Als Tom Tykwer diesen Film gedreht hat, hatte er zuvor acht Lebensjahre in die mit allen wichtigen Fernsehpreisen ausgezeichnete ARD-Serie "Babylon Berlin" investiert. Was sich in dieser Zeit an weiteren Ideen angestaut hat, lässt sich nur erahnen.
So gesehen ist es kaum erstaunlich, dass seine erste Kinoproduktion seit der Komödie "Ein Hologramm für den König" (2016) über zweieinhalb Stunden lang geworden ist: "Das Licht" (2025) wirkt wie ein Debütroman, den ein Autor ständig um neue Einfälle ergänzt hat, sodass das Werk schließlich alle Dimensionen sprengt.
Die Handlung erweckt den Eindruck, als habe der mehrfach (unter anderem für "Lola rennt", 1998) mit dem Deutschen Filmpreis geehrte Regisseur nach all’ der Zeit, in der er sich mit der Vergangenheit beschäftigt hat, sämtliche drängenden Fragen der Gegenwart beantworten wollen.
Zunächst sorgt das Werk jedoch für Verwirrung, weil erst mal völlig unklar bleibt, worauf Tykwer (Buch und Regie) hinaus will. Erst nach und nach und vor allem im Rückblick mit dem Wissen um den dramatischen Schluss offenbart sich der Kern seiner Geschichte.
Tilmann P. Gangloff setzt sich seit 40 Jahren als freiberuflicher Medienkritiker unter anderem für "epd medien" mit dem Fernsehen auseinander. Gangloff (geb. 1959) ist Diplom-Journalist, Rheinländer, Vater von drei erwachsenen Kindern und lebt am Bodensee. Er war über 30 Jahre lang Mitglied der Jury für den Grimme-Preis, ist ständiges Mitglied der Jury Kindermedien beim Robert-Geisendörfer-Preis, dem Medienpreis der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), und 2023 mit dem Bert-Donnepp-Preis für Medienpublizistik ausgezeichnet worden.
Im Mittelpunkt steht eine "typisch deutsche dysfunktionale Familie", wie die Tochter ihre Mischpoke bezeichnet: Alle kreisen um sich selbst. Vater Tim Engels (Lars Eidinger) arbeitet für eine Werbeagentur und gefällt sich in der Attitüde des linken Intellektuellen, produziert im Grunde jedoch nur Plattitüden, zumal ihm das Schicksal der Welt ziemlich egal zu sein scheint.
Mutter Milena (Nicolette Krebitz) reibt sich für ein Kulturprojekt in Kenia auf und verzettelt sich in der ministeriellen Finanzierungsbürokratie. Die beiden 17jährigen Zwillinge leben ohnehin in jeweils eigenen Sphären: Jon (Julius Gause) fühlt sich in einem virtuellen Online-Spiel sichtlich wohler als im wahren Leben, Frieda (Elke Biesendorfer) flüchtet sich mit ihrer Clique in den gemeinsamen Drogenrausch. Familien wie die ihre, wirft sie den Eltern vor, seien der Grund, "warum die Welt am Abgrund steht."
Dass keine dieser vier Figuren rundum sympathisch ist, hätte ein Problem des Films werden können, aber da ist ja noch die Syrerin Farrah (Tala Al-Deen), laut Tykwer das "Geheimherz" der Geschichte. Konzeptionell orientiert sich sein Drehbuch am Muster des oft variierten Pasolini-Klassikers "Teorema" (1968): Ein Fremdling kommt in eine Gemeinschaft und sorgt für fundamentale Änderungen.
Nach dem Tod der polnischen "Perle" wird Farrah die neue Haushälterin bei den Engels’ und im Nu unverzichtbar. Es gibt jedoch einen bestimmten Grund, warum sich die aus ihrer Heimat geflohene Frau genau diese Familie ausgesucht hat.
Der Filmtitel bezieht sich auf eine besondere Lampe. Sie ist so etwas wie der Motor der Handlung und wird zum Auftakt des Films mit einem virtuosen Kameraflug eingeführt. Es handelt sich, wie Farrah später erläutert, um eine schnellfrequente LED-Leuchte, die mit ihrem Flackerlicht neuronale Impulse auslöst und so eine ganz bestimmte Hirndrüse stimuliert.
Dieses bewusstseinserweiternde Erlebnis kommt einer Nahtoderfahrung gleich. Erst im Nachhinein erschließt sich der tiefere Sinn einer Szene zu Beginn, als Farrah erzählt, die Seelen mancher Verstorbener könnten oder wollten nicht begreifen, dass ihr Dasein im Diesseits vorüber ist.
Theoretisch hätte Tykwer allerdings ganze Handlungsstränge und mit ihnen auch einige Figuren streichen können, zumal die Dramaturgie zumindest anfangs unstrukturiert anmutet. Gerade die Musical-Einlagen tragen nicht viel zur Wahrheitsfindung bei: Nacheinander überkommt die Familienmitglieder recht unvermittelt das Bedürfnis, in Gesang und Tanz auszubrechen.
Immerhin scheint in diesen Momenten endlich mal die Sonne; ansonsten trägt sich zumindest der Berliner Teil des Films ausnahmslos in strömendem Regen zu. Ein Verzicht auf die Nebenebenen hätte jedoch auch den Verlust diverser origineller Inszenierungsideen zur Folge gehabt.
Als Eröffnungsfilm der letztjährigen Berlinale ist "Das Licht", freundlich formuliert, reserviert aufgenommen worden, was weder an der famosen Kamera- und Lichtarbeit (Christian Almesberger) noch am guten Szenenbild lag.
Die darstellerischen Darbietungen sind dagegen nicht rundum gelungen. Ein lautstarker Disput zwischen Mutter und Tochter zum Beispiel artet in eine Kreischerei aus, die ziemlich befremdlich ist.
Die Spielweise von Debütantin Elke Biesendörfer ist ohnehin speziell, zumal ihr Akzent nicht zu einer Berliner Familie passt. Dabei ist Frieda neben Farrah die Schlüsselfigur des Films, weil sie als einzige aus dem familiären Quartett die unbequemen Wahrheiten ausspricht.




