Ganze Berufszweige leben nicht schlecht davon, dass Menschen die Ursache für ihre gegenwärtigen Probleme in der Vergangenheit suchen: Sie sind überzeugt, dass ihr inneres Kind keinen Frieden finden kann, solange sie nicht die Beziehung zu ihren Eltern aufgearbeitet haben. In Filmen und Büchern entpuppen sich regelmäßig die Mütter als Verursacherin allen Übels; auf diese Weise ist Norman Bates, der gestörte Mörder aus dem Hitchcock-Klassiker "Psycho" (1960), zum Prototypen eines ganzen Genres geworden. Frauen richten ihre Aggressionen dem Klischee nach eher gegen sich selbst; oder sie verkapseln sich, so wie Elodie, die Titelfigur dieses NDR-Films von Nicole Weegmann, die für Dramen wie "Ihr könnt euch niemals sicher sein" (2008), "Mobbing" (2012) und "Es ist alles in Ordnung" (2013) vielfach ausgezeichnet worden ist.
Mit "Elodie"-Autorin Esther Bernstorff hat die Regisseurin bereits bei dem Obdachlosendrama "Ein Teil von uns" (Grimme-Preis 2017 für beide) und zuletzt bei "Querschuss" zusammengearbeitet. In dieser vorzüglich gespielten Tragödie mit Christian Berkel und Andrea Sawatzki verarbeitet ein Sohn nach dem Suizid des Vaters die gottlose Einsamkeit seiner Kindheit.
Das jüngste Werk der beiden Frauen behandelt ein verwandtes Thema. Die Handlung beginnt mit einer Trennung: Elodie (Karoline Schuch), Dolmetscherin in Brüssel, wird von ihrem Mann verlassen, weil er sich an ihrer Seite einsam fühlt. Durch Zufall findet sie heraus, warum sie immer wieder einen ganz bestimmten Traum hat und schon ihr ganzes Leben lang unnahbar war: Bei der Geburtstagsfeier ihrer Mutter Barbara (Sibylle Canonica) erzählt deren beste Freundin (Adriana Altaras), sie habe jene Frau gesehen, die sich einst um Elodie gekümmert habe.
Tilmann P. Gangloff setzt sich seit 40 Jahren als freiberuflicher Medienkritiker unter anderem für "epd medien" mit dem Fernsehen auseinander. Gangloff (geb. 1959) ist Diplom-Journalist, Rheinländer, Vater von drei erwachsenen Kindern und lebt am Bodensee. Er war über 30 Jahre lang Mitglied der Jury für den Grimme-Preis, ist ständiges Mitglied der Jury Kindermedien beim Robert-Geisendörfer-Preis, dem Medienpreis der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), und 2023 mit dem Bert-Donnepp-Preis für Medienpublizistik ausgezeichnet worden.
Was wie eine gänzlich harmlose Mitteilung klingt, entpuppt sich als familiäres Geheimnis: Als Elodie der Sache nachgeht, stellt sich raus, dass Barbara nach der Geburt derart depressiv war, dass Vater Jochen (Michael Wittenborn) fürchtete, sie werde sich selbst oder dem Baby etwas antun. Also hat er den Säugling in die Obhut einer Kinderfrau gegeben, die allerdings weit mehr war als eine "Nanny": Das Kind hat damals drei Monate Tag und Nacht bei ihr verbracht.
Frau Wontroba (Eva Mattes) freut sich sehr, Elodie wiederzusehen, aber die weist sie zurück: Die Kinderfrau hat ihre Schutzbefohlenen offenbar nicht immer gut behandelt, versichert jedoch, Elodie wie ein eigenes Kind geliebt zu haben. Deshalb hat es sie auch sehr bekümmert, dass sich die Eltern nie wieder bei ihr gemeldet hätten; vermutlich aus dem gleichen Grund, weshalb sie auch mit Elodie aus dieser Zeit ein Geheimnis gemacht haben. Dieses Schweigen ist das zentrale Motiv des Films. Pia, eine Schulfreundin Elodies, erzählt, sie habe erst auf dem Sterbebett der Mutter erfahren, dass sie ebenfalls als Kind bei Frau Wontroba gewesen sei, wenn auch nur tagsüber, obwohl sie sich schließlich mit Händen und Füßen dagegen gewehrt habe.
In den Aufzeichnungen der Kinderfrau wird die kleine Pia als "bösartig" beschrieben; Elodie dagegen sei ein "Goldschatz" gewesen. Vierzig Jahre später weigert sich Mutter Barbara immer noch hartnäckig, darüber zu sprechen. Ihr ausgeprägter Wille, den Schein zu wahren, sowie ihre Scham, als Mutter versagt zu haben, lassen sie überaus hartherzig wirken. Stattdessen fordert sie die Tochter auf, endlich Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen; eine vertrackte Situation, für die das Drehbuch eine anarchische und in der Umsetzung fast schon komisch anmutende Lösung findet. T
atsächlich versöhnlich ist jedoch erst der Schluss, als die erwachsene Elodie im eigenen Traum auftaucht und ihr inneres Kind endlich Frieden findet.
Weegmann hat den Film als klassisches TV-Drama inszeniert: betont unaufgeregt, sehr unbunt und mit viel Konzentration auf das sorgsam ausgewählte Ensemble. Das gilt vor allem für die Besetzung der Kinderfrau: Eva Mattes strahlt eine herzliche Mütterlichkeit aus, aber ihr Spiel lässt genug Raum für etwaige Abgründe.
Interessant ist auch der Schauplatz: Elodies Elternhaus liegt in der Lüneburger Heide ganz in der Nähe eines Truppenübungsplatzes. Ihr Vater arbeitet in führender Position für ein Rüstungsunternehmen. Hin und wieder ist Geschützlärm zu hören, außerdem knattern ein Hubschrauber oder ein Panzer durchs Bild. Für die eigentliche Handlung ist dieser Nebenkriegsschauplatz im Grunde nicht von Belang, aber er trägt seinen Teil zur Charakterisierung der Titelfigur bei, um die Distanz zwischen der zumindest in ihrer Jugend antimilitaristisch eingestellten Elodie und ihren Eltern zu unterstreichen.




