TV-Tipp: "Nacht über Berlin" (3sat)

13.3., 3sat, 20.15 Uhr
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Foto: Getty Images/iStockphoto/vicnt

Es hat sich schon immer ausgezahlt, historische Ereignisse emotional zu verpacken. Das führt mitunter so weit, dass die Liebesgeschichte die Historie fast bis zur Unkenntlichkeit in den Hintergrund drängt.

Wenn einer weiß, wie man eine kluge Balance aus persönlichem Schicksal und authentischer Rahmenhandlung herstellt, dann ist das Friedemann Fromm. Mit dem Dreiteiler "Die Wölfe", dem Einzelstück "Jenseits der Mauer" und schließlich der Serie "Weissensee" hat er drei herausragende Werke inszeniert, die Zeitgeschichte anhand individueller Lebensläufe erzählt. Im Unterschied zu vielen Filmen über den Nationalsozialismus ist "Nacht über Berlin" mit dem Ende der Weimarer Republik zudem einer Phase gewidmet, die bislang eher selten als Hintergrund für historische Stoffe diente. Kein Wunder, dass sich der Vergleich zu "Carbaret" aufdrängt: Auch das von Bob Fosse verfilmte Musical schildert diesen Tanz auf dem Vulkan kurz vor der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten.

Mit großem Geschick versieht das von Fromm gemeinsam mit Rainer Berg ("Die Gustloff") verfasste Drehbuch die Hauptfiguren der Geschichte zwar mit prototypischen Eigenschaften, vermeidet aber trotzdem jede Klischeehaftigkeit. Die Nachtclubsängerin Henny, Tochter aus vermögendem Haus, und der Arzt Albert Goldmann, ein nichtreligiöser Jude und für die SPD Mitglied des Reichstags, lernen sich im Sommer 1932 eher zufällig kennen. Während er sich heldenhaft, aber mit friedlichen Mitteln für den Erhalt der gefährdeten Demokratie einsetzt, will sich Henny lieber aus allem raushalten. Sie sieht ihr Ballhaus, das sie schließlich von seinem emigrierenden Besitzer (Jürgen Tarrach) übernimmt, als Refugium; die Politik soll draußen bleiben. Aber wenn die Welt aus den Fugen gerät, kann man nicht so tun, als ginge einen das nichts an.

Dankenswerterweise durfte Fromm das ansonsten obligate Fernsehfilmformat sprengen. Selbst mit 108 Minuten ist "Nacht über Berlin" dank einer enormen Handlungsdichte nicht einen Augenblick zu lang. Abgesehen davon würde man Anna Loos und Jan Josef Liefers problemlos eine weitere Stunde zuschauen. Das Ehepaar verleiht dieser unmöglichen Beziehung eine Tiefe von großer Intensität. Und dennoch ist das Drama kein Liebesfilm, zumindest nicht in erster Linie. Das verhindert schon die historische Einordnung: Die Erstausstrahlung des Films erfolgte vor fünf Jahren anlässlich des achtzigsten Jahrestags des Reichstagsbrands (27./28. Februar), der den Nationalsozialisten als Vorwand diente, die Grundrechte der Weimarer Verfassung außer Kraft zu setzen. Da die bis heute nicht restlos aufgeklärte Brandstiftung der Höhepunkt des Films ist, müssen Fromm und Berg Stellung beziehen, was die Täterschaft angeht, tun dies allerdings vergleichsweise subtil. Ohnehin hat der Regisseur einen angenehm beiläufigen Weg gefunden, den historischen Kontext in Szene zu setzen. Wenn nicht gerade das Liebespaar im Zentrum steht, ist die Atmosphäre des Films durch die ständigen Straßenschlachten zwischen Nationalsozialisten und Kommunisten zwar von einer erschreckenden Aggression geprägt, aber die Prügeleien finden meist am Bildrand statt. Weil auch Goldmanns Bruder Edwin (Franz Dinda) zu den radikalen Linken gehört, wird der Arzt immer wieder in die politischen Auseinandersetzungen hineingezogen. Gegenstück zum militanten Edwin ist auf Hennys Seite ein Karrierist (Sven Lehmann), der die politische Umwälzung skrupellos nutzt, zum Profit zu machen.

Das Szenenbild worden (Lothar Holler, Joris Hammann), in deutschen Produktionen dieser Art ohnehin meist vorbildlich, ist diesmal sichtlich mit besonderer Hingabe betrieben worden. Allein die Anzahl der über 2.000 eingesetzten Komparsen verdeutlicht den Aufwand des Films. Auch dies aber stellt Fromm nie in den Vordergrund. Abgerundet wird die herausragende Qualität des Werks durch die Arbeit von Kameramann Jo Heim: Das Licht des Films ist pure Kunst.

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