Ein schwarzer Bildschirm zeigt den Namen von Gabriela Pérez. Die Internetverbindung beim Zoom-Interview mit Venezuela ist schlecht. "Ich kann dich hören", sagt sie und ihr Gesicht erscheint auf dem Bildschirm. Gabriela hat bei den zwei schweren Erdbeben im Juni 2026 ihre vier Kinder und ihre Mutter verloren. Nur sie und ihre älteste Tochter haben überlebt.
"Fast 14 Jahre habe ich zusammen mit meiner Mutter und meinen vier Kindern in einem Wohnhaus gelebt", erzählt Gabriela. Es gehörte zu den Gebäuden, die durch das Erdbeben vollständig eingestürzt sind. Anschließend ist es abgebrannt.
Gabriela lebt in La Guaira, einem der besonders stark betroffenen Bundesstaaten an der venezolanischen Küste. Am 24. Juni 2026 gegen 18 Uhr ist Gabriela nicht zuhause. Als die Erde bebt, fährt sie sofort los. "Ich hatte große Hoffnung, sie lebend zu finden", sagt sie. Sie durchsucht die Trümmer mit ihren bloßen Händen.
Dort trifft sie ihren Freund Hernán, der ebenfalls nach seiner Familie sucht. "Er und andere Nachbarn haben mir mit Händen, Bohrmaschinen und Schaufeln geholfen, nach meiner Familie zu suchen."
Wochenlanges Suchen
Sie suchen nicht nur Stunden und Tage, sondern wochenlang. Erst nach einem Monat findet Gabriela die ersten Leichen. Es sind die ihrer zwei Söhne, eine ihrer drei Töchter und ihre Mutter. Ihre zweite Tochter findet sie Mitte August. Sie war erst acht Jahre alt.
Für die Bestattung ihrer Familie werden Dokumente verlangt. "Sie fragten zum Beispiel nach der Geburtsurkunde meiner Kinder", erzählt sie. Dabei hatte sie mit ihrem Zuhause alles verloren. Gabriela erzählt von staatlichen Institutionen weder Hilfe noch Empathie bekommen zu haben. "Nicht mal ermutigende Worte bekamen wir vom Staat. Dabei hätte sogar eine Umarmung gereicht", sagt sie.
Gabriela erinnert sich vor allem an die Menschen, die geholfen haben: "Es gab den Venezolaner, der mit Arepas zum Essen kam und sie verteilte. Es gab die Frau, die Kaffee gekocht und angeboten hat." Diese Menschen spenden Gabriela Hoffnung.
Tausende Venezolanerinnen und Venezolaner kommen aus anderen Regionen, um zu helfen. Sie erinnern Gabriela an ihre Mutter und ihre Großmutter. "Sie waren auch so. Immer hilfsbereit und mit gutem Willen", sagt sie.
Nicht zurückgehen, um Schwung zu holen
Besonders präsent ist ihr ein Sprichwort, das ihre Mutter oft zu ihr gesagt hat: "La vida continúa, para atrás ni para coger impulso." Übersetzt bedeutet das: Das Leben geht weiter. Zurück geht man nicht – nicht einmal, um Schwung zu holen. Diese Redewendung ist in Venezuela weit verbreitet. Für Gabriela hat sie nach den Erdbeben eine neue Bedeutung bekommen.
Ihre beste Hilfe in der Trauer ist es, sich nützlich zu fühlen und selbst anderen zu helfen. Gabrielas älteste Tochter hat auch überlebt. Sie sagt: "Wenn ich zerfalle, zerfällt sie auch. Deswegen muss ich stark bleiben."
Das motiviert Gabriela. Sie hilft betroffenen Kinder und ihren Nachbarn. Die sind für sie inzwischen wie eine Familie. Gemeinsam suchen sie weiterhin nach Vermissten und verteilen Hilfsgüter. Dabei denkt Gabriela immer wieder an ihre Kinder und ihre Mutter. "Das gibt mir Kraft", erzählt sie.
Gabriela wünscht sich mehr internationale Aufmerksamkeit für die Menschen in ihrem Land. Sie beschreibt fehlende Hilfsgüter, Medikamente und vor allem frisches Wasser. "Die Menschen dürfen La Guaira nicht vergessen", fordert sie.
Auch Michael Frischmuth, Programmleiter der Diakonie Katastrophenhilfe und Regionaldirektor Europa, Lateinamerika und Asien, warnt davor, dass die Aufmerksamkeit zu schnell nachlässt. "Das Interesse für diese Krise und deren Folgen ist heute noch wichtig", sagt er.
Spenden helfen Menschen vor Ort
Er erklärt, was mit den Spenden aus Deutschland bisher passiert ist: Damit konnte die Diakonie Katastrophenhilfe bis August 2026 "mehr als 20.000 Menschen in Venezuela unterstützen". Im Mittelpunkt stehe dabei die Sicherung der Basisversorgung mit:
- Trinkwasser
- Ernährung
- Hilfsgüter
- medizinische Notversorgung
- psychosoziale Begleitung
"Die Menschen sind weiterhin in Not und wir werden als Hilfsorganisation da noch viele weitere Jahre arbeiten", betont Michael Frischmuth.
Deswegen baut Gabriela ihre Zukunft in der Hilfe für andere auf: Sie will sich ein neues Zuhause in Venezuela kaufen. Aktuell sammelt sie über die Crowd-Funding-Website "Help them directly" dafür Gelder.
Dort möchte sie ihr Leben wieder aufbauen und ganz von vorne anfangen. Doch ihr neues Zuhause soll nicht nur ihr selbst gehören. Sie möchte eine Stiftung gründen, die langfristig Menschen in schwierigen Lebenssituationen unterstützt – insbesondere Kinder, etwa durch psychologische und psychopädagogische Betreuung. Die Stiftung soll den Namen ihrer vier Kinder und ihrer Mutter tragen.
Sie bereut es, viel gearbeitet und deswegen Zeit mit ihren Kindern verpasst zu haben. "Das Leben kann sich in weniger als einer Minute ändern. Geld ist nicht alles. Geld ist nichts wert. Was am wertvollsten ist, ist die Zeit mit deinen Liebsten", betont sie.
Hinweis der Redaktion: Das Gespräch wurde auf Spanisch geführt, die Zitate wurden übersetzt und sprachlich geglättet.
evangelisch.de dankt indeon für die inhaltliche Kooperation.
Das Erdbeben in Venezuela
Laut dem US Geological Survey ereigneten sich am 24. Juni 2026 zwei Erdbeben der Stärken 7,2 und 7,5. Die Diakonie Katastrophenhilfe nennt in ihrem Bericht vom 15. September 2026 unter Berufung auf die venezolanische Regierung 5.208 Todesopfer.




