Wer beliebt sein will, sollte nicht Journalist werden

Was nicht fehlt: Leute, die Thesen zum Zustand des Journalismus absetzten. Was fehlt: Leute, die guten Journalismus machen. Außerdem geht es darum, was Mitglieder der "Lügenpresse" von Feministinnen lernen können. Hier lesen sie die siebte Ausgabe des Geschenkpapiers.

In letzter Zeit ist es populär geworden, Thesen über den Zustand des Journalismus in Deutschland zu Protokoll zu geben. Es bleibt dann meistens beim Protokoll, einem Dokument, dem es an der Emotion und dem Fleisch der Debatte mangelt, die es versucht, abzubilden.

Autor

Juliane Leopold ist Gründungs-Chefredakteurin von Buzzfeed Deutschland, Bloggerin bei kleinerdrei.org und war früher Social-Media-Redakteurin bei Zeit und Zeit Online.

Meine erste und einzige These zum Zustand des Journalismus in Deutschland ist: Wir brauchen keine Thesen, sondern Menschen, die Journalismus betreiben. Menschen, die sich nicht in endlosen Diskussionen darüber ergehen, ob ihr Publikum sie als Lügenpresse bezeichnen darf oder nicht; Menschen die ihre Arbeit machen und das möglichst gut und nach den Regeln des Handwerks. Mich persönlich trifft es mehr, das Wort "Blutbad" oder "offenbar" in einer Nachricht zu lesen, als Lügenpresse genannt zu werden.

Überhaupt, die Diskussion um die Lügenpresse.

Journalismus war nie ein Beruf, der für Applaus außerhalb der eigenen Szene stand oder für Massen an Geld und Anerkennung. Die Idee, dass Journalisten einer gesellschaftlich noblen Tätigkeit nachgehen, kam in den USA mit dem Watergate-Skandal auf. Nach Woodward und Bernsteins Enthüllungen musste Richard Nixon zurücktreten. Das war 1974. Circa 40 Jahre später führten die Enthüllungen um Prism, die der ehemalige NSA-Mitarbeiter Edward Snowden mit Hilfe der Journalisten Glenn Greenwald und Laura Poitras in unsere Redaktionen und Wohnzimmer trug, mitnichten zu einem plötzlichen Image-Boom für Journalistinnen und Journalisten. Sie landen in deutschen Bevölkerungsumfragen zu Berufsgruppen seit Jahren verlässlich am unteren Ende der Beliebtheitsskala. Daran änderten weder Greenwald, Poitras, noch Günther Wallraff oder Stefan Aust etwas.

Es ist eigentlich ganz einfach: Wer beliebt sein will, sollte nicht Journalist werden. Das steht der Eitelkeit entgegen, der es nach einem eigenen Namen unter einem Text, Film oder Radiobeitrag gelüstet. Genau dieser Zielkonflikt könnte der Grund dafür sein, dass wir seit mehr als einem Jahr wie beleidigte Leberwürste in der Ecke sitzen, wenn wir angefeindet, angespuckt und bedroht werden, weil wir unsere Arbeit machen. Es ist vielleicht ein schwacher Trost: Genau diese zugegebenermaßen unschönen Folgen unserer Arbeit stehen aber dafür, dass wir sie gut machen. Unser Job ist es weder, beliebt sein zu wollen, noch alle besorgten Bürger gleichermaßen wichtig zu nehmen und zu repräsentieren. Unser Job ist es, Nachrichten zu gewichten, einzuordnen, Perspektiven aufzuzeigen und denen eine Stimme zu geben, die nicht vernommen werden. Es ist auch unser Job, Menschen zu erklären, dass Häufigkeit nicht mit Normalität gleichzusetzen ist. Deutsche, die sich gegen Kriegsflüchtlinge wehren, Journalisten angreifen und glauben, dass jeder, der an einen anderen Gott als den eignen glaubt, eine Bedrohung für sie ist, mögen in bestimmten Regionen viele sein. Normal sind sie deshalb nicht.

