epd: Frau Pope, als Chefin der Internationalen Organisation für Migration behalten Sie den Überblick über Daten zu den weltweiten Migrationsbewegungen. Welche Veränderungen sind ihnen zuletzt besonders deutlich aufgefallen?
Amy Pope: Wir beobachten einen zunehmenden Einfluss des Klimawandels auf Migrationsbewegungen. Hunderte Millionen Menschen leben in Regionen, wo verstärkt Hitzewellen, Dürren und Bodendegradation drohen. Gleichzeitig beobachten wir weiterhin langwierige Vertreibungskrisen durch Konflikte, die nach wie vor ungelöst sind.
Welche Regionen bereitet Ihnen derzeit die größte Sorge?
Pope: Besonders besorgniserregend ist die Situation im Sudan wegen der schieren Zahl betroffener Menschen: Mehr als fünf Millionen Sudanesen sind zuletzt in ihre Heimat zurückgekehrt. Viele kehren jedoch in zerstörte Häuser zurück, ohne Strom und ohne sauberes Trinkwasser. Zugleich sind rund 8,6 Millionen Menschen nach wie vor vertrieben. Auch die Ukraine und die Demokratische Republik Kongo sind noch immer von schweren Krisen betroffen.
"Jede einzelne Regierung spricht derzeit davon, bei humanitärer Hilfe und Entwicklungsfinanzierung zu kürzen."
Dutzende Millionen Menschen benötigen Nahrung, Unterkunft und Schutz. Gleichzeitig sorgt das mangelnde Engagement internationaler Geldgeber dazu, dass vielen Menschen die Hilfe vorenthalten bleibt, die sie benötigen.
Jede einzelne Regierung spricht derzeit davon, bei humanitärer Hilfe und Entwicklungsfinanzierung zu kürzen. Unsere Daten zeigen aber: Wenn Menschen in ihrer Heimat keine Sicherheit oder keine Arbeitsplätze finden, wenn ihre Häuser zerstört werden und das Land sie nicht mehr ernähren kann, werden sie weiterhin auswandern. Die Kürzungen könnten daher langfristig zu einem erhöhten Migrationsdruck führen.
Was bedeuten die Kürzungen internationaler Beitragszahlungen für UN-Organisationen in der Praxis, zum Beispiel für Ihre Arbeit im Sudan?
Pope: Ganz konkret bedeuten die Kürzungen beispielsweise, dass wir keine neuen Unterkünfte bereitstellen können. Wir brauchen finanzielle Mittel, damit die Menschen dort bleiben und den Wiederaufbau vorantreiben können, anstatt für immer auf humanitäre Hilfe angewiesen zu sein.
Gefährlichere Routen, höhere Profite für Schleuser
Mehrere europäische Regierungen, darunter auch Deutschland, verfolgen zunehmend restriktivere Ansätze in der Migrationspolitik. Wie wirkt sich das auf Migrationsbewegungen aus?
Pope: Die Zahlen der irregulären Migration sind deutlich zurückgegangen, doch die Migration wird immer gefährlicher. Die schärferen Grenzkontrollen sorgen dafür, dass viele Menschen auf gefährlichere Routen ausweichen und ermöglichen es Schleusern und Menschenhändlern, höhere Preise zu verlangen. Infolgedessen steigt die Zahl der Todesfälle, und der Menschenschmuggel wird immer profitabler.
Was würden Sie sich in dieser Hinsicht von europäischen Regierungen wünschen?
Pope: Unsere Botschaft an alle Regierungen lautet: Zusammenarbeiten, um die Ursachen irregulärer und unsicherer Migration anzugehen. Die Fluchtursachen müssen berücksichtigt werden - zusätzlich zu den Maßnahmen, die Länder ergreifen, um Rückführungen zu erleichtern oder ihre Grenzen effektiver zu kontrollieren.
Auch Deutschland hat unter der aktuellen Regierung seine Bemühungen verschärft, abgelehnte Asylsuchende abzuschieben, unter anderem in Länder wie Syrien. Welche Voraussetzungen braucht es aus Ihrer Sicht, damit Abschiebungen als menschenwürdig gelten können?
