Die fehlende Vereinbarkeit von Angehörigen-Pflege und Beruf führt laut einer Prognose der Bertelsmann Stiftung zu einem erheblichen Verlust von sogenanntem Erwerbsvolumen. Der Trend, dass Fachkräfte mit Berufserfahrung dem Arbeitsmarkt entzogen und persönliche berufliche Perspektiven nicht weiter verfolgt werden können, dürfte in den kommenden Jahren weiter steigen, erklärt die Stiftung.
Rund sechs Millionen Menschen in Deutschland seien pflegebedürftig, drei Viertel von ihnen würden von Angehörigen zu Hause betreut, erläutert die Stiftung. Das bedeute mit Blick auf das Jahr 2023, dass 4,6 Millionen Menschen und damit 8,7 Prozent der Personen im Erwerbsalter Pflege von Angehörigen leisten.
Der demografische Wandel verschärfe diesen Vereinbarkeitskonflikt. In knapp zwanzig Jahren dürften demnach 13,3 Prozent der Bevölkerung im Erwerbsalter Angehörige pflegen.
Pflegebedingter Erwerbsverlust steigt
Für das Jahr 2026 beziffert die Berechnung von Bertelsmann und Prognos AG die mit der Angehörigenpflege verbundenen Einschränkungen der Erwerbstätigkeit auf rechnerisch 184.000 Vollzeitstellen. Bis 2045 könnte dieser Wert auf 229.000 steigen. Das wäre ein Zuwachs von knapp 25 Prozent. Frauen stellten derzeit mit zwei Dritteln (63 Prozent) den größten Anteil der Pflegenden dar, heißt es.
Im Jahr 2045 könnten rund 580.000 Frauen deswegen weniger oder gar nicht erwerbstätig sein. Das entspreche drei Viertel des gesamten Verlusts an Erwerbsvolumen und einem Umfang von 173.000 Vollzeitäquivalenten. Der wachsende Pflegebedarf dürfe nicht mit Rückschritten bei der Gleichstellung einhergehen, mahnt Alexandra Hermann, Arbeitsmarktexpertin der Stiftung.
Bessere politische Rahmensetzung, mehr Unterstützung von Unternehmen
Politik und Unternehmen sollten die informelle Pflege stärker in den Blick nehmen, forderten die Arbeitsmarktexperten. Neben dem im Koalitionsvertrag angekündigten Familienpflegegeld sollte der Zugang zu Tages- und Kurzzeitpflege erleichtert werden.
Grundlage für die Analyse ist nach Angaben der Stiftung eine quantitative Datenauswertung des Sozio-oekonomischen Panel (SOEP) und des Statistischen Bundesamts sowie eine qualitative Auswertung empirischer Literatur. Die Bestandsanalyse bezieht sich auf das Jahr 2023, die Angaben für 2026 und 2045 beruhen auf Modellrechnungen.




