Begegnungen und Bündnisse: "24h Berlin" als Event

Begegnungen und Bündnisse: "24h Berlin" als Event
Der Fernsehmacher Volker Heise ist für die Dokumentation "24h Berlin" mit dem Geisendörfer-Preis der Evangelischen Kirche ausgezeichnet worden. In seinem Text analysiert Fritz Wolf die Dokumenation, die er als Fernseh- und Stadt-Event betrachtet.

Als Berlins Bürgermeister Klaus Wowereit an diesem 5. September 2009 die Pressekonferenz verließ, ging er an sich selbst vorbei. Er war da grade im Bild zu sehen, im Film "24h Berlin", und absolvierte, was er grade real auch absolvierte, nämlich einen Termin. Merkwürdige Spiegelungen. Auch der Verkäufer für Herrenbekleidung, der im Kaufhaus des Westens arbeitet, hätte sich so im medialen Spiegel betrachten können. Auf einem der Bildschirme in der Medienabteilung des Kaufhauses lief der Film gleichfalls im Programm des RBB, man konnte ihn da sehen, wie er grade zur Arbeit ging - ein Jahr zuvor. Es hat in diesem Fall nur niemand bemerkt. Kein Kunde im Kaufhaus interessierte sich für das Event auf dem Bildschirm.

Das hatte vor einem Jahr noch anders geklungen. Da wollten die Macher das berühmte Berliner Kaufhaus in einen einzigen großen Fernsehspiegel verwandeln, in dem die Berliner sich beim Berlinersein sollten zusehen können. Daraus wurde nichts. Karstadt ist inzwischen pleite und Vorstandschef Thomas Middelhoff, der das Projekt befürwortet haben soll, ist weg vom Fenster. Es ist eben auch ein dramatisches Jahr zwischen Dreh und Ausstrahlung vergangen.

Leuchtturmprojekt

"24h Berlin" war konzipiert nicht nur als Film, sondern als multimediales Ereignis, das nicht nur im Fernsehen, sondern auch im öffentlichen Raum wahrgenommen werden sollte. Ein Fernseh-Event und ein Stadt-Ereignis. Was davon wurde wahrgenommen in der Stadt, von wem und unter welchen Umständen? Die Intendantin des RBB, Dagmar Reim, sprach am Vorabend der Ausstrahlung davon, man habe Fernsehgeschichte geschrieben und widersprach nicht ausdrücklich, als ein Radiomoderator witzelte, bei so viel Fernsehgeschichte komme es dann eben auf die Quote nicht an. Als massenattraktives Programm gelten dokumentarische Sendungen eben nicht, seien sie noch so aufwendig produziert, propagiert und als Leuchtturmprojekt für Fernsehsender projektiert.

Am Tag danach war die Einschaltquote im RBB und auch bei ARTE weit überdurchschnittlich - das Publikum hatte angenommen. Nimmt man die Aufführung von "24h Berlin" als Stadt-Event, so war es offenbar nur ein mäßiger Erfolg. Glücklicherweise wurde der Film nicht, wie man befürchten konnte, zu einer Unterform von Stadtmarketing. Ohnehin verschluckt eine Großstadt noch ganz andere Events, ohne dass die meisten davon etwas bemerken, an diesem Tag etwa die Demonstration von 35.000 Atomkraftgegnern. Oder den weltgrößten Elektronikspielplatz, die Internationale Funkausstellung, die eigentlich in der gleichen Branche spielt, wo aber eine ganz andere Vorstellung von Realität in den Medien regiert. Wirklichkeit wird hier als etwas definiert, das man jetzt superscharf sehen und in jeder Lebenslage empfangen kann. Der Rest ist Content.

