Buchtipps aus dem Gastland der Frankfurter Buchmesse

Eine Frau blättert auf der Frankfurter Buchmesse am Gemeinschaftsstand von Tschechien in einem Buch.
Arne Dedert/dpa
Tschechien ist Ehrengast der kommenden Frankfurter Buchmesse unter dem Motto "Ein Land an der Küste".
Tschechien neu entdecken
Buchtipps aus dem Gastland der Frankfurter Buchmesse
Vom 7. - 11. Oktober zieht es Buchliebhaber:innen nach Frankfurt. Grund genug, einen Blick auf die Literatur des Gastlandes zu werfen: Tschechien ist dieses Jahr der Ehrengast der Buchmesse und das Ev. Literaturportal empfiehlt diese Woche Romane und eine Graphic Novel aus unserem Nachbarland, neue Blickwinkel auf das heutige Tschechien garantiert.

Heartcore

Graphic Novel über Liebe, Bindungsmuster, Gewalterfahrungen und Wege des Umgangs einer jungen Frau. 

Štěpánka Jislovás Graphic Novel beschäftigt sich mit einem zentralen Thema unserer Zeit: mit welchen Rollenbildern, Kategorisierungen und Erwartungszuschreibungen wachsen Menschen auf und welche Ausgänge können die gesellschaftlich erlernten Muster nehmen. Wir begleiten die Ich-Erzählerin auf ihrer Reise durch die eigene Lerngeschichte, die sie Schritt für Schritt aufklappt und mit uns ihre Entdeckungen teilt. Wir lernen die Entstehung von Bindungsmustern und Traumafolgeerscheinungen kennen, werden an das Decken struktureller Gewalt auf allen Ebenen erinnert, und dürfen aus zwei augenscheinlich entgegengesetzten Perspektiven das Gefangensein in, den Widerstand gegen und das Ausbrechen aus einer starr-binären Struktur erleben.

Eine mutige, poetisch gestaltete, kluge und vielschichtige Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte und einer der Kernfragen des Lebens: Wie geht Liebe? Und wie schreiben wir darüber? Inklusive einer bereichernd kritischen Betrachtung des Konzepts Autofiktion. 

Für alle, die sich fragen, wie Liebe nach Gewalt geht; wie ein Weg der inneren Auseinandersetzung mit den eigenen Lebensthemen aussehen könnte. Jule Zemke 

Jislová, Štěpánka: Heartcore. Štěpánka Jislová. Dt. von Julia Miesenböck. Berlin: Voland & Quist 2026. O. Pag. : überw. Ill. ; 24 cm. Aus d. Tschech. ISBN 978-3-86391-440-0, geb.: 26,00 €

Ida

Bauer František verweigert sich der Kollektivierung im Tschechien der 1950er. Die geächtete Ida wird seine Stütze.

Weil Bauer František sich in den 1950er-Jahren gegen die Zwangskollektivierung auf dem tschechischen Land wehrt, wird er von der politischen Führung drangsaliert. Auch die Dorfgemeinschaft, die bereits vor den neuen Verhältnissen kapituliert hat, macht mit. Für die schwere Feldarbeit wird František jede Hilfe verweigert; stattdessen teilt man ihm die zarte 29-jährige Ida zu. Sie allerdings arbeitet für zwei, haucht Haus und Hof neues Leben ein und schenkt František und seinem noch jungen Sohn ein Stück Zuversicht.

Das schmale Büchlein aus Tschechien dürfte auf der Frankfurter Buchmesse 2026, deren Ehrengast Tschechien ist, Beachtung finden. Die Autorin verzichtet in der wörtlichen Rede auf Interpunktion und verleiht nicht nur damit dem Text einen ganz eigenen Rhythmus. Jedes Wort sitzt, jede Begebenheit hinterlässt Eindruck seien es Idas Schläge im Wirtshaus oder die harte Plackerei bei der Ernte.

Eine belastende Lektüre, die mit großer sprachlicher und menschlicher Kraft erzählt. Martina Mattes 

Černohorská, Helena: Ida. Roman. Helena Černohorská. Dt. von Kristina Kallert. Göttingen: Weidle 2026. 112 S. ; 21 cm. Aus d. Tschech. ISBN 978-3-8353-7603-8, geb.: 18,00 €

Der Drache auf dem Feldweg

Wenn Lebenslinien und Veränderungsprozesse sich begegnen.

Was will ich mit meinem Leben anfangen? Wofür will ich mich einsetzen und kämpfen? Das sind in etwa die Kernfragen der Protagonist:innen in diesem Roman.

Krystina, die Musiklehrerin ist, kehrt nach Jahren aus Prag in ihre Heimat zurück. Dort unterrichtet sie einen Kinderchor und geht eine Beziehung mit dem viel älteren Tomás ein. Der ist Direktor einer Landwirtschaftskooperative und kämpft einen ganz anderen Kampf. Investoren kaufen die Anteile der Aktionäre zu horrenden Preisen auf, um die Kooperative zu zerschlagen. Es geht um mehr als um Kapital. Es geht um die eigene Vergangenheit, den Glauben, es auch selbst schaffen zu können, und die Frage, ob Geld haltbarer ist als Grund und Boden.
Alle Figuren suchen nach den Werten ihres Lebens. Bewältigen ihre Vergangenheit und Gegenwart, erleben Enttäuschungen, verletzen einander, verzweifeln und versuchen, mit sich und den anderen ihren Frieden zu machen.

Ein Roman in den Zeiten der Transformation, der offenbart, dass Umwelt und Person sich gleichzeitig verändern. Für Lesekreise, Empfehlung für Lebenskrisen, Selbstanalyse in Gemeinden und Organisationen. Dirk Purz 

Hájícek, Jiří: Der Drache auf dem Feldweg. Roman. Jiří Hájícek. Dt. von Kristina Kallert. Düsseldorf: Karl Rauch 2026. 240 S. ; 20 cm. Aus d. Tschech. ISBN 978-3-7920-0245-2, geb.: 26,00 €

Wo die Toten sprechen

Ein Roadtrip zu Gräbern von Literaturschaffenden.

Die Grabstätten von verehrten Autorinnen und Autoren zu besuchen, ist kein bizarres Hobby. Wenn sich aber ein morbides Trio für eine Reise zusammenfindet, das sogar auf den Friedhöfen schläft und mit den Toten kommuniziert, wird es absonderlich. Miss Detroit aus Berlin, die Fahrerin des Autos (ein Sarg genannter Saab), trifft auf einem Bayreuther Friedhof mit Lorenzo aus Wien einen manischer Literaturliebhaber, der sogar Bücher aufisst und bereits im Gefängnis saß. Auf einem Friedhof in Venedig stößt Caspar aus Tschechien zu ihnen. Gemeinsam fahren sie nach Berlin zurück und sprechen über (fast nur männliche) Dichter und besuchen einige Gräber. 

Der tschechische Autor hat das Werk auf Deutsch in leichtfüßigem Stil verfasst. Es ist aber inhaltlich nicht immer durchsichtig, denn er liebt es, abzuschweifen und zu verklausulieren. Neben der schlaglichtartigen Literaturvermittlung schlägt er auch einen Bogen von der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft zu den Neonazis der Gegenwart.

Für ein gegenüber skurrilen Stories aufgeschlossenes Lesepublikum. Tobias Behnen 

Rudiš, Jaroslav: Wo die Toten sprechen. Roman. Jaroslav Rudiš. München: Luchterhand 2026. 234 S. ; 22 cm. ISBN 978-3-630-87739-6, geb.: 24,00 €

 

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