Theologe sieht Kirche als Wahlverlierer

Reiner Anselm
Julia Traunspurger
Prof. Reiner Anselm appelliert nach den Landtagswahlen, die Motive für das Wahlverhalten der Bürger:innen zu analysieren.
Nach Erfolgen der AfD
Theologe sieht Kirche als Wahlverlierer
Mit ihrer Positionierung gegen die AfD gehören auch die Kirchen in gewisser Weise zu den Verlierern der jüngsten Landtagswahlen, sagt der Theologieprofessor Reiner Anselm, dessen Steckenpferd das Verhältnis zwischen Politik und Kirchen ist. Er rät seiner Kirche, künftig stärker für den Ausgleich einzutreten. "Der Protestantismus hat keine Partei", sagt er im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd).

epd: Die Kirchen haben sich in den vergangenen Jahren zunehmend von der AfD distanziert. Die Partei hat insbesondere in Sachsen-Anhalt nun Wahlerfolge eingefahren. Haben die Kirchen in gewisser Weise die Wahlen verloren?

Reiner Anselm: Das kann man so sagen. Auch wenn sie nicht zur Wahl standen, stehen sie auf der Seite der Wahlverlierer. Natürlich muss man dabei für Sachsen-Anhalt auch sehen, dass die Kirchenbindung so gering ist, dass es kaum Einfluss auf das Wahlergebnis haben konnte.

epd: Wahlanalysen zeigen, dass auch Katholiken und Protestanten in Sachsen-Anhalt am häufigsten AfD gewählt haben - rund ein Drittel waren es. Das waren damit aber weniger als im Bevölkerungsschnitt. Was lesen Sie aus den Zahlen?

Anselm: Es zeigt, dass die Kirche eine bestimmte Kraft bei ihren Mitgliedern hat. Dies geht mit einer ethisch-politischen Wertebindung einher. Das finde ich erst einmal eine sehr positive und auch wichtige Erkenntnis, weil ja immer wieder gesagt wird, dass christlicher Glaube und politisches Engagement eigentlich nichts miteinander zu tun haben sollten. Auf der anderen Seite gilt aber leider auch, dass die Bindungskraft nicht so hoch ist, wie es sich die Kirchen wünschen würden.

epd: Was heißt das für den Kurs der Kirchen? War die Abgrenzung zur AfD richtig?

Anselm: Gerade mit Blick auf die Radikalisierung, die wir bei der AfD in Sachsen-Anhalt und Thüringen erleben, muss sich die Kirche klar dagegen positionieren. Mir fehlt aber, dass man neben dieser Abgrenzung zu Parteipositionen den Motiven nachgeht, aus denen heraus Menschen AfD wählen. Nicht jeder, der sagt, er wolle nicht, dass sich sein gewohntes kulturelles Umfeld maßgeblich verändert, ist gleich Faschist oder Nazi. Auf solche Gefühle, die sich in Wahlentscheidungen manifestieren, muss die Kirche stärker eingehen.

epd: Sie sagen also, die Kirche nimmt die Sorgen der Menschen nicht ernst genug?

Anselm: Nein, die Kirche nimmt die Sorgen ernst. Sie meint aber, diese Sorgen entkräften zu können, indem sie eine politische Antwort darauf formuliert, nämlich weiter auf dem gesellschaftlichen Modernisierungskurs voranzuschreiten. Diese Antwort empfinden viele mittlerweile als Zumutung, auch als Überforderung.

epd: Und diese Menschen sind vermutlich auch in der evangelischen Kirche.

Anselm: Ein Beispiel: Durch die jüngste Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung wissen wir, dass die sogenannten Hochverbundenen sich leicht links von der politischen Mitte positionieren. Das Bild ändert sich allerdings, wenn man die Gottesdienstbesucher näher betrachtet. Dann rutscht die Positionierung leicht nach rechts. Ich meine, dass hier etwas nicht ernst genug genommen wird, was nicht nur Volksparteien leisten müssen, sondern auch Volkskirchen: der Ausgleich von Interessen. Da geht es nicht um Demokratie oder Nicht-Demokratie, sondern eher um Heimatgefühl und die Schattenseiten der Modernisierung.

epd: Was meinen Sie damit?

Anselm: Zum Beispiel sind die Zumutungen, die eine stärker migrantisch geprägte Gesellschaft im Bildungsbereich mit sich bringt und die Ressourcen, die für deren Integration aufgewendet werden, zu sehr aus dem Blick geraten. Ein anderes Beispiel: Die Anerkennung der Vielfalt sexueller Identitäten ist geboten. Das Thema sollte aber nicht sozio-ökonomische Konflikte in den Hintergrund treten lassen. Zugespitzt formuliert: Man darf die Augen nicht davor verschließen, dass zu starke Fokussierung auf wahrgenommene Ungleicheiten häufig neue Ungerechtigkeiten und Frustrationen erzeugen kann. Das gilt auch beim Klimaschutz: Es ist richtig, Benzin und fossile Energien zu verteuern. Aber das produziert Verlierer, gerade unter den schlechter Verdienenden, die zugleich einen geringeren ökologischen Fußabdruck haben. An diesen Stellen sollte die Kirche die Konflikte und auch die Unlösbarkeiten offen benennen und zugleich für einen Ausgleich eintreten.

epd: Gerade die Kirche bietet sich gesellschaftlich oft als Vermittlerin an. Sie versagt aber in dieser Rolle?

Anselm: Ich glaube, sie hat es verlernt - politisch und nach innen. Es neu zu lernen, wird aber auch schwieriger, je stärker sich die Kirche zu einer Beteiligungskirche wandelt. Denn dann engagieren sich diejenigen, die bestimmte Ziele mit diesem Engagement verbinden, die wollen, dass sich Kirche für etwas Bestimmtes einsetzt. Das kann von der neuen Orgel bis ins politische Spektrum reichen. Wie schwierig es ist, den Ausgleich zu schaffen, erlebe ich in Synoden, Gremien, Arbeitskreisen. Da ist die Kirche nicht besser als die Gesamtgesellschaft.

epd: Was kann sie besser machen?

Anselm: Die Kirche kann ihre Anstrengungen zum Aufklärerischen intensivieren. Das beginnt bei den Predigten. Sie sollten politisch reflektiert, auch gut informiert sein und Distanz halten von der schnellen Moralisierung. Manche sind sehr schnell von der biblischen Botschaft bei irgendeinem Klimaschutzprogramm, vielleicht ist die Sache aber komplizierter. Das alte Ideal aufklärerischer Predigten war es, Bildungsarbeit zu betreiben. Das ist ein wichtiger Aspekt. Denn wer informiert ist, weiß, dass die Dinge kompliziert liegen und Kompromisse notwendig sind. Und ist widerstandsfähiger gegenüber den Verführungen der großen Vereinfacher.

epd: Wenn sich Kirchen tagespolitisch positionieren, hören Sie - in der Regel von den Kritisierten - häufiger den Vorwurf, zu moralisieren und ihre Rolle zu verlassen. Zuletzt sorgte Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (CDU) mit einer solchen Kritik für Schlagzeilen. Ist da was dran?

Anselm: Ich finde zwar, dass die Kritik von Julia Klöckner um des schnellen politischen oder publizistischen Erfolgs willen überzogen war, aber im Kern ist da etwas dran. Die Kirche sollte die Äquidistanz zu allen politischen Positionierungen wahren. Der Protestantismus hat keine Partei. Und mit den Parteien, die ihm inhaltlich in der Grundpositionierung am nächsten stehen müssten, den Unionsparteien, fremdelt er. Im Grundsatz müsste man sagen: Lasst die Parteien ihre Positionen machen. Unsere Aufgabe ist es, den Ausgleich zu schaffen.

epd: Was bedeutet dieses Prinzip in dem Fall, in dem die AfD eine Landesregierung anführt? In Sachsen-Anhalt kann das der Fall werden. Kann es eine Zusammenarbeit geben?

Anselm: Eine demokratisch gewählte Regierung ist anzuerkennen. Und ja, ich glaube, dass eine konstruktive Zusammenarbeit auch mit einer AfD-geführten Regierung möglich ist. Diese Bereitschaft endet aber dort, wo eine Regierung nicht bereit ist, Rechtstreue durchzusetzen. Die Kirchen werden darauf präzise achten müssen.