TV-Tipp: "Der Richter"

16.4., ZDF, 20.15: "Der Richter"

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Einer der gesellschaftspolitisch wichtigsten Berufe in einer Demokratie, heißt es im begleitenden Material zu diesem Film, spiele in den deutschen Fiction-Produktionen der letzten Jahre kaum eine Rolle: der Richter. Und damit auf Anhieb klar wird, dass das ZDF den Missstand nun beendet, hat die Fernsehfilmredaktion auf die sonst üblichen Montagsfilm-Reizwörter verzichtet und dem Krimidrama, das sich schließlich zum Thriller wandelt, einen ganz einfachen Titel gegeben: "Der Richter".

Die Titelfigur lädt allerdings nur deshalb zur Identifikation ein, weil Heino Ferch sie verkörpert: Joachim Glahn mag seine beruflichen Meriten haben, aber privat ist er allenfalls bedingt sympathisch; und das keineswegs bloß, weil er seine Frau (Gesine Cukrowski) mit der attraktiven Rechtsmedizinerin Michaela (Victoria Sordo, die umwerfende Hauptdarstellerin auf Dominik Grafs Gurlitt-Film "Am Abend aller Tage") betrügt. Der Druck, den er auf seine Jura studierende Tochter Luise (Elisa Schlott) ausübt, ist derart groß, dass die junge Frau ihr Dasein nur noch mit Hilfe von Kokain aushält. Fachlich aber ist Glahn, Vorsitzender Richter am Berliner Landgericht, einer der Besten, und deshalb ahnt er, dass der Angeklagte eines aktuellen Mordprozesses ein Bauernopfer ist. Letztlich geht es um Betrug in großem Stil: Ein Gutachter erklärt Grundstücke für verseucht, sodass ein cleverer Geschäftsmann (André Jung) sie zu einem Spottpreis zu erwerben kann.


Diesen Hintergrund gibt das etwas zu sehr auf Undurchschaubarkeit angelegte Drehbuch (Marija Erceg) jedoch erst nach und nach Preis. Der Film beginnt ganz anders: Der bewaffnete Glahn bedroht einen Mann, der um Gnade fleht; der Richter ist offenbar bereit, sein wehrloses Opfer in der Tat zu erschießen. Der in kalten Farben gefilmte Auftakt soll für einen Cliffhanger-Effekt sorgen, wie er aktuell für viele Thriller und Krimis typisch ist, denn anschließend wird achtzig Minuten lang erzählt, wie es zu dieser Szene kommen konnte. Glahns Opfer, Holger Wieland (Wolfram Koch), hat angeblich den Gutachter ermordet, und steht nun vor Gericht. Der Richter streitet sich ein bisschen mit Wielands Verteidiger, den Francis Fulton-Smith mit viel Süffisanz verkörpert, und würde sich seine Mittagspause gern mit der deutlich jüngeren Michaela vertreiben, aber ein Notruf seiner Frau beordert ihn zur Wohnung seiner Mutter: Gisela Glahn (Marie Anne Fliegel) randaliert mal wieder. Dann taucht auch noch Tochter Luise auf, deren Freund (Sebastian Hülk) vom Richter argwöhnisch beäugt wird, und das zu Recht, denn dieser Maik – mit "ai", wie Glahn arrogant feststellt – wird Luise später entführen.


Regisseur Markus Imboden hat eine ganze Reihe wunderbarer Filme mit Hinnerk Schönemann nach Drehbüchern von Holger Karsten Schmidt gedreht; für "Mörder auf Amrum" gab's den Grimme-Preis. Diese Filme waren allesamt eine gelungene Kombination aus schwarzem Humor und viel Spannung. Bei "Der Richter" schwebte Imboden vermutlich ebenfalls eine Mischung vor, diesmal allerdings aus Krimi und Ehedrama, was jedoch nicht funktioniert, denn die Dramenebene ist nicht tiefgründig und berührend genug. Außerdem sind die Familienszenen nicht gut gespielt und gehören zu den schwächsten des Films. Völlig unglaubwürdig ist zudem die verblüffende Wandlung der Mutter: Marie Anne Fliegel verkörpert sie zunächst als laute, vulgäre und in jeder Hinsicht abgewrackte Alkoholikerin, die bedauert, ihren Sohn als Baby nicht "in die Tonne" geworfen zu haben; mit boshaften Figuren dieser Art kennt sich die Schauspielerin etwa dank der ARD-Reihe "Eifelpraxis" gut aus. Aus unerfindlichen Gründen aber ist die Frau plötzlich geläutert und sorgt mit sanfter Stimme für familiären Frieden. Auch sonst überzeugen die Auseinandersetzungen nur selten, weil es wenige Zwischentöne gibt; für den von Cukrowski in erster Linie lautstark geführten Ehekrach sind Imboden bloß die üblichen Fernsehfilmklischees eingefallen. Und während sich Ferch und Fulton-Smith vor Gericht immerhin ein paar gut geschriebene und gespielte Dialogduelle liefern dürfen, kommt das Bedrohungspotenzial bei Glahns Konfrontation mit seinem eigentlichen Kontrahenten nicht zur Entfaltung, weil André Jung den Drahtzieher wie eine eitle Bühnenfigur verkörpert. Natürlich spitzt sich die Geschichte zu, als die Verbrecher Glahn mit der Entführung seiner Tochter erpressen wollen und sich der Richter auf ein gewagtes Doppelspiel einlässt, aber selbst jetzt ist der Film bei weitem nicht so spannend, wie er sein könnte und sollte. Auch die Bildgestaltung durch Kameramann Martin Farkas ist längst nicht so interessant wie kürzlich in Imbodens und Farkas' Oster-"Tatort" des SWR ("Zeit der Frösche"), der sich wegen der vielen Lichtinseln durch eine ganz spezielle Ästhetik auszeichnete.


Und so lebt das Krimidrama vor allem von Heino Ferch, was in den meisten Fällen genügen würde; diesmal aber nicht. Außerdem spielt er diese Rolle nicht zum ersten Mal, und auch deshalb ist die eingangs zitierte ZDF-Behauptung, es gäbe keine Richter-Filme, nur die halbe Wahrheit. Gemessen an der Häufigkeit von Polizisten, Ärzten und Anwälten mag die Beobachtung stimmen, aber es hat durchaus Dramen und Krimis gegeben, deren zentrale Rollen Richter waren. Ferch selbst hat in der ausgezeichneten "Helen Dorn"-Episode "Gnadenlos" einen Jugendrichter verkörpert, den er mit einer fast identischen Aura aus Melancholie und Einsamkeit versehen hat.

 

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