TV-Tipp: "Benko – Size Does Matter"

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2. November, ARD, 20.15 Uhr
TV-Tipp: "Benko – Size Does Matter"
René Benkos Aufstieg und Fall: Thomas Stipsits verkörpert den schillernden Unternehmer in einem raffinierten Dokudrama, das mit einer ungewöhnlichen Doppelbesetzung hinter die Fassade eines Milliardenimperiums blickt.

Obwohl sie viele Menschen um sehr viel Geld gebracht haben, genießen Schwindler, Hochstapler und Betrüger oft eine seltsame Form von Sympathie. Das macht sie natürlich zu begehrten Filmhelden, gern von Schauspielern mit entsprechendem Charisma dargestellt. Auf den ersten Blick scheint Thomas Stipsits nicht recht in diese Reihe zu passen, zumal der Kabarettist aus der Steiermark zumindest in Deutschland alles andere als ein Star ist.

Die meisten werden ihn, wenn überhaupt, als Chefinspektor "Fredo" aus dem Wiener "Tatort" kennen, wo er von 2012 bis 2020 hinter Harald Krassnitzer und Adele Neuhauser allenfalls die dritte Geige spielte. Außerdem ähnelt er René Benko nicht mal flüchtig, aber auch das ist völlig egal, zumal hierzulande ohnehin nicht viele wissen werden, wie der Tiroler, gegen den seit Frühjahr 2024 wegen des Verdachts des schweren Betrugs, der Geldwäsche, der Abgabenhinterziehung sowie mehrerer Insolvenzdelikte ermittelt wird, tatsächlich aussieht. Ungleich entscheidender sind zwei andere Aspekte: Stipsits’ Darbietung ist ebenso fesselnd wie das Konzept, das diesem Film zugrunde liegt.

Viele frühere Arbeiten des dutzendfach ausgezeichneten Ehepaars Hannah (Buch) und Raymond Ley (Buch und Regie) waren Dokudramen, in denen Spielszenen mit authentischem Material verknüpft wurden. Auch "Benko – Size Does Matter" hat eine dokumentarische Ebene, doch Ley hat sie zumeist als Bildertapete im Hintergrund integriert.

Das verhindert geschickt, dass der Vordergrund zum Kammerspiel wird, denn eine zweite Idee ist noch origineller: Ley hat das Goethe-Zitat von den zwei Seelen in einer Brust wörtlich genommen und lässt Benko von zwei Schauspielern darstellen; ein brillanter Einfall, der dem Film einen Hauch von Shakespeare verleiht.

Die beiden Entwürfe könnten kaum unterschiedlicher sein: hier der ausgeprägte Dialekt von Stipsits, der den Menschenfänger mit jovialer Bodenständigkeit versieht, dort sein stets in Schwarz gekleideter Spiritus rector, von Heino Ferch als männliches Pendant zu Lady MacBeth interpretiert. Der Schattenmann verkörpert jenen Teil von Benkos Persönlichkeit, "der nie zur Ruhe kommt", und fungiert gleichzeitig als Conferencier des Films.

Benko, der Häuser und Grundstücke gekauft hat "wie andere Wurstsemmeln", war auch in Deutschland überaus umtriebig, und das nicht nur wegen der Übernahme erst von Karstadt, dann von Galeria-Kaufhof; seine Signa Holding hat darüber hinaus diverse Immobilien aus dem Luxussegment erworben.

Mit dem Projekt "Elbtower" (Hamburg) wurde er endgültig zur schillernden Figur. Trotzdem haben der scheinbar unaufhaltsame Aufstieg sowie der Absturz des einst als "Wunderknaben" gefeierten Unternehmers in Österreich für ungleich mehr Schlagzeilen gesorgt. Roter Faden des Films, der permanent die Ebenen wechselt, sind daher die Recherchen eines einheimischen TV-Duos (Harald Schrott, Renate Regel), das außerdem ein längeres Interview mit ihm führt.

Gerade die Gespräche mit Investoren, Experten und einer anonym bleibenden Informantin sorgen dafür, dass auch all’ jene dem Geschehen folgen können, die den Wirtschaftsteilen der Zeitungen nur wenig Aufmerksamkeit widmen. Das mehrfach allzu demonstrativ inszenierte wissende Lächeln der Journalistin ist allerdings ebenso überflüssig wie die ruckelige Kamera, die diesen Szenen wohl einen dokumentarischen Anstrich geben soll. Viel interessanter ist die Idee, die Ausschnitte aus Nachrichtensendungen so zu verfremden, als stammten die Bilder von abgenutzten Filmkopien oder alten Videokassetten.

Nur bedingt gut integriert wirkt hingegen eine eigene Erzählebene mit Hannah Ley als Betriebsrätin einer Dortmunder Kaufhausfiliale; der Handlungsstrang soll den Betroffenen allzu offensichtlich Gesicht und Stimme geben. Dass diese Gisela am Ende gemeinsam mit der zuständigen Staatsanwältin (Lisa Wagner) in den Wald bei Innsbruck fährt, um den vermeintlich lebensmüden Unternehmer vom Suizid abzuhalten, mutet zudem recht weit hergeholt an.

Den herausragenden Gesamteindruck können diese Details jedoch nicht schmälern, zumal der Film auch durch einige technische Kabinettstückchen erfreut. Abgesehen davon überstrahlt Stipsits’ Leistung ohnehin alles andere. Sein stets leutseliger Benko, der nur einmal die Contenance verliert, als einer Kellnerin ein Missgeschick unterläuft, ist dank seiner Hemdsärmeligkeit tatsächlich überaus einnehmend. Und noch ein Punkt garantiert ihm mildernde Umstände, zumindest aus Sicht des Publikums. Der Mann ist ein Getriebener, er kann nicht anders, als immer höher hinaus zu wollen: "Der Beste oder nichts."