"Fürchte dich nicht, denn ich bin mit dir; hab keine Angst, denn ich bin dein Gott!" Die Jahreslosung für 2027 klingt wie eine Aufforderung, keine Angst zu haben. Doch der Vers aus Jesaja 41 verspricht kein angstfreies Leben. Der Alttestamentler Egbert Ballhorn liest die Losung als Zusage einer Beziehung, die auch dann trägt, wenn die Angst bleibt.
"Haben Sie denn nie Angst gehabt?", fragte eine Studentin während einer Exkursion in Prag die Theologin Mireia Ryšková. "Doch, jeden Tag hatte ich Angst, dass wir entdeckt werden. Man kam dafür ins Gefängnis", antwortete Ryšková. Die Tschechin und ihr Landsmann Pater Libor Ovečka haben während der kommunistischen Herrschaft heimlich Theologie studiert und sich in der Untergrundkirche engagiert. Die Staatssicherheit überwachte beide. "Das sind bemerkenswerte Menschen. Die beiden strahlten eine Freude, eine Lebendigkeit und eine Wärme aus, dass es mich jetzt noch ergreift, wenn ich davon erzähle", erinnert sich der Alttestamentler Egbert Ballhorn an die besondere Begegnung in Prag. "Da finde ich, jetzt im Rückblick: Die beiden haben die Aussage der Jahreslosung gelebt."
"Fürchte dich nicht, denn ich bin mit dir; hab keine Angst, denn ich bin dein Gott!" (Jesaja 41,10; Einheitsübersetzung), so lautet die Jahreslosung für das Jahr 2027. Ausgewählt hat sie die Ökumenische Arbeitsgemeinschaft für Bibellesen, in der evangelische, katholische und freikirchliche Werke und Verbände zusammenarbeiten. Egbert Ballhorn hat als Vorsitzender des katholischen Bibelwerks das Vorwort für den Bibelleseplan 2027 geschrieben und dabei intensiv über den Vers aus dem Jesajabuch nachgedacht.
Die Verse der Jahreslosung sind in Form eines "Parallelismus membrorum" verfasst, wie in der hebräischen Poesie üblich. "Das Besondere daran ist, dass die beiden Vershälften nicht genau das Gleiche aussagen, sondern etwas Ähnliches", erklärt Egbert Ballhorn. "So, wie ich mit einem Auge eindimensional sehe, sehe ich mit zwei Augen zweidimensional, räumlich. Durch diese Parallelität der Vershälften entsteht ein Interpretationsraum und ein Lebensraum. So funktioniert hebräische Poesie."
Angst zu haben, ist ganz normal
Der Text richtet sich zunächst an das bedrängte Gottesvolk Israel. Doch auch einzelne Menschen können sich von dem "Du" angesprochen fühlen. "Gerade das macht mir diesen Vers so kostbar", sagt Ballhorn. Auch in Berufungsgeschichten spielt diese Zusage eine wichtige Rolle: "Gott ergreift einen Menschen und sagt: ‚Du hast eine neue Aufgabe.‘ Dann sagt er: ‚Fürchte dich nicht.‘ Dieses ‚Fürchte-Dich-Nicht‘ kommt oft vor als feste Formel im Kontext der prophetischen Berufung." Die Angst vor der Aufgabe verschwindet damit nicht. "Der spannende Punkt ist, dass derjenige, der von Gott berufen wird, in der Bibel eigentlich immer sagen muss: ‚Ich kann das gar nicht. Ich traue mich nicht. Ich kann nicht gut reden. Ich bin zu jung.‘" Angst zu haben, ist ganz normal.
Angst gehört auch für viele Menschen heute zum Leben. In der repräsentativen R+V-Studie "Die Ängste der Deutschen" nannten 2025 jeweils etwa die Hälfte der Befragten steigende Lebenshaltungskosten, Steuererhöhungen oder Leistungskürzungen und unbezahlbaren Wohnraum als große Sorgen. 41 Prozent fürchteten einen Krieg mit deutscher Beteiligung, 36 Prozent den Klimawandel. Bei jungen Menschen stehen Krieg und Klimawandel noch stärker im Vordergrund: In der Shell Jugendstudie 2024 hatten 81 Prozent der 12- bis 25-Jährigen Angst vor einem Krieg in Europa, 63 Prozent vor dem Klimawandel. Angst kann auch zu einer erheblichen psychischen Belastung werden: Nach einer Studie des Robert Koch-Instituts zeigten 2024 rund 14 Prozent der Erwachsenen in Deutschland eine auffällige Angstsymptomatik.
"Dass wir in der Lage sind, Furcht und Angst zu empfinden, gehört zu unserem Menschsein dazu", sagt Egbert Ballhorn. "Dieses Empfinden hält uns ja am Leben. Denn es lässt uns schwierige Situationen erkennen, ihnen aus dem Weg gehen oder sie meistern." Der springende Punkt in Bezug auf die Jahreslosung für 2027 ist: "Der Text lässt mich anders mit der Angst umgehen. Im Grunde ist die wichtige Aussage ja nicht ‚Fürchte dich nicht‘, sondern ‚Ich bin bei dir.‘ Damit bekommt alles andere ein anderes Gewicht."
Der jeweils zweite Teil der beiden Verszeilen besteht aus einem sogenannten Nominalsatz, der kein Verb enthält. "Eigentlich heißt es ‚Ich – mit dir, ich – dein Gott‘. Das ist im Grunde ein Mantra." Wer diesen Vers ins neue Jahr mitnimmt, kann sich selbst immer wieder die Nähe und Begleitung Gottes zusagen. "Gott ist nicht dafür da, meinen Alltag gemütlich zu machen", sagt Egbert Ballhorn. "Aber an der entscheidenden Stelle meines Lebens ist er da, um mir das eine entscheidende Wort zu sagen: ‚Fürchte dich nicht, ich bin bei dir.‘ Die Begleitung Gottes ist das, was unumstößlich ist." Egbert Ballhorn vergleicht die Beziehung zwischen Mensch und Gott mit der zwischen Kind und Eltern: "Wenn das Kind schreit, sich verletzt hat oder schlecht geträumt hat und dann hört: ‚Ich bin ja da.‘ Trotzdem tut es vielleicht noch weh, aber dass Mama da ist, dass Papa da ist, das lässt das alles überwinden."
Losung gibt Zuversicht
Auch Jugendliche und Erwachsene brauchen diesen Trost, diese Gewissheit. "Wir Menschen können versuchen, einander dieses Wort zu sagen: ‚Ich bin bei dir‘ – in dem Vertrauen, dass unsere kleine Kraft durch eine größere Kraft getragen wird." Wer weiß, wie oft Mireia Ryšková und Libor Ovečka einander die Nähe Gottes zugesagt haben, als sie im Untergrund Theologie studierten und heimlich predigten – immer mit der Angst, entdeckt zu werden. "Die Jahreslosung macht nicht angstfrei", fasst Egbert Ballhorn zusammen, "aber sie gibt Mut und Zuversicht." Das Nachdenken über die Jahreslosung hat dem Alttestamentler sichtlich Freude bereitet. "So ist für mich Bibel", sagt er. "Da ist alles drin. Und in den Räumen zwischen diesen Worten findet unser ganzes Leben statt."
Zur Person:
Egbert Ballhorn, geboren 1967, ist seit 2012 Professor für Exegese und Theologie des Alten Testaments an der TU Dortmund. Er studierte katholische Theologie in Bonn und absolvierte 1990/91 ein theologisches Studienjahr in Jerusalem. Von 2002 bis 2012 war er Lehrbeauftragter für Hebräisch an der Universität Osnabrück und Dozent für biblische Theologie im Bistum Hildesheim. Seit 2019 ist er Vorstandsvorsitzender des Katholischen Bibelwerks e. V. Er ist Herausgeber des Buches "42 große Wörter. Schlüssel zur Botschaft der Bibel".




