Protestforscher: Keine Exzesse wie in Frankreich zu erwarten

Protestforscher: Keine Exzesse wie in Frankreich zu erwarten
Der Wissenschaftler Simon Teune sieht in Deutschland eine "stark befriedete Protestkultur". In Frankreich befeuern demnach mehrere Faktoren das häufigere Auftreten von gewaltsamen Ausschreitungen.
19.10.2026
epd
epd-Gespräch: Jonas Grimm

Berlin (epd). Der Protestforscher Simon Teune hält nach den gewalttätigen Ausschreitungen bei Protesten gegen Lebenshaltungskosten und soziale Missstände in Frankreich ein Überschwappen auf Deutschland für unwahrscheinlich. „Wir haben sehr unterschiedliche Voraussetzungen mit Blick auf das politische System, auf die Protestkultur und die sozialen Bedingungen“, sagte der Soziologe am Montag in Berlin dem Evangelischen Pressedienst (epd). In Frankreich sei konfrontativer Protest normalisierter.

Teune sagte, in Deutschland habe sich in den vergangenen Jahrzehnten eine „stark befriedete Protestkultur“ gebildet. Konfrontationen seien hierzulande die „absolute Ausnahme“ und würden schnell als illegitim bezeichnet. Der Forscher der Freien Universität Berlin verwies etwa auf die Klimaproteste der „Letzten Generation“, die „vom Eskalationslevel her überschaubar“ waren, aber starke Ablehnung nach sich zogen.

Andere Ausgangslage in Frankreich

Zudem seien in Frankreich die sozialen Ungleichheiten stärker ausgeprägt, sagte Teune. Jugendliche hätten unter anderem wegen hoher Arbeitslosigkeit eine stärkere Zukunftsangst. Die Proteste starteten vor einigen Wochen ursprünglich aus Protest gegen die Bedingungen im Bildungswesen. Teune zufolge ist es in Frankreich üblich, dass eine Gruppe einen Anlass für Proteste schafft, woraufhin sich andere Gruppen solidarisieren und ihre Anliegen einbringen.

In Frankreich waren am Wochenende Hunderttausende Menschen auf die Straßen gegangen. Dabei kam es auch zu Plünderungen und Brandstiftungen, landesweit kam es laut Medienberichten zu mehr als 2.000 Festnahmen und rund 1.000 verletzten Einsatzkräften. In Limoges wurde das historische Rathaus in Brand gesetzt. Auch in anderen europäischen Städten, etwa in Mailand oder in Brüssel, kam es aufgrund ähnlicher Themen am Wochenende zu Ausschreitungen.

Migration als Problem greift zu kurz

Politiker aus dem rechten Lager in Frankreich machten unter anderem die vermutete Herkunft vieler Randalierer aus den ärmeren Vororten, den Banlieues, verantwortlich. Teune sagte, die Krawalle auf Migrationen zu schieben, „greift aber viel zu kurz“. Die Beteiligten seien nicht erst kürzlich migriert, sondern Französinnen und Franzosen, die „aber innerhalb der französischen Gesellschaft an den Rand gedrängt und sozial benachteiligt werden“.

Eine Motivation hinter den Ausschreitungen sieht Teune darin, einmal auf der anderen Seite der Macht zu stehen. Ob mit den Ausschreitungen vom Wochenende der Höhepunkt erreicht wurde, ist dem Wissenschaftler zufolge schwer abzuschätzen.