TV-Tipp: "Tatort: Tollwut" (ARD)

4.2., ARD, 20.15 Uhr: "Tatort: Tollwut"
Auch Krimihelden erlangen ihre wahre Größe nicht zuletzt durch das Format ihrer Gegenspieler; was wäre Sherlock Holmes ohne Professor Moriarty. Der erbittertste Gegner des ruppigen Hauptkommissars Peter Faber ist zwar er selbst, aber das größte Ungemach hat ihm Markus Graf angetan, jener Mann, den Faber für den Mörder seiner Frau und seiner Tochter hält. Diese Untat und der daraus resultierende Zorn des Polizisten haben vor Jahren die ersten drei Episoden des "Tatort" aus Dortmund geprägt, aber zur direkten Konfrontation kam es erst im vierten Film, "Auf ewig Dein" (2014). Nun hat Jürgen Werner, der Schöpfer des Dortmunder Quartetts, die Figur gewissermaßen reaktiviert.

Mit dem vielfach ausgezeichneten Regisseur Dror Zahavi ("Mein Leben – Marcel Reich-Ranicki") und Kameramann Gero Steffen war auch hinter der Kamera wieder das gleiche Team am Werk; das Trio Werner/Zahavi/Steffen hat mit dem ebenfalls 2014 ausgestrahlten Kölner Krimi "Franziska" für einen der spannendsten "Tatort"-Beiträge der letzten Jahre gesorgt. "Tollwut" ist gewissermaßen eine Kombination dieser beiden Geschichten, denn wie "Franziska", so spielt auch der elfte Fall des Dortmunder Teams im Gefängnis: In der JVA ist ein Häftling bei einer Messerstecherei mit Tollwut infiziert worden und gestorben. Da ein Zufall ausgeschlossen werden kann, muss es sich um Mord handeln. Faber (Jörg Hartmann) ist überzeugt, dass sein Erzfeind mit der Sache zu tun hat, denn Graf (Florian Bartholomäi) ist kürzlich nach Dortmund verlegt worden. Die Kolleginnen Dalay und Bönisch (Aylin Tezel, Anna Schudt) halten das jedoch für Zufall; vor allem die junge Kommissarin gerät deshalb mehrfach mit Faber aneinander und droht schließlich, das Team ebenso wie der frühere Vierte im Bunde, Kossik, Richtung LKA zu verlassen. Tatsächlich scheint Fabers Fixierung auf Graf zwar eine Sackgasse zu sein, aber der Frauenmörder bietet sich immerhin als Spitzel an. Es kommt zu weiteren Todesfällen, und als das Gefängnis schließlich evakuiert werden muss, scheