex-ZDF-Showchef.

Deutschlands ältestes Medien-Watchblog wird 15: Zum Altpapier-Jubiläum schreiben Autoren und Teams aus der wunderbar weiten Welt der Medien zehn Geschenkpapiere.

"Danke und auf Wiedersehen." Das war's. Ende, Klappe. Ohne Jauch geht's nun auch. Nach vier Jahren hat sich der Moderator am Sonntagabend aus der ARD verabschiedet. Als letzten Gast hatte Günther Jauch sich Wolfgang Schäuble eingeladen, eine Wahl, mit der man nicht viel falsch, aber auch nicht unbedingt viel richtig machen konnte. Es war ein überraschungsarmes Bilanzgespräch zweier Rückblickender, mit ein bisschen aktueller Politik und vielen privaten und halbprivaten Anekdötchen. Immer wenn es thematisch brenzlig wurde, wich der abgebrühte Rhetorikprofi Schäuble erwartungsgemäß gekonnt aus.

Am Ende bat Jauch um Vertrauen für seine Vorgängerinnachfolgerin Anne Will, denn sie habe es "wirklich verdient". "Tagesthemen"-Moderatorin Pinar Atalay und Schäuble wünschten Jauch noch artig alles Gute für die Zukunft, dann kam der Abspann. Skurriles Detail des Jauch'schen Schlussakkords: Bevor die "Tagesthemen" losgingen, durfte der ehemalige "Closer"-Chefredakteur Tom Junkersdorf noch eine Gegendarstellung vorlesen lassen, in der er betonte, seine Teilnahme an einer Jauch-Sendung über die Regenbogen-Presse im Frühjahr 2014 keinesfalls abgesagt zu haben. Kritiken zur Sendung gestern liefern übrigens unter anderem "FAZ.net" und "Zeit Online".

[+++] Während also die Talk-Serie von Günther Jauch ihre finale Staffel hinter sich hat, geht die Diskussion über die moderne Fiction-Serie und deren vermeintliches Nichtvorhandensein in deutschen Landen weiter. Nun ist es allerdings nicht so, dass es im deutschen Fernsehen noch keine guten Serien gegeben hätte. Es gab Serien - und nicht zu knapp -, die Fernsehgeschichte schrieben. Wir erinnern nur an "Kir Royal", "Heimat", "KDD", "Klimawechsel" und "Im Angesicht des Verbrechens". Es ist auch nicht so, dass im deutschen Fernsehen nicht schon horizontal erzählt worden wäre, bevor die von Feuilletonisten und Kinokritikern hochgejubelten amerikanischen Serien damit begannen.

Rechtzeitig zum Start von "Deutschland 83", dem für diesen Herbst von den Kritikern sehnsüchtig erwarteten deutschen Serien-Event bei RTL, erinnert Dietrich Leder in der Medienkorrespondenz in einem sehr langen Essay (der inzwischen auch frei online steht) an große deutsche Serien wie "Die Unverbesserlichen", "Ein Herz und eine Seele" und - stellvertretend für die von sozialer Genauigkeit gekennzeichnete Serienwelt des Helmut Dietl - "Monaco Franze". Leder stellt fest, dass es mit dem Marktzutritt der Privaten in den 80er und 90er Jahren nicht etwa zu einer größeren Formatvielfalt im deutschen Fernsehen kam, sondern zu einer Rückentwicklung.

Ein Grund dafür liege in der "bizarr zu nennenden Quotenfixierung", die die öffentlich-rechtlichen Sender von den privaten übernahmen - und die unserer Beobachtung nach von einem Teil der deutschen Medienmedien fraglos verdoppelt wird, wenn sie von einem "ernüchternden Start" für "Deutschland 83" schreiben, da die erste Folge "gerade einmal 3,19 Millionen Zuschauer" erreicht habe.

Für den Bruch mit der Serientradition bei der ARD würde es sich lohnen, speziell noch einmal die Rolle des ehemaligen Programmdirektors Günter Struve zu beleuchten, der von 1992 bis 2008 für das Programm des Ersten verantwortlich zeichnete: Er führte die Telenovelas am Nachmittag ein und rechnete Medienjournalisten, die zum Misserfolg deutscher Serien recherchierten, gerne vor, dass eine Produktion wie "In aller Freundschaft" beim Publikum erfolgreicher sei als "Dr. House". Die Kürzungen bei der dritten Staffel von Edgar Reitz' "Heimat"-Epos verteidigte Struve 2004 mit den Worten: "Fernsehen ist Massenmedium, dieses Reitz-Kino für wenige tausend Cineasten."

Aus Struves Worten spricht eine Zuschauerverachtung, die nicht wenig zur derzeit konstatierten Beziehungskrise zwischen Medien und Publikum beigetragen haben dürfte. In epd medien (noch nicht online) empfiehlt Fritz Wolf speziell den öffentlich-rechtlichen Sendern, ihr Publikum ernster zu nehmen und beispielsweise Ombudsleute zu etablieren, die sich mit den Beschwerden der Zuschauer und Hörer befassen und zwischen diesen, den Redaktionen und den Aufsichtsgremien vermitteln. Denn, so schreibt Wolf: "Dieses Publikum und seine Kritik gehen nicht wieder weg."

[+++] Mit einer Beziehungskrise befasst sich auch Sascha Lehnartz in der "Welt am Sonntag". Er schreibt über die zornigen alten weißen Journalisten, die Bundeskanzlerin Angela Merkel vorwerfen, sie handle in der Flüchtlingsfrage irrational. Dabei kritisiert er auch den eigenen Herausgeber Stefan Aust:

"Fraglich aber auch, ob die überwiegend männliche, überwiegend heterosexuelle und überwiegend 50 plus x Jahre alte Riege deutscher Kommentatoren einen männlichen Kanzler ähnlich beißfreudig angegangen wäre, wie sie dies seit Wochen mit Angela Merkel tut. In einem rhetorischen Überbietungswettbewerb stellen sie die Kanzlerin als Frau dar, der die Kontrolle über ihr Handeln entglitten ist. Sie verletze ihren Amtseid und schade Deutschland. Im Grunde bewegt sie sich in den Augen dieser Männer nur noch knapp unterhalb der Landesverratsschwelle."


Altpapierkorb

+++ Wo bleibt das Positive? In der FAS plädiert Jonathan Widder, Chefredakteur des Online-Magazins Good Impact, dafür, dass Journalisten nicht nur über Probleme berichten, sondern auch nach Lösungen suchen sollten (nicht online). So könnten Medien die negative Weltsicht vieler Bürger verbessern. +++

+++ Ebenfalls in der FAS schreibt Harald Staun über die Aktion, mit der Medien und Menschen in sozialen Netzwerken in Brüssel die Nachrichtensperre der belgischen Behörden unterstützten und warnt vor der Gefahr, "dass sich die Behörden darauf verlassen können, dass die Medien (wie die Internetnutzer) von ganz alleine gehorchen. (...) Sieht aus, als wäre die Frage gar nicht: was können wir wissen? Sondern: was wollen wir wissen?" +++

+++ Am Wochenende wurde mal wieder ein Fernsehpreis verliehen, nämlich die Auszeichnungen der Deutschen Akademie für Fernsehen. Obwohl man sich die Preisverleihung in einem Livestream anschauen konnte, wurde der Preis quasi unter Ausschluss der Öffentlichkeit vergeben. +++

+++ Wer das Thema Naidoo für endgültig durchgekaut hielt, wird in der "Welt" eines Besseren belehrt: Das Blatt hat sich mit Axel Beyer unterhalten, früher ZDF-Showchef und Unterhaltungschef beim WDR (dort hat er unter anderem die Schulhof-Klamaukreihe "Schmidt & Pocher" verbrochen). Beyer ledert nun gegen den NDR: "Die Frage, ob Xavier Naidoo der Richtige für den ESC ist, hätte man vorher intern stellen müssen. Doch der NDR hat das nicht abgestimmt. In einer Arbeitsgemeinschaft etwas unabgestimmt zu tun, ist aber nie eine kluge Entscheidung. Der NDR-Unterhaltungschef, Thomas Schreiber, hat viele Dinge bewegt, die gut waren. Wie die Zusammenarbeit mit Stefan Raab. Doch das war damals eben auch abgestimmt." Beyer lehrt heute übrigens Medienmanagement an der Hochschule Fresenius in Köln. +++

Fürs zehnte (und letzte) Geschenkpapier am Dienstag vollzieht das Altpapier den iconic turn und erscheint als Video von Tilo Jung (& Naiv).