Hassreden gegenüber Journalistinnen und Journalisten gibt es nicht erst seit der Ukraine-Krise. Kolleginnen und Kollegen, die über Rechtsextremismus berichten, leben seit Jahren mit Hassbotschaften und Anfeindungen. Sie leben mit eingeschlagenen Fensterscheiben, zerstochenen Reifen und mit der Bedrohung ihres Lebens und dem ihrer Familien. Wir haben uns nicht aufgeregt, als es sie traf, weil es weit weg war. Jetzt, wo der Hass in die eigene Facebook-Wall suppt, werden wir nervös und rufen nach Respekt. Dabei wäre ein bisschen Online-Kompetenz schon ausreichend, den Hass zumindest einzuordnen, wenn wir ihn schon nicht wegwischen können.

Zu finden wäre diese Kompetenz bei Menschen, die seit Jahren Hass am eigenen Leib erleben, und darüber schreiben wie sprechen. Ich rede von Frauen, die sich für Gleichberechtigung einsetzen. Auch wenn unter Journalistinnen und Journalisten eine Debatte über die unterschiedlichen Ziele von Journalismus und Aktivismus läuft, so könnten die Berichterstatter doch aus dem Erfahrungsschatz dieser Gruppe schöpfen. Mal abgesehen von der Tatsache, dass manch ein Journalist die Welt auch lieber verändern würde, als sie lediglich zu beschreiben. Tatsächlich gibt es geschlechtsspezifischen Hass auf Frauen im Netz, seitdem es Frauen im Netz gibt und sie sich auch als solche zu erkennen geben. Laut einer PEW-Studie hat jede vierte junge Frau online schon einmal sexuelle Belästigung erlebt, fast genauso viele berichten von Stalking. Die UN schätzt, dass 95 Prozent aller Online-Belästigungen und Hassattacken sich gegen Frauen richten.

Wenn es um Hass im Netz geht, liegt ein Grund dafür in der Kommunikationsumgebung selbst: Wenn wir online diskutieren, sehen wir nicht, welche Folgen wir auslösen und können keine Empathie mit unserem Gegenüber empfinden. Das macht Hassen einfacher. Außerdem ist das World Wide Web in seine Wurzeln geprägt von weißen, technologieaffinen Männern, die diesen Ort als ihre eigene Sphäre betrachteten.  Das Eindringen neuer Gruppen lehnen sie ab. Diese Theorie entwickelten Kate Miltner von der Universität Südkalifornien und Tim Jordan, Professor an der Universität Essex in einem Gespräch mit anderen Wissenschaftlern.

Quelle: NBC

Wir Lügenpresse-Vertreter könnten also einfach mal gucken, was diejenigen, die den Dreck seit Jahren erleben, zu dem Thema zu sagen haben. Welche Strategien sie entwickelt haben, welche Konsequenzen sie ziehen. Ein paar wertvolle Hinweise gibt Online-Unternehmerin und Strategin Deanna Zandt (die ich zum Glück zu meinen Freundinnen zählen darf): Wer unter ständigen Beleidigungen, Angriffen und Verfolgung leidet, sollte sich Unterstützung durch Freunde suchen; klare Antwortstrategien entwickeln und auch nicht vorm Blocken zurückschrecken.

Es gibt Menschen, die halten Meinungsfreiheit für das Recht, immer und überall angehört zu werden, und meinen für ihre Verlautbarungen auch noch den Anspruch auf Aufmerksamkeit oder gar Applaus haben zu dürfen. Doch das, was für Journalistinnen und Journalisten gilt auch für ihr Publikum: Es gibt kein Recht auf Zuhörerinnen und Zuhörer. Die muss sich jeder erst verdienen. Wer mag, versuche es mit Hass.

Ich wünsche mir nicht nur zu Weihnachten, dass wir uns weniger mit Thesen über unsere Zukunft, über uns selbst und über Lügenpresse-Vorwürfe beschäftigen. Wir machen stattdessen lieber unsere Arbeit. Die Zeiten rufen danach.

Die nächste Geschenkpapier-Folge erscheint am Montag und kommt von den epd-Medien-Kollegen Dietmut Roether und Michael Ridder.