Als hoher kirchlicher Repräsentant lässt es sich nicht vermeiden, gelegentlich zu internationalen Begegnungen zu fliegen. So auch der emeritierte Erzbischof von Wien, Kardinal Christoph Schönborn. Doch was ihm bei der Gepäckkontrolle am Wiener Flughafen nun schon mehrfach widerfuhr, ließ ihn sowohl verwundert als auch etwas erheitert zurück: Die Bibel in seinem Handgepäck wurde von der Künstlichen Intelligenz, die mittlerweile für die Untersuchung eingesetzt wird, als gefährlich eingestuft! Nach einer kurzen menschlichen Überprüfung des corpus delicti durfte er sie dann natürlich wieder mitnehmen.
Schönborn nahm diese Vorfälle zum Anlass, über unsere Abhängigkeit von KI nachzudenken, und darüber, wie fehleranfällig diese doch sei. Ein Flughafenmitarbeiter jedoch sagte einen Satz, über den wir vielleicht noch ein wenig nachdenken sollten:
„Vielleicht sieht die KI in der Bibel gefährlichen Sprengstoff.“
Und in der Tat: Die Bibel ist voller Texte, die durchaus Sprengstoff haben! Fangen wir doch mal an mit Apostelgeschichte 2,44–45. Kurzform: Die ersten Gemeinden „hatten alles gemeinsam“. Oder geradezu tagesaktuell zu den beginnenden Koalitionsgesprächen von Linken, Grünen und SPD in Berlin und der Diskussion um Vergesellschaftung von Wohnungen: „Es war auch keiner unter ihnen, der Mangel hatte; denn wer von ihnen Land oder Häuser hatte, verkaufte sie und brachte das Geld für das Verkaufte und legte es den Aposteln zu Füßen; und man gab einem jeden, was er nötig hatte.“ (Apostelgeschichte 4, 34-35). Man kann und sollte natürlich trotzdem diskutieren, ob die aktuellen Vergesellschaftungspläne sinnvoll sind – aber das Thema kommt sogar schon in der Bibel vor. Sozialer Sprengstoff! So was darf auf keinen Fall ins Flugzeug!
Aber das ist ja noch nicht alles. Nehmen wir Matthäus 25,31–46: „Was ihr einem dieser Geringsten getan habt, das habt ihr mir getan“. Sie erinnern sich? Die sieben Werke der Barmherzigkeit, von denen wir im letzten Blogeintrag schrieben. Hungrige speisen, Fremde aufnehmen, Gefangene besuchen und und und: Der Umgang mit Schutzbedürftigen ist eine Begegnung mit Jesus selbst. Wo kämen wir denn da hin, wenn sich alle daran halten würden? Im Flugzeug hat das nichts verloren!
Ich könnte noch viele Stellen aufzählen, die eine Flugzeugbeförderung dieses absoluten Gefahrgutes definitiv ausschließen. Die berühmte Amos-Stelle etwa (Amos 5, 21-24), wo Gott ausrichten lässt, er mag die Gottesdienste der Gemeinde nicht mehr sehen und keine Lieder mehr hören, solange nicht Recht und Gerechtigkeit fließen wie ein nie versiegender Bach. Oder die Stelle mit dem Kamel, das leichter durch ein Nadelöhr passt, als dass Reiche ins Reich Gottes gelangen (Markus 10). Oder „selig sind die Armen“ und „selig sind, die hungern und dürsten nach Gerechtigkeit“.
OK, ich höre schon auf. Es ist klar: So ein mit sozialem Sprengstoff gefülltes Buch darf niemals an Bord eines Flugzeugs gelangen!
Die USA haben das erkannt. Im Zuge der immer weiter um sich greifenden Verbotisierung von Büchern in Schul- und anderen Bibliotheken („zum Schutz der Kinder“) gab es sogar einen Antrag, die Bibel zu verbieten. Ja, wirklich! Im Davis School District nördlich von Salt Lake City wurde die King-James-Bibel aus den Bibliotheken mehrerer Grund- und Mittelschulen entfernt. Es hatte eine Beschwerde gegeben, weil schließlich auch andere Schulbücher angeblich „pornografische oder unangemessene“ Texte beinhalteten – das müsse dann auch für die Bibel gelten. Was eigentlich ursprünglich als Protest gegen die immer weiter um sich greifenden Buchverbote gedacht war, wurde für einige Zeit tatsächlich umgesetzt und erst im Juni 2023 wieder zurückgenommen.
Und mal ganz ehrlich: Wenn die Bibel schon in Schulbibliotheken für zu gefährlich gehalten wird, dann doch wohl erst recht im Flugzeug!
Wo wir schon beim Thema USA sind: Manchmal würde ich mir wünschen, dass diese Menschen, die sich Christen nennen, auch mal in ihr zentrales Buch reinschauen würden. Der ehemalige Präsident der Southern Baptist Convention und spätere Herausgeber von Christianity Today, Russell Moore, berichtete ebenfalls im Jahr 2023 von mehreren Pastoren, die ihm von den Reaktionen ihrer Gemeinde erzählt hatten, wenn sie Jesu Aufforderung zitierten, die andere Wange hinzuhalten: „Where did you get those liberal talking points?“ Also sinngemäß: Wo hast du denn diese linken Parolen her?
Dass diese Sätze aus der Bibel und von Jesus selbst stammen, habe die Gemeindeglieder nicht überzeugt. Sie meinten, das sei viel zu schwach, das funktioniere heute nicht mehr. Eine Einstellung, die wir, ehrlich gesagt, auch bei uns finden – wie sollten wir sonst mit diesen radikalen Forderungen Jesu in unserem Leben umgehen?
Wie gut, dass die KI diesem umstürzlerischen Buch das Boarding verweigert hat! Es wäre nicht auszudenken, wenn diese umstürzlerischen Gedanken sich über die ganze Welt verbreiten würden. Nochmal Glück gehabt!
Doch wenn wir ehrlich sind: Es ist alles viel profaner. Mehrere Kommentare merkten beim Facebook-Post von domradio.de an, dass die KI schlicht jedes Buch herauszieht, ob Bibel, Krimi oder Liebesschnulze.
Aber trotzdem: Manchmal würde ich mir wünschen, dass die vielen Milliarden Christinnen und Christen auf der Welt dieses Buch ein wenig ernster nehmen würden, mich selbst gar nicht ausgenommen. Ich glaube, das hätte wirklich sozialen Sprengstoff für unsere Gesellschaft. Nicht im Flugzeug, sondern direkt hier unten, auf der Erde.