Einmaliges TV-Experiment

Am Tag der Dreharbeiten waren zusätzlich die Fotografen der Agentur Ostkreuz in Berlin unterwegs und hielten diesen Tag im Leben der Stadt auf Fotos fest. Das Buch "24 h Berlin. Ein Tag im Leben" mit ihren Fotos und Texten von Schriftstellern ist erschienen bei Steidl, Göttingen und kostet 24 Euro. "24h Berlin" ist aber nicht beliebiger Content. Auf den ersten Blick läuft der Film nach der Stundenuhr und macht es den Fernsehzuschauern, dieser wankelmütigen und schnell unkonzentrierten Kundschaft, leicht, auch zwischendurch mal aus- und wieder einzusteigen. Andererseits ist die Dramaturgie aber auch komplex, arbeitet mit Gegensätzen, stillen Querverbindungen, Parallelen. Ein beträchtlicher Teil des emotionalen wie des intellektuellen Vergnügens beim Zuschauen liegt auch in der Kombinatorik und darin, sich die Gedanken, die einem der Film nahe legt, auch machen zu dürfen. Das erzeugt den Sog, von dem fast alle sprechen, die längere Zeit konzentriert zugesehen haben.

"24h Berlin" ist also komplex und vielschichtig, ihm lassen sich mehrere Perspektiven abgewinnen. Für all das braucht man Ruhe und Gelassenheit, auch die Chance, sich überraschen zu lassen. Ganz offensichtlich eignet sich ein solcher Film nicht gleichermaßen wie ein Fußballspiel zum berühmten Public Viewing. Die Folgen waren erwartbar. An Aufführungsorten wie dem Sony-Center oder am Brandenburger Tor konnte man dann auch sehen, wie die Leute an den Bildschirmwänden und der Film an den Leuten vorbeiliefen. An Aufführungsorten wie einer Kreuzberger Gartenkneipe fühlten sich die wenigen Zugucker sogar gestört, Musikgedudel wäre ihnen lieber gewesen als Bildgedudel. Etwas konzentrierter ging es in der Kapelle der Gedächtniskirche zu, aber Touristen, die mal einen Blick hineinwerfen, bringen ebenso wenig Geduld mit wie Leute, die zum Shoppen unterwegs sind.

Größere Aufmerksamkeit gab es im Schwarzen Café an der Kantstraße, wo sich das RBB Jugendradio Fritz mit einem Reporter eingenistet hatte. Jakob Lundt blieb dort tapfer 24 Stunden lang auf Posten, gab einmal pro Stunde einige Minuten lang live durch, wie das Leben in der Kneipe und wie das Leben auf dem Bildschirm so lief. Er verlängerte die Themen des Films sozusagen in ein anderes Medium und wollte zum Hingucken animieren. Dass "24h Berlin" da vom kleinen Flachbildschirm aus der Ecke auf die Gäste tropfte, die mal hin-, dann wieder wegschauten, schien völlig alltäglich und selbstverständlich. Als könnte das jeden Tag so sein. Freilich musste auch Jakob Lundt sich damit abfinden, dass man bei steigendem Geräuschpegel nicht mehr Filmgucken und bei stillem Filmgucken in der Kneipe nicht mehr kommunizieren konnte. Auf jeden Fall, sagte der umtriebige Reporter, wolle er sich das später mal alles in Ruhe auf DVD anschauen.

Sehinseln

Eine Erkenntnis, die nicht nur für diesen Film, sondern generell für Dokumentarfilme anwendbar wäre: sie brauchen nicht Ereignisse, sie brauchen Begegnungen. Man sollte sie nicht einer Laufkundschaft herzeigen, sondern unter Bedingungen präsentieren, die beiden, dem Film und dem potenziellen Zuschauer, nützen. Auf dem Gelände des Technikmuseums hatten die Filmproduktionsfirma zero one und die Eventagentur Triad neben einer Großprojektion auch einige kleinere Sichtungsinseln eingerichtet, fast wie offene Wohnzimmer. Es zeigte sich, dass das durchaus eine Alternative sein kann zum isolierten und beiläufigen, zum privatisierten Fernsehkonsum. Die Geschichten von "24h Berlin" konnten auf diese Weise auch unmittelbar Gesprächsstoff werden - und Fernsehen wurde so zum sozialen und kulturellen Ereignis. Der interessantere Aspekt als das TV-Ereignis an sich ist seine Nachhaltigkeit. Ein Event ist schnell vorbei, das ist sein Nachteil. Wer den Tag der Ausstrahlung verpasst hat, kann noch sieben Tage lang im Internet in der ARTE-Mediathek nachsehen - hier zeigt sich übrigens besonders deutlich die Idiotie dieser Sieben-Tage-Regelung; eine Konkurrenzsituation existiert gar nicht, kein kommerzieller Sender hätte je ein solches Projekt stemmen können und wollen. Der RBB sendet die 24 Stunden noch einmal in sechs Vierstundentranchen, dann hat es sich erst mal.

Was geht verloren?

Das wirkliche Potenzial des Films liegt aber nicht in seinem Ereignischarakter, sondern in einer immanenten Dauerhaftigkeit. Weil er diesen Moment vom Leben an einem konkreten Tag in einer konkreten Stadt festhält, kann er auch die Grundlage bilden für ein ständiges Vermessen: was ist geworden, was geht verloren, was kann gewonnen werden? Deshalb spielte von Anfang an das Argument eine große Rolle, der finanzielle, organisatorische und künstlerische Aufwand habe sich schon allein deshalb gelohnt, weil spätere Generationen nachsehen könnten, wie die Vorfahren lebten. Die Deutsche Kinemathek wird jetzt, auch das ist Teil des Projekts, das gesamte Drehmaterial archivieren und erschließen.

Der Berliner Stadtsoziologe und Metropolenforscher Hartmut Häußermann gab übrigens dem Filmautor Volker Heise eine interessante Antwort auf die Frage, was in fünfzig Jahren (oder weniger) die Menschen nur noch aus dem Film erfahren würden, weil es real nicht mehr existieren werde. Erstens, sagte der Wissenschaftler, werde die Hochkultur sehr an Bedeutung verloren haben - im Film spielt sie mit dem Protagonisten Daniel Barenboim eine wichtige Rolle. Zweitens würden die Menschen sich abends und nachts nicht mehr sicher auf den Straßen bewegen können - an dieser Stelle, sagte Wowereit (den es dann aber auch nicht mehr geben wird) in der Diskussion, müsse Politik handeln, damit sich die Kluft zwischen Arm und Reich nicht noch vergrößere.

Und drittens werde die männliche Macht in der Gesellschaft gebrochen sein - in "24h Berlin" kann man diese Macht an der Konferenz der Ressortchefs der "Bild"-Redaktion noch einmal ausgiebig studieren. "24h Berlin" ist auch als multimediales Projekt konzipiert worden. Eine sehr vitale Website hat Fernseh- und Stadtevent begleitet, über sie wurden auch die Videos von Amateuren akquiriert, die in den Film eingebaut sind. Über solche Websites können Besucher erreicht werden, die man in Zuschauer verwandeln kann. Wie man mit Communities auch Filme und Programme stützen kann, machen vor allem kommerzielle Sender schon lange vor. Es müsste auch für Projekte wie dieses gelten, dass man sie nicht alleinlassen und bloß mal ausstrahlen darf, schon gar nicht bei medialer Überkapazität. Soll heißen: Dokumentarfilme brauchen Begleitung.

Public Viewing am Brandenburger Tor

Eine über die Begleitung hinausgehende Form der Einbindung ins Internet demonstrierte das Projekt "Twinity", in dem ein virtuelles Abbild von Berlin erstellt wird, immer vollständiger, immer detaillierter. In diese virtuelle Welt passte natürlich auch "24h Berlin". Twinity erlaubte es, dass Interessierte von überall her in der Welt über diesen Link nicht nur den Film sehen konnten, sondern sich auch als Avatare in das eine oder andere Event in der Stadt einklinken konnten. Zum Beispiel in das Public Viewing vor dem Brandenburger Tor, das dann vermutlich auf dem Bildschirm konzentrierter zu verfolgen war als auf dem realen Platz.

Der Gegensatz freilich zwischen der Computerwelt und der differenzierten Bildwelt des Films könnte kaum größer ausfallen. Via Internet live dabei sein konnte man auch bei einer Reihe von Lesungen im Kulturzentrum "C/O Berlin", wo Schriftsteller eigene Texte über diesen besonderen Tag vortrugen. Zwei alte Medien reihten sich da ein ins multimediale Ensemble um "24h Berlin": das Foto und die Literatur.

Gleichfalls genau vor einem Jahr hatten sich neben den Schriftstellern 35 Fotografen der Agentur Ostkreuz in der Stadt umgesehen und ihr Bild der Stadt eingefangen. Herausgekommen ist eine Buchpublikation mit einem schwächeren literarischen Teil (es taugt eben nicht jedes Medium für jede Formatidee) und einem sehr schönen Fotoband. Der ergänzt den Film auf das Wunderbarste. Denn wo Volker Heise vor allem auf Geschichten setzt, den Tag und die Stadt in kleine und kleinste Geschichten auflöst, worin man das Leben sieht, aber die Stadt meist nur im Flugbild, holen die Fotografen von Ostkreuz die Menschen in die Stadt zurück, stellen sie hinein in die Topographie - und auch diese Bilder wird man schon in einigen Jahren mit Verwunderung sehen. Hier bleiben auch die individuellen Handschriften der Fotografen, ihr subjektiver Blick deutlich erkennbar. Der Film dagegen ebnet die individuellen Handschriften seiner 80 Autoren unter dem Diktat der Dramaturgie ein, muss das wohl auch tun. Solche multimedialen Verknüpfungen jedenfalls stellen diesen Film (und davon wäre auch für andere Projekte zu lernen) auch noch in einen weiterreichenden kulturellen Zusammenhang, kombinieren ihn mit anderen Darstellungsweisen und können ihn so auch ergänzen und stärken. Dokumentarfilme, so könnte die dritte Schlussfolgerung lauten, brauchen nicht nur Begegnungen und Begleitung, sie brauchen auch kulturelle Bündnisse.

Das reale Leben

Die Krimiautorin und Journalistin Pieke Biermann trug auf der Lesung im "C/O Berlin" einen Text vor, in dem sie von einer Fahrt mit zwei Weddinger Polizisten in eben dieser Nacht vor einem Jahr erzählt. Ein klassisches Reportagethema, literarisch umgesetzt. Interessantester Aspekt dabei: zur Lesung brachte sie die beiden Polizisten mit, sozusagen als Authentizitätsnachweis. Die standen dann, in etwas unfreiwilliger Komik, wie die persönlichen Personenschützer hinter der vortragenden Autorin, beantworteten danach ein paar Fragen am Mikrofon und forderten die Radfahrer unter den Zuhörern auf, nachts doch mit Licht zu fahren.

Auch der Schriftsteller Kolja Mensing hätte zur Lesung gern die Protagonistin seiner Geschichte mitgebracht. Die konnte nur nicht kommen, weil sie keine Vertretung für ihren Laden gefunden hatte - aber so beglaubigte sie sogar noch in Abwesenheit das Authentische der Erzählung. Solche Mini-Events erlauben es, den Blick noch einmal auf das Filmprojekt zurückzulenken und auf seinen Anspruch, umfassend vom realen Leben in der Stadt zu erzählen. Man kann dann sehen, dass das geglückte Projekt "24h Berlin" viel mehr ist als ein Spiegel, in dem das Fernsehen reales Leben abkupfert. Man kann es verstehen als einen mit großer Kunstfertigkeit umgesetzten Versuch, dem allgemeinen Verschwinden des Realen aus den Medien noch einmal etwas Handfestes und Glaubhaftes entgegenzusetzen, ehe die Avatare von Twinity unser Bild- und Weltwissen besetzen.


Der Artikel von Fritz Wolf stammt auch der Fachpublikation epd medien 71/09. Das Heft enthält weitere Texte zu "24h Berlin" und kann hier bestellt werden.