Im Workshop die eigene Urne bauen

Die ehrenamtliche Seelsorgerin Heike Denzer (li.), begutachtet eine Urne, die eine Teilnehmerin im Urnenbau-Workshop selbst gebaut hat.
epd-bild/Friedrich Stark
Die ehrenamtliche Seelsorgerin Heike Denzer (li.), begutachtet eine Urne, die eine Teilnehmerin im Urnenbau-Workshop selbst gebaut hat.
Den Tod ins Leben holen
Im Workshop die eigene Urne bauen
Eine Urne mit Blumenmotiv oder ausgehöhlt aus Vollholz: Ein Workshop in Hamm verbindet Handwerk und Seelsorge. Die Teilnehmenden gestalten ihre Urne selbst - und entdecken dabei, dass die Auseinandersetzung mit Tod und Trauer guttun kann.

Brigitte hat sich für eine Urne aus Holzleisten entschieden, bemalt mit einer Sonnenblumenwiese und blauem Himmel. Sonnenblumen seien ihre Lieblingsblumen, Blau ihre Lieblingsfarbe, sagt sie. "Blumen kommen und gehen. Wir gehen auch irgendwann, auch wenn wir uns das nicht vorstellen wollen."

Der Tischler, Ergotherapeut und Seelsorger Mikel Hogan mit Teilnehmerinnen des Urnenbau-Workshops.

Zusammen mit sechs anderen baut sie unter Anleitung des Tischlers, Ergotherapeuten und Seelsorgers Mikel Hogan "ein Möbelstück für die letzte Reise des Lebens". Der dreitägige Urnenbau-Workshop der Evangelischen Erwachsenenbildung im Kirchenkreis Hamm in Westfalen soll Handwerk und Trauerbegleitung verbinden.

Dafür ist eine Kapelle der Tagungsstätte Haus Caldenhof kurzerhand zu einer Werkstatt umgebaut worden. Auf Tischen liegen Holzwerkzeuge und Schmirgelpapier bereit. Fünf Teilnehmende bauen Urnen aus einzelnen Holzleisten, die sie unter Anleitung von Hogan bearbeiten, zusammensetzen und kreativ gestalten. Zwei haben sich für eine Vollholzurne entschieden. Vor der Tür höhlen sie ein großes Stück unbearbeitetes Holz aus, später kann dort die Aschekapsel verstaut werden.

Aus diesem Holzklotz wird die Urne freigeschlagen.

Offen über das Thema Tod sprechen

Brigitte bemalt den Deckel ihrer Urne in Blau, wie der Himmel, die Mitte soll später eine Sonne zieren. "Über den einzelnen Sonnenstrahlen sollen die Namen von mir, meinem Mann und meinen drei Kindern stehen", erzählt sie. Sie baue die Urne für sich selbst. Bis diese gebraucht werde, wolle sie sie in den Wohnzimmerschrank hinter eine Glasscheibe stellen. "Vielleicht werden wir erst mal Süßigkeiten darin aufbewahren", meint sie.

Offen über das Thema Tod zu sprechen, sei eines der Ziele im Workshop, sagt Heike Denzer, Ehefrau von Mikel Hogan und ehrenamtliche Seelsorgerin. Es gehe um den individuellen Prozess, um die Gefühle, die beim Bau der Urne oder eines Sarges hochkämen. "Wenn ich mich mit der eigenen Endlichkeit auseinandersetze, macht das was mit der Seele", erläutert Denzer. Das könne Angst machen. "Aber wenn ich den Mut habe, mich trotzdem damit auseinanderzusetzen, dann habe ich die Chance, mein Leben anders zu gestalten. Bewusster zu leben", betont sie.

Die Gespräche in seinen Kursen blieben nie an der Oberfläche, "sie gehen richtig in die Tiefe", sagt Mikel Hogan. Mal gehe es darum, was genau im Krematorium passiere, zum Beispiel mit den Keramik-Hüftgelenken im Feuer. Mal fragten sich Teilnehmende, wie viel Asche überhaupt von einem übrig bleibe. Viele seien überrascht, dass die Asche bis zu vier Kilogramm wiegen könne, erzählt Hogan.

Workshop als persönliche Trauerarbeit

Teilnehmerin Margarete ist das Thema Trauerbewältigung wichtig. "Ich habe den Workshop als persönliche Trauerarbeit für mich entdeckt", sagte die Frau, die einen Menschen aus ihrem nahen Umfeld verloren hat. "In der Urne möchte ich gerne die Asche von verbrannten Briefen und anderen Erinnerungsschriftstücken von diesem Menschen aufbewahren." In einem von Hogans nächsten Workshops will sie eine Urne für sich selbst erstellen. Was nach ihrem Tod mit den beiden Urnen passiere, müsse ihre Familie entscheiden. "Denn sie müssen mit der Trauer umgehen und schauen, was für sie am besten und richtig ist."

 

Der gleichen Meinung sind auch Martin und Bettina, ein Ehepaar aus Herzebrock-Clarholz. "Wir haben uns schon Gedanken gemacht, wie wir beerdigt werden wollen", erzählt Bettina. Dabei habe ihr Mann gesagt, dass er sich eine Wasserbestattung vorstellen könne. "Aber ich hätte gerne, dass ich ihn besuchen kann." Wasserbestattungen seien nicht überall möglich, die Wege zu weit. "Deshalb muss eigentlich der entscheiden, der bleibt", findet Bettina.

Keine bedrückte Atmosphäre

Trotz der Gespräche und Gedanken zum Thema Tod herrscht keine bedrückte Atmosphäre im Kurs. Beim gemeinsamen Mittagessen reden die Teilnehmenden sachlich über die verschiedenen Bestattungsformen. Was in welchen Bundesländern erlaubt, was verboten ist, ob auch die Sargscharniere kompostierbar sein müssen. Zwischendurch wird gelacht.

"Ich finde es faszinierend, wie froh die Menschen sind, in einer Gruppe zu sein, wo sie offen über das Thema Tod sprechen können", sagt Heike Denzer. Denn der Umgang mit Sterben und dem Tod sei vielen fremd geworden, der Tod sei immer noch ein Tabuthema. "Dabei finde ich, dass die Beschäftigung mit der eigenen Endlichkeit auch etwas Heilsames haben kann."