"Sie haben nicht so performt wie sonst", kritisieren Experten, wenn Bayern München im Heimspiel ausnahmsweise mal keine fünf Tore geschossen hat. In gewisser Weise ist auch ein Sportplatz eine Bühne, daher passt das eingedeutschte Verb sogar, aber im eigentlichen Sinn geht es bei einer "Performance" um eine Aufführung.
Vor der Kamera sollen die Mitwirkenden dagegen ausdrücklich nicht "performen", denn Filme und Serien wollen ja die Illusion von Wirklichkeit vermitteln. Eine gute Regie wird die Ensemblemitglieder daher eher bremsen, damit sie nicht "überperformen". Was dabei ’rauskommt, wenn das nicht passiert, zeigt die vierte Episode der ARD-Reihe "Kanzlei Liebling Kreuzberg": In viel zu vielen Szenen garnieren die Darstellerinnen ihre Darbietungen mit einem Schleifchen.
Gabriela Maria Schmeide zum Beispiel ergänzt ihre Sätze einige Male mit der mimischen Umsetzung des englischen "Tongue in cheek"; die Zunge in der Wange soll eine Aussage ironisieren. Die jüngeren Kolleginnen unterstreichen ihre Aussagen, indem sie die Augen verdrehen.
Tilmann P. Gangloff setzt sich seit 40 Jahren als freiberuflicher Medienkritiker unter anderem für "epd medien" mit dem Fernsehen auseinander. Gangloff (geb. 1959) ist Diplom-Journalist, Rheinländer, Vater von drei erwachsenen Kindern und lebt am Bodensee. Er war über 30 Jahre lang Mitglied der Jury für den Grimme-Preis, ist ständiges Mitglied der Jury Kindermedien beim Robert-Geisendörfer-Preis, dem Medienpreis der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), und 2023 mit dem Bert-Donnepp-Preis für Medienpublizistik ausgezeichnet worden.
Abgesehen davon wird entschieden zu oft gelächelt, auch wenn’s die jeweilige Situation gar nicht hergibt. All’ das ist angesichts der Regie-Erfahrung von Christoph Schnee durchaus erstaunlich, einerseits; andererseits gehört zu seinen Meriten neben vielfach ausgezeichneten Serien wie "Berlin, Berlin" (ARD), "Der Lehrer" (RTL) und "Danni Lowinski" (Sat.1) auch der Comedy-Klamauk "Alles Atze" (RTL).
Schmeide wirkt nicht nur dank entsprechender Blazer diesmal noch merkeliger als in den bisherigen Filmen; Schnee hat für RTL auch den Auftakt zur komischen Krimireihe mit der dort allerdings von Katharina Thalbach verkörperten Altkanzlerin als Hobbydetektivin gedreht ("Miss Merkel – Mord im Schloss", 2023). Dass gerade der erste seiner beiden "Kanzlei Liebling Kreuzberg"-Filme insgesamt recht betulich wirkt, liegt jedoch nicht nur an den Darbietungen. Die Handlung trägt sich größtenteils in den Räumen der Kanzlei zu, was wohl zuvorderst eine Frage von Konzept und Budget ist.
Für Abwechslung sorgen in erster Linie Ausflüge ins Café von Mai (Nhung Hong), der besten Freundin von Liebling-Enkelin Lisa (Luise von Finckh), und wo andernorts Kameraflüge über Landschaften als Zwischenspiel dienen, saust Lisa hier mit ihrem Rad durchs herbstliche Kreuzberg. Die unaufgeregt im Hintergrund vor sich hin plätschernde Musik passt ebenso ins Gesamtbild wie der in Produktionen dieser Art unvermeidliche Schmusepop.
Immerhin sind die Fälle, mit denen sich die beiden Anwältinnen befassen, reizvoll, auch wenn Sabine Leipert ihr Drehbuch zu "Ein Meisterstück" rund um Merksätze wie "Lehrjahre sind keine Herrenjahre", "Freundschaft ist keine Einbahnstraße" oder "Das Leben ist manchmal nicht gerecht" verfasst hat.
Der zwölfjährige Luca bittet Talia Jahnke (Schmeide) um Hilfe, weil seine Mutter unverschuldet einen Unfall verursacht hat, nachdem sich mit lautem Knall der Airbag entfaltet hat. Natürlich lässt sich nicht beweisen, dass erst dieser Vorfall zum Unfall geführt hat, deshalb will die erfahrene Juristin das Mandat gar nicht erst annehmen, aber weil ihr Lucas Hartnäckigkeit imponiert, geht sie der Sache trotzdem nach.
Zunächst scheint ein von Matthias Komm gleichfalls nicht gerade zurückhaltend verkörperter windiger Autoverkäufer der wahre Schuldige zu sein, aber dann stellt sich ’raus, dass auch er getäuscht worden ist. Lisa legt sich derweil mit einem guten Bekannten ihres Opas an: Dieter Seidel (Uwe Preuss) ist ein Bäcker von altem Schrot und Korn. Seinem kolumbianischer Azubi (Crispin Hausmann) fühlt sich ausgebeutet, weil ein von ihm selbst kreiertes Gebäck für spürbare Umsatzsteigerungen gesorgt hat, aber statt einer Gewinnbeteiligung kriegt er eine fristlose Kündigung.
Die juristischen Details sind interessant und zum Teil sogar lehrreich, doch das Konzept ist ähnlich schematisch wie die Umsetzung. Wann immer sich Lisa und Talia begegnen, liegt Spannung in der Luft, weil ihre grundsätzlichen Haltungen zum Beruf auf den ersten Blick allzu unterschiedlich sind: Die jüngere ist eine Kümmerin, die ältere achtet darauf, dass die Kanzlei auch wirtschaftlich gut dasteht; selbst wenn sich hinter ihrer rauen Schale natürlich ein gutes Herz verbirgt.
Uneins sind sich die beiden auch mit Blick auf die Aufgaben des offenkundig äußerst talentierten Kollegen Cem (Emre Aksızoğlu), den Talia wie einen Laufburschen behandelt. Sein "Mandat des Monats" ist Mai, die seit einem kritischen Podcast stapelweise nicht bestellte Essenslieferungen ("Pizza-Bombing") bekommt.




