TV-Tipp: "Tatort: Explosive Mischung"

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4. Oktober, ARD, 20.15 Uhr
TV-Tipp: "Tatort: Explosive Mischung"
Ein gesprengter Geldautomat, ein toter Täter und eine eskalierende Geiselnahme: Im Ludwigshafen-"Tatort" "Explosive Mischung" gerät die Polizei selbst unter Druck. Der Fall wird in Echtzeit erzählt.

Vor fünfzig Jahren ist John Carpenters zweiter Spielfilm in die Kinos gekommen. Die Handlung von "Assault – Anschlag bei Nacht" mündet nach einigem Hin und Her in eine Belagerung: Eine Jugendbande versucht, ein Polizeirevier zu stürmen. Martin Eigler (Jahrgang 1964), gefragter Krimi-Regisseur und Schöpfer unter anderem der ZDF-Reihe "Stralsund", kennt Carpenters Action-Thriller garantiert, zumal sein "Tatort" aus Ludwigshafen einige Parallelen zeigt.

Die Prämisse von "Explosive Mischung" ist allerdings eine andere: Diesmal kommt die Bedrohung von innen. Nicht minder reizvoll ist die Idee, den Film in Echtzeit zu erzählen: Er beginnt mit dem Schluss. Polizeidirektor Breising (Bernd Hölscher) liegt schwerverletzt auf einer Trage, hat aber noch genug Kraft, um sein Licht unter dem Scheffel hervorzuholen: Er habe sein Leben riskiert, um andere zu retten. Nun erscheint bildschirmfüllend eine Uhrzeit: 21.41 Uhr. Dann läuft die Uhr rückwärts bis 20.16 Uhr. Es ist Sonntag, der 4. Oktober; nicht mehr als eine Spielerei, aber immerhin originell.

Was nun folgt, ist allerdings erst mal Krimi-Business "as usual". In einem problematischen Stadtviertel sind einige Knallkörper detoniert, mutmaßlich Ablenkungsmanöver, denn die fetteste Explosion gab es im Vorraum einer Bank: Dort ist ein Geldautomat gesprengt worden. Einer der Täter ist dabei ums Leben gekommen, sein Komplize ist mit einem Teil der Beute geflohen.

Ein Detail passt jedoch nicht ins Bild, denn der Tod des Ganoven war offenbar kein Unfall: Jemand hat verhindert, dass er die Bank rechtzeitig verlassen konnte. Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) braucht nicht lange, um einen passenden Verdächtigen zu finden, und jetzt widmet sich Eigler (Buch und Regie) einem ganz anderen Thema.

Ulf Meisner (Christian Schneeweiß) ist vermutlich einer jener Typen, an die Jette Nietzard dachte, als sie, damals noch Vorsitzende der Grünen Jugend, Anfang Januar 2025 auf der Plattform X mit einem Beitrag über Silvesteropfer für erhebliche Empörung sorgte: "Männer, die ihre Hand beim Böllern verlieren, können zumindest keine Frauen mehr schlagen." Der arbeitslose Meisner passt perfekt in dieses Bild: Als ihn seine Frau Isa (Hannah Ehrlichmann) auffordert, er solle seine Zeit auch mal dem gemeinsamen Kind widmen, schlägt er ihr mit der Faust ins Gesicht. In der Wohnung hat er versteckte Kameras installiert, um Isa rund um die Uhr überwachen zu können.

Später wird es zu einer weiteren Eskalation kommen. Verbittert stellt Rechtsmediziner Özcan (Kailas Mahadevan) anschließend fest: "Jeden zweiten Tag bringt ein Partner seine Frau um"; einer jener typischen Sätze, mit denen Sonntagskrimis gern zur Volkshochschule der Nation werden. Der Arzt spricht mit Odenthal, aber seine Worte richten sich natürlich ans Publikum. Krimifans wissen jedoch längst Bescheid, weil diese Information in Filmen dieser Art regelmäßig mitgeteilt wird.

Das ist aber auch der einzige Moment, in dem der "Tatort" kurz aus dem Rahmen fällt, zumal sich die allgemeine Gemengelage zunehmend zuspitzt. Weil auch die beiden jungen Teammitglieder mitmischen, landen am Ende alle Beteiligten im Polizeipräsidium, einige allerdings als Geisel: Nico Langenkamp (Johannes Scheidweiler) hat früher einen Jugendclub geleitet, mischt sich unter die Gang, die das Viertel aufmischt, wird jedoch enttarnt und von den Jugendlichen gezwungen, ihnen Zugang zum Präsidium zu verschaffen.

Meisner wiederum will sich an Odenthal rächen, weil er glaubt, sie habe Isa gegen ihn aufgehetzt, und verschanzt sich mit Johanna Stern (Lisa Bitter) und der jungen Kollegin Mara Herrmann (Davina Chanel Fox) in den Räumen der Rechtsmedizin. Als schließlich auch noch ein SEK und die Feuerwehr anrücken, ist das Chaos komplett. Dass ausgerechnet Breising, im letzten "Tatort" aus Ludwigshafen ("Sashimi Spezial", 2026) mehr Gegen- als Mitspieler, zum Helden des Tages wird, ist eine höchst ironische Pointe.

Gedreht wurde ausschließlich in der Dunkelheit, wenn auch nicht nur nachts, weil der Film im November entstanden ist. Eigler und Kameramann Andreas Schäfauer haben trotzdem für zusätzliche Düsternis gesorgt: Die Büroräume sind nur spärlich beleuchtet, Szenen- und Kostümbild setzen keinerlei Farbtupfer. Gelegentlich scheinbar zufällig erfasste Uhrzeiten erinnern an den Echtzeitcharakter.

Interessant ist auch die Musik (Oliver Kranz), die es sich leisten kann, auf typische Thriller-Akzente zu verzichten und zwischenzeitlich auch bloß aus einem mehrfach wiederholten Akkord besteht: weil die Handlung auch so ziemlich spannend ist.