Pope: Ich hatte die Gelegenheit, mit Syrerinnen und Syrern in ganz Europa zu sprechen. Im Großen und Ganzen möchten viele zwar nach Hause zurückkehren, aber sie suchen dasselbe, was jede und jeder von uns suchen würde: Kann ich nach meiner Rückkehr in einem sicheren Viertel leben, ohne Landminen? Gibt es Schulen? Ärzte? Kann ich meinen Lebensunterhalt selbst bestreiten? All diese Anliegen müssen in einem umfassenden Plan zusammengeführt werden. Dann kann eine Rückkehr nicht nur sicher gestaltet werden, sondern die Menschen werden auch zurückkehren wollen.
Was würde ein solcher umfassender Plan erfordern - und sind diese Voraussetzungen in Syrien gegeben?
Pope: Dafür braucht es das Engagement der syrischen Regierung und Investitionen. Banken, der Privatsektor und Regierungen müssen alle ihren Teil dazu beitragen. Aktuell sind einige Regionen Syriens zwar sicherer, aber andernorts sind nach wie vor Landminen versteckt und es brechen immer wieder gewaltvolle Konflikte aus. Das Ziel muss immer sein, dass die Menschen in ihrer Heimat bleiben können und nicht erneut fliehen müssen.
Return Hubs nur dort, wo Menschenrecht herrscht
In Deutschland und anderen europäischen Ländern wird über die Idee von sogenannten Return Hubs für abgelehnte Asylsuchende in Drittstaaten diskutiert. Wie steht die IOM dazu?
Pope: Wir vertreten die Ansicht, dass der Erfolg einer Politik davon abhängt, ob sie den grundlegenden Schutz der Menschenrechte gewährleisten kann. Kein Mensch darf in einen Kontext zurückgeführt werden, in dem er verfolgt wird. Menschen müssen sich frei bewegen können, sie brauchen einen Zugang zum Arbeitsmarkt, Sicherheit und die Möglichkeit, in ihr Herkunftsland zurückzukehren, sollten sie dies wünschen. Außerdem muss Rechtsbeistand gewährleistet sein.
Welche Länder könnten Ihrer Ansicht nach als Partner für Rückführungszentren fungieren?
Pope: Es gibt viele Länder, die Einwanderern gegenüber aufgeschlossen sind und über die staatlichen Kapazitäten verfügen, Schutz zu gewähren und die Integration zu steuern. Gemeinsame sprachliche und kulturelle Bindungen können dabei helfen, ebenso wie unterstützende Gemeinschaften.
IOM-Daten zufolge sind allein in den Jahren 2014 bis 2025 weltweit fast 81.000 Menschen auf der Flucht ums Leben gekommen oder werden vermisst, die Dunkelziffer dürfte noch viel höher sein. Was muss aus Ihrer Sicht am dringendsten geschehen, um Migration sicherer zu gestalten?
Pope: Demografische Veränderungen auf der ganzen Welt bedeuten, dass Migration notwendig ist. In manchen Ländern werden Arbeitskräfte gebraucht, keine Frage, in anderen Ländern suchen die Menschen nach einem Einkommen. Der schnellste und einfachste Weg, um dorthin zu gelangen, wo diese Arbeitsplätze sind, ist derzeit noch immer über irreguläre Routen oder mithilfe eines Schleppers. Und das zeigt, dass das gesamte internationale Migrationssystem aus den Fugen geraten ist.
Wir als IOM fordern Regierungen nachdrücklich dazu auf, Migration als ein Werkzeug in einem größeren Werkzeugkasten zu begreifen. Migration ist nicht nur isoliert das, was auf dem Mittelmeer geschieht. Wir raten Regierungen, ihren Arbeitsmarktbedarf zu evaluieren und davon ausgehend strukturierte Mechanismen zur Anwerbung der benötigten Fachkräfte einzurichten. Und all das muss mit der Migrationspolitik und Entwicklungsinvestitionen in Einklang gebracht werden.
Sind Sie optimistisch, dass diese Vorschläge in näherer Zukunft umgesetzt werden?
Pope: Umfassende Lösungen sind unter dem derzeitigen wirtschaftlichen und politischen Druck schwierig. Ich befürchte, dass es erst einmal schlimmer werden könnte, bevor es besser wird.




