Der aus dem Alten Testament bekannte Rechstgrundsatz "Auge um Auge, Zahn um Zahn" begründet nach neueren theologischen Forschungen kein grausames Vergeltungsrecht. Vielmehr sei die Formulierung als Richtschnur für Verhältnismäßigkeit im Rahmen von Ersatzleistungen zu verstehen, heißt es im Bericht von Wolfgang Kraus, dem Vorsitzenden der Theologischen Arbeitsgemeinschaft des Vereins "Begegnung von Christen und Juden in Bayern" (BCJ.Bayern).
Kraus bezog sich in seinem Bericht auf eine von Pfarrer Jan Raithel vorgelegte Untersuchung zum biblischen Schadensersatzrecht. Das Alte Testament werde oft fälschlicherweise mit einer brutalen Rechtspraxis identifiziert.
In einem Gutachten zu Raithels Studie heißt es, es sei belegt, "dass die Talionsformel in keiner Weise ein prinzipielles 'Vergeltungsdogma'" alt-israelitischen Denkens begründe. Die Thora-Autoren hätten nur das Prinzip der Angemessenheit metaphorisch benannt. Die Studie leiste einen wichtigen Beitrag zum jüdisch-christlichen Dialog, sagte Kraus.
Neues Testament jüdisch erklärt
Kraus berichtete zudem über Initiativen zur Erforschung des jüdischen Kontextes des Urchristentums. Nach dem Erscheinen der dritten Auflage des US-Standardwerks "Jewish Annotated New Testament" sei ein deutscher Ergänzungsband im Gespräch, erklärte der Theologe. Eine entsprechende Publikation mit neuen Essays und Materialien plane die Arbeitsgemeinschaft gemeinsam mit der Deutschen Bibelgesellschaft.
Für das Jahr 2027 bereitet die Arbeitsgemeinschaft nach Verbandsangaben weitere Fachtagungen vor. Geplant seien unter anderem eine Tagung für kirchliche Dekanatsbeauftragte über Land und Staat Israel sowie eine Fachsitzung zur Geschichte des christlich-jüdischen Dialogs in Bayern.
Der BCJ.Bayern Verein zur Förderung des christlich-jüdischen Gesprächs. Er arbeitet im Auftrag der bayerischen evangelischen Landeskirche.




