"Ärzte ohne Grenzen" in Gaza: Immer neue Verletzte trotz Waffenruhe

"Ärzte ohne Grenzen" in Gaza: Immer neue Verletzte trotz Waffenruhe
In Gaza-Stadt behandelt Saja Abu Safeia Patienten, die inmitten anhaltender Gewalt schwer verletzt werden. Ein großes Problem ist laut der leitenden Krankenpflegerin der Mangel an Betäubungsmitteln.
31.10.2026
epd
epd-Gespräch: Melina Crispin

Frankfurt a.M., Gaza-Stadt (epd). Die Gesundheitsversorgung des Gaza-Streifens ist laut „Ärzte ohne Grenzen“ weiterhin katastrophal. In den Kliniken der Organisation würden jeden Tag schwerste Verbrennungen und Wunden behandelt, sagte Saja Abu Safeia, leitende Krankenpflegerin in der Gaza City-Klinik dem Evangelischen Pressedienst (epd). Es fehle jedoch an grundlegendem Material zur Wundversorgung sowie Strom. „Wir können längst nicht alle Patienten behandeln“, sagte sie. „Eine übliche Wundversorgung schaffen wir nicht. Wir können uns nur um die schweren Fälle kümmern.“

Täglich könnten so etwa 150 Patientinnen und Patienten versorgt werden. „Wir geben unser Bestes, aber uns fehlen Spezialisten und Personal“, sagte Abu Safeia. Seit Januar 2026 lässt Israel keine internationalen Helfer von „Ärzte ohne Grenzen“ mehr nach Gaza. Wegen der schlechten hygienischen Bedingungen würden sich Wunden immer wieder infizieren, die Ausbreitung von ansteckenden Haut- und Atemwegserkrankungen sei kaum zu stoppen, erklärte Abu Safeia. Durch die massenhafte Vertreibung lebten die Menschen in notdürftigen Zelten, überall häufe sich Müll.

Weiter kaum Narkosemittel verfügbar

Zudem fehle es weiterhin an Narkose- und Betäubungsmitteln. Die Gaza City-Klinik sei die einzige Einrichtung, die im Norden des Gaza-Streifens Sedierungen anbieten könne. Insbesondere bei der Behandlung von Kindern sei dies aber praktisch unverzichtbar, weil die Schmerzen für die Mädchen und Jungen ohne Betäubung unerträglich seien.

„Die sogenannte Waffenruhe hat nichts verändert“, sagte Abu Safeia mit Blick auf Versorgungsnöte angesichts anhaltender tödliche Gewalt durch israelische Streitkräfte. Erst in den vergangenen Tagen habe sie ein Kind behandelt, das in der Nähe der sogenannten „gelben Linie“ angeschossen wurde. Oft kämen Kinder auch mit tiefen Brandwunden oder abgetrennten Fingern, weil sie beim Spielen auf Sprengkörper stießen.

Psychische Langzeitfolgen

Zudem seien die psychischen Folgen des Krieges unermesslich. Und Eltern hätten keine Möglichkeit, um ihre getöteten Kinder zu trauern. Dazu gebe es keinen Raum und keine Zeit. „Sie können nicht anders, als ums Überleben zu kämpfen und sich um die Kinder zu kümmern, die noch leben“, sagte Abu Safeia. Die Langzeitfolgen seien nicht abzusehen.

Fatal für Gesundheit und Genesung sei zudem, dass die israelischen Behörden weiterhin Lebensmittellieferungen nach Gaza einschränkten. Das wenige Essen, das komme, sei nicht nahrhaft. „Patienten mit schwersten Verletzungen und Krankheiten brauchen nahrhafte Lebensmittel, um eine Chance auf Heilung zu haben“, erklärte Abu Safeia.