Ohne Waffen haben Sie in Mexiko Menschen begleitet, die wegen ihres Einsatzes für Umwelt und Menschenrechte mit dem Leben bedroht werden. Hatten Sie keine Angst um Ihre eigene Sicherheit?
Jonas Laur: Keine Angst, aber Respekt. So ein Einsatz ist nicht ohne Risiko. Peace Brigades International (PBI) begleitet in Mexiko seit mehr als 25 Jahren bedrohte Menschenrechtsverteidiger:innen in Konfliktregionen. In dieser Zeit kam erfreulicherweise von unseren Mitarbeiter:innen und den Menschen, die wir begleiten, niemand zu Schaden.
Obwohl in Mexiko Menschen verschwinden, ermordet werden und ein hohes Maß an Straflosigkeit herrscht?
Laur: Für uns als Organisation gilt das Prinzip der Gewaltfreiheit. Das heißt, wir arbeiten ausschließlich mit Personen zusammen, die ihre Ziele friedlich erreichen wollen. In Mexiko begleiten wir vor allem Engagierte, die aufgrund ihres Einsatzes für Menschenrechte, Umweltschutz oder Gerechtigkeit für Verschwundene bedroht werden. PBI leistet internationale Menschenrechtsbegleitung und baut politischen Druck für den Schutz der Menschenrechte auf. Wir mischen uns dabei nicht in die politischen Ziele der Menschenrechtsverteidiger:innen ein, die wir begleiten. Unser Ziel ist es, zivilgesellschaftliche Handlungsräume trotz Bedrohung offenzuhalten, damit lokale Akteure Konflikte gewaltfrei bearbeiten und ihr Recht, die Menschenrechte zu verteidigen, unter möglichst wenigen Gefahren ausüben können.
Wie setzt das PBI in der Praxis um?
Laur: PBI wird dann aktiv, wenn uns bedrohte Menschenrechtsverteidiger:innen oder lokale Initiativen um Unterstützung bitten. Wir übernehmen daraufhin eine Beobachterrolle. Dadurch wird eine internationale Aufmerksamkeit erzeugt, die vor Ort wie ein Schutzschirm wirkt. PBI wird dann auf drei Ebenen aktiv. Zum einen begleiten unsere internationalen Freiwilligen-Teams gefährdete Personen, wenn sie zum Beispiel zu Versammlungen, Protesten oder Gerichtsterminen gehen. So ein PBI-Team besteht aus zwei Freiwilligen aus verschiedenen Ländern. Mit unseren grünen Westen sind wir als internationale Schutzbegleitung sichtbar. Das schreckt potenzielle Angreifer ab, weil sie internationale Aufmerksamkeit in der Regel scheuen.
Wie wird PBI noch aktiv?
Laur: Die Schutzbegleitung flankieren wir mit Lobby-Arbeit. Vor Ort sucht das PBI-Team gezielt das Gespräch mit staatlichen Akteuren wie der Polizei und nimmt Kontakt mit Behörden auf, die Verantwortung für die Sicherheits- und Menschenrechtssituation tragen. Wir machen auf die Situation aufmerksam und drücken unsere Sorge aus. Wir stellen klar, dass die internationale Gemeinschaft genau die Lage beobachtet. Darüber hinaus veranstalten wir als dritte Säule Sicherheitsworkshops für Menschenrechtsverteidiger:innen.
Um was geht es in solchen Schulungen?
Laur: Wir klären sie über ihre Rechte auf. Gemeinsam mit den Menschenrechtsverteidiger:innen analysieren wir die Bedrohungslage und entwickeln Schutzstrategien. Dazu gehören zum Beispiel abhörsichere Telefone und Einbruchsicherungen. Wir helfen dabei, Evakuierungsrouten oder Telefonketten für Notfälle zu erarbeiten. PBI geht es darum, die Risiken und die Verletzlichkeit der Betroffenen so zu mindern, dass sie ihren friedlichen Kampf für ihre Rechte selbstbestimmt fortführen können.
Die internationale Schutzbegleitung wirkt wie ein Scheinwerfer
Und dieser Mix aus friedlichen Maßnahmen funktioniert in Gebieten, wo Gewalt herrscht? Veranschaulichen Sie das bitte an einem Beispiel.
Laur: Im Bundesstaat Puebla begleiten wir eine indigene Gemeinde, die sich gegen das Abpumpen ihrer Wasservorräte durch einen Großkonzern wehrt. Sie haben einen "Wasser-Rat" gegründet und ein Protest-Camp bei den Pumpstationen des Konzerns erreichtet. Daraufhin wurden die Aktivist:innen gezielt verleumdet, mit Klagen überzogen und bedroht. Kurz vor unserem Einsatz lief zum Beispiel ein bewaffneter Mann durch das Protest-Camp, um die Leute einzuschüchtern. Verbrechen gegen Menschenrechte geschehen meist im Verborgenen. Sobald PBI mit ins Spiel kommt, ist das nicht mehr möglich. Die internationale Schutzbegleitung wirkt wie ein Scheinwerfer.
Wie ist der Scheinwerfer-Vergleich zu verstehen?
Laur: Sobald unsere internationalen Freiwilligen vor Ort Präsenz zeigen, ist der Konflikt um das Wasser nicht auf den Ort begrenzt. Er rückt ins Blickfeld der Weltöffentlichkeit. Der Konzern kann die Rechte der indigenen Gemeinde nicht mehr so einfach missachten oder Menschen mundtot machen. Als internationale Organisation mit 13 Büros in Europa und Nordamerika, der Rückendeckung ausländischer Botschaften und der Präsenz von PBI bei den Vereinten Nationen verleihen wir dem Anliegen der indigenen Gemeinde und ihrer Sicherheitssituation internationales Gewicht. Das erzeugt politischen Druck und gibt den Menschen in Puebla den nötigen Rückhalt, um ihren friedlichen Kampf um Wasser fortzusetzen.
Hatten Sie während ihrem Mexiko-Einsatz ein Erlebnis, das Sie besonders beeindruckt hat?
Laur: Was mich persönlich bewegt hat, war zum Beispiel dieser eine Moment während des Wasser-Protestes in Puebla. Wir standen mit rund 500 Menschen auf dem Dorfplatz, als der lokale Wasser-Rat gegründet wurde. Diese Gemeindeversammlung hat mir eindrucksvoll vor Augen geführt, was wir als PBI-Freiwillige mit unserer gewaltfreien Schutzbegleitung vor Ort bewirken können. Und wie diese internationale Solidarität die indigene Gemeinde in ihrem friedlichen Kampf um Wassergerechtigkeit stärkt und ermutigt. Das war für mich eine unglaublich prägende Erfahrung.
In Mexiko ist PBI seit 2000/2001 aktiv. Laut Amnesty International ist die Menschenrechtslage nach wie vor prekär. Was hat PBI in dem Land letztendlich bewirken können?
Laur: In den vergangenen 25 Jahren haben wir hunderte Menschenrechtsverteidiger:innen, Gemeinschaften und Initiativen in den Bundesstaaten Chihuahua, Guerrero, Oaxaca, Puebla, Morelos, Michoacán, Sonora und in México-Stadt begleitet. Wir waren sichtbar bei unzähligen Protestaktionen, haben in Lobby-Gesprächen auf die Menschenrechtssituation aufmerksam gemacht und eine Vielzahl an Workshops zur Stärkung von Menschenrechtsverteidiger:innen durchgeführt. Aber was Friedensarbeit tatsächlich bewirkt, lässt sich nicht einfach in den Zahlen abbilden.
"Friedensarbeit ist kein kurzfristiges Projekt, sondern braucht Zeit, verlässliche Partnerschaften und stabile Finanzierung."
Sondern?
Laur: Der Erfolg zeigt sich darin, dass bedrohte Menschen weiterleben und ihre friedliche Arbeit fortsetzen können. Ob in Mexiko, Kolumbien, Honduras, Costa Rica, Nicaragua, Guatemala, Nepal oder Kenia: Überall, wo PBI aktiv ist, begleiten wir mutige Aktivist:innen, stärken soziale Bewegungen und verteidigen Menschenrechte. Über die Jahre konnten wir wertvolle Erfahrungen sammeln. Wir entwickeln Konzepte der Friedensarbeit weiter und verfeinern Werkzeuge für Risikoanalysen und Selbstschutz. In Mexiko haben wir zudem über all die Jahre internationale Netzwerke geknüpft und bauen sie zum Schutz der Menschenrechte weiter aus. Internationale Friedensarbeit ist kein kurzfristiges Projekt, sondern braucht Zeit und vor allem langfristige und verlässliche Partnerschaften sowie eine stabile Finanzierung.
Im Sommer sind Sie aus Mexiko zurückgekehrt. Wie wirkt diese Erfahrung bei Ihnen nach?
Laur: Nach der Uni war es mir wichtig, nach der vielen Theorie praktische Erfahrungen in der Friedens- und Menschenrechtsarbeit zu sammeln. Ich wollte von sozialen Bewegungen und Aktivist:innen lernen, wie es ist, wenn Menschen sich trotz Gefahren für Menschenrechte einsetzen und dabei selbst einen solidarischen Beitrag leisten. Daher war das Jahr in Mexiko mit einer 50- bis 60-Stunden-Woche in einem internationalen Team eine wichtige Erfahrung. Ich finde es wichtig, dass kein Mensch beim Einsatz für die eigenen Menschenrechte Angst vor Gewalt haben muss. Es besorgt mich, dass durch den erstarkten Rechtsextremismus und der zunehmenden Spaltung der Gesellschaft auch in Europa der Handlungsraum für Engagierte kleiner wird.
Woran machen Sie das fest?
Laur: Gelder für Zivilgesellschaft und Klimaschutz werden gekürzt, der Druck auf Initiativen, die sich für Demokratieförderung einsetzen, wird größer. Meine Zeit in Mexiko hat mir gezeigt, wie wichtig eine aktive Zivilgesellschaft für den demokratischen Zusammenhalt ist. Dort finanziell zu kürzen ist sehr schlecht für die innere Friedensfähigkeit einer Gesellschaft. Und ich habe erlebt, dass sich der gewaltfreie Einsatz lohnt, damit Menschenrechte eben nicht nur auf dem Papier stehen, sondern im Alltag von Menschen geschützt werden. Das gibt mir Kraft, mich auch hier weiter für Frieden und Gerechtigkeit zu engagieren.
Peace Brigades International (PBI) schützt Menschenrechte
Peace Brigades International (PBI) ist eine 1981 gegründete internationale Friedensorganisation. Sie schützt Menschen, die wegen ihres gewaltfreien Einsatzes für Grundrechte, Umwelt und Gerechtigkeit bedroht werden. Zentral für die Arbeitsweise von PBI ist die unbewaffnete internationale Schutzbegleitung vor Ort. Teams von Freiwilligen aus verschiedenen Ländern begleiten gefährdete Personen im Alltag, bei Protesten oder Gerichtsterminen. Rückendeckung bietet ein globales Netzwerk aus 13 Ländergruppen in Europa und Nordamerika, direkte diplomatische Kontakte sowie ein Beraterstatus beim Wirtschafts- und Sozialrat der Vereinten Nationen (ECOSOC). In Mexiko ist PBI seit 2001 im Einsatz und schützt unter anderem Aktivist:innen beim friedlichen Kampf um Wasser- und Landrechte sowie Angehörige auf der Suche nach Verschwundenen.




