Sind die Kinder aus dem Haus, macht sich bei Eltern häufig ein Gefühl der Leere breit; die Forschung spricht vom "Empty Nest"-Syndrom. Eine naheliegende Lösung wäre die Auffrischung der Partnerschaft, aber in vielen Ehen gesellt sich zu dieser Krise eine weitere: Wichtigstes Bindeglied waren der Sohn oder die Tochter, doch die sind nun weg, und plötzlich stellen die Eltern fest, dass sie sich im Grunde nichts mehr zu sagen haben.
Früher sind sie nicht zuletzt wegen der finanziellen Abhängigkeit (meist der Frau) trotzdem zusammengeblieben, heute trennt man sich; im besten Fall einvernehmlich. Das ist der feste Vorsatz von Oliver und Susanne (Tim Bergmann, Susanna Simon), aber schon der Titel dieser vierten und letzten neuen "Einspruch, Schatz!"-Episode lässt keinen Zweifel daran, dass der gute Vorsatz alsbald auf der Strecke bleiben wird.
In England führten zwei rivalisierende Adelshäuser im 15. Jahrhundert erbitterte Kämpfe um die Krone. Die Konflikte wurden "Rosenkriege" genannt, weil beide eine Rose in ihrem Wappen trugen. Hollywood hat daraus eine bitterböse Scheidungssatire mit Michael Douglas und Kathleen Turner als Ehepaar Oliver und Barbara Rose gemacht ("Der Rosenkrieg", im Original "The War of the Roses", 1989). Torsten Lenkeit hat seine beiden Hauptfiguren Kramer genannt, und auch dafür gibt es ein Hollywood-Vorbild ("Kramer gegen Kramer", 1979, mit Dustin Hoffman und Meryl Streep).
Tilmann P. Gangloff setzt sich seit 40 Jahren als freiberuflicher Medienkritiker unter anderem für "epd medien" mit dem Fernsehen auseinander. Gangloff (geb. 1959) ist Diplom-Journalist, Rheinländer, Vater von drei erwachsenen Kindern und lebt am Bodensee. Er war über 30 Jahre lang Mitglied der Jury für den Grimme-Preis, ist ständiges Mitglied der Jury Kindermedien beim Robert-Geisendörfer-Preis, dem Medienpreis der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), und 2023 mit dem Bert-Donnepp-Preis für Medienpublizistik ausgezeichnet worden.
Das besondere an Lenkeits Drehbuch sind die vertauschten Rollen: Oliver hat sich um Haushalt und Tochter gekümmert, Susanne hat sich im Verlauf der 25 Ehejahre einen Namen als Schönheits-Chirurgin gemacht und viel Geld verdient. Schon zu Beginn lassen kleine Spitzen erahnen, dass die erhoffte Einvernehmlichkeit nicht lange halten wird. Weil es keinen Ehevertrag gibt, bildet das Paar eine klassische Zugewinngemeinschaft: Im Fall einer Scheidung wird der komplette Besitz zu Susannes Empörung halbiert, selbst die Rentenpunkte werden geteilt.
Für die Dauer des Trennungsjahres müsste die bisherige Alleinverdienerin dem zukünftigen Ex-Gatten außerdem Unterhalt zahlen, was sie erst recht nicht einsieht. Einziger Ausweg wäre ein unzumutbarer Härtefall, also beispielsweise häusliche Gewalt oder Untreue. Prompt lässt sie Oliver von einer professionellen Treuetesterin umgarnen.
Im ARD-Programm ist das eigentlich ein typischer Stoff für den Mittwochsfilm, aber Lenkeit hat einen cleveren Weg gefunden, um aus dem Rechtsstreit einen Fall für Eva Schatz (ChrisTine Urspruch) und ihren Lebensgefährten Hanno (Wolfgang Grandezka) zu machen: Er war einst Susannes erste große Liebe, und natürlich soll er sie nun auch anwaltlich vertreten. Eva wiederum entgeht nicht, dass die Verflossene immer noch große Stücke auf ihn hält und reagiert ungewohnt eifersüchtig.
Die Lage spitzt sich zu, als Oliver sie als Anwältin engagiert. Prompt gibt es Ärger im Paradies, wie der Film (Regie führte wieder Josh Broecker) auch optisch verdeutlicht, als Eva und Hanno den Fall im Restaurant besprechen: Erst wird in der Küche ein Messer gewetzt, dann in rascher Schnittfolge Gemüse geschnitten. Lenkeit gewinnt dem ernsten Thema noch weitere heitere Seiten ab; unter anderem teilt Oliver das luxuriöse Eigenheim mit Klebe- und Absperrband fein säuberlich in zwei Hälften.
Tochter Sophie (Lina Hüesker) findet das alles verständlicherweise gar nicht komisch: Eigentlich wollte die Studentin ihre Eltern mit einer freudigen Nachricht überraschen, aber ausgerechnet in dieser Sache sind sich Oliver und Susanne ausnahmsweise einig. Während die drei anderen Filme dieses Jahrgangs allesamt nicht rundum gelungen waren, ist diesmal auch die sonst fast wie ein Fremdkörper wirkende familiäre Nebenebene besser integriert. Mit dem eigentlichen Thema hat sie zwar rein gar nichts zu tun, aber dafür ist sie sehr witzig: Hannos neunjähriger Sohn Tim wollte der gleichaltrigen Ina imponieren und hat ihr von seinen nicht vorhandenen Zauberkünsten erzählt.
Das Mädchen hat einen unmöglich zu erfüllenden Wunsch: Hase Hoppel ist verstorben, Tim soll ihn auferstehen lassen. Evas Vater Werner (Jochen Busse), General im Ruhestand und einst bei der Bundeswehr Chefstratege, weiß Rat und entwirft einen abenteuerlichen Plan, der unter anderem zur Folge hat, dass die Familie wieder mal Ärger mit der Polizei bekommt. Kleine Freuden bereiten auch diverse Beiläufigkeiten, etwa das paraphrasierte "Harry und Sally"-Zitat, als Eva im Lokal einen Hustenanfall bekommt und eine andere Kundin dem Kellner mitteilt, sie wolle auf keinen Fall das gleiche Gericht. Alle vier neuen Episoden stehen in der ARD-Mediathek.




