Worte finden: Kirche bittet Heimkinder um Verzeihung

Worte finden: Kirche bittet Heimkinder um Verzeihung
Eingesperrt, harte Arbeit, Misshandlungen und sexueller Missbrauch - die Kirchen sind gegenüber Kindern der 50er bis 70er Jahre schuldig geworden. An diesem Sonntag soll von Vertretern der Evangelischen Kirche eine Bitte um Entschuldigung ausgesprochen werden.
09.09.2011
Von Bettina Markmeyer

Sonja Djurovic steht unter Druck. Als ehemaliges Heimkind wird sie an diesem Sonntag in der Berliner Französischen Friedrichstadtkirche das Wort ergreifen. Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) und das Diakonische Werk wollen öffentlich um Verzeihung bitten für das Unrecht, das Kindern und Jugendlichen in den 1950er bis 70er Jahren in evangelischen Säuglings-, Kinder- und Erziehungsheimen angetan worden ist. Der EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider will eine gemeinsame Erklärung verlesen.

Sonja Djurovic. Foto: epd-bild/Norbert Neetz

Sonja Djurovic, die als Jugendliche in den 1960er Jahren in einem von Diakonissen geleiteten Mädchenheim in Franken eingesperrt war und in den beiden vergangenen Jahren als Heimkinder-Vertreterin am Runden Tisch Heimerziehung gesessen hat, soll darauf eine Antwort geben. Sie könne nicht stellvertretend für alle ehemaligen Heimkinder sprechen, sagt sie. Das wolle sie auch nicht. Aber sie hofft, die richtigen Worte zu finden, aussprechen zu können, was viele denken.

Jeder dritte Anrufer berichtete von sexueller Gewalt

Eingeladen sind neben den früheren Heimkindern, Bundestagsabgeordneten und Vertretern aus den evangelischen Landeskirchen auch Vertreter aus diakonischen Einrichtungen, in denen es zu Misshandlungen gekommen war. Etliche haben sich an die Aufarbeitung ihrer Geschichte gemacht, darunter die Karlshöhe in Ludwigsburg und die bei Bremen gelegene Diakonie Freistatt, in der Jugendliche noch in den 1960er Jahren im Moor schuften mussten.

Jüngeren Forschungen zufolge lebten zwischen 1949 und Mitte der 70er Jahre rund 800.000 Kinder und Jugendlichen in Heimen, rund 500.000 davon in kirchlichen Einrichtungen, von denen wiederum mehr als die Hälfe in katholischer Hand waren. Viele der Kinder wurden misshandelt und zu harter Arbeit gezwungen, ihre genaue Zahl ist unbekannt. Jeder Dritte der Anrufer, die sich bei der Hotline des Runden Tisches Heimerziehung gemeldet haben, berichtet zudem von sexueller Gewalt.

Der Bundestag beschloss Anfang dieses Jahres finanzielle Hilfen für die Opfer und folgte damit einer Empfehlung des Runden Tisches Heimerziehung unter Leitung der Grünen-Politikerin Antje Vollmer. Das Geld soll ab 2012 fließen. 100 Millionen Euro sind für direkte Hilfen vorgesehen, 20 Millionen Euro für Rentennachzahlungen.

Was sie selbst empfinde? "Dazu habe ich noch gar keine Ruhe gehabt"

Nachdem Vollmer im Januar dem Bundestag den Abschlussbericht des Gremiums übergeben hatte, gab der Präsident des EKD-Kirchenamts in Hannover, Hans Ulrich Anke, bekannt, dass die EKD noch in diesem Jahr eine öffentliche Entschuldigung plane. "Wir hoffen, dass wir die Wünsche der Heimkinder erfüllen", sagt die Sprecherin des Diakonischen Werks, Ute Burbach-Tasso. Nach der einstündigen Veranstaltung in der prominenten Kirche in Berlins Mitte wollen sich Präses Schneider und Diakonie-Präsident Johannes Stockmeier Zeit nehmen für Gespräche und persönliche Begegnungen.

"Es gibt ehemalige Heimkinder, für die es ganz wichtig ist, dass sich die Kirche entschuldigt", sagt Djurovic. Für viele stehe aber die Frage nach Entschädigungen im Vordergrund. Auch am Sonntag wollen frühere Heimkinder vor der Friedrichstadtkirche dafür demonstrieren. So jedenfalls haben sie es im Internet angekündigt. Sie verlangen Entschädigungen, wie Staat und katholische Kirche sie in Irland und Österreich gezahlt haben, pro Person mehrere zehntausend Euro.

Man müsse beide Haltungen akzeptieren, sagt Sonja Djurovic. Ob sie selbst die Bitte um Verzeihung annehmen könne? Sie, die von sich sagt, die Jahre bei den Diakonissen hätten sie fürs ganze Leben gezeichnet? Dass so viele Lebenschancen zerstört worden seien, dafür liege die Schuld eindeutig bei der Kirche und ihrer rigiden Heimerziehung, antwortet sie. "Andererseits sind diejenigen, die dort heute das Sagen haben, nicht die Täter von damals." Was sie selbst empfinde - sich darüber klarzuwerden, meint Sonja Djurovic nach einer kleinen Pause, "dazu habe ich noch gar keine Ruhe gehabt." 

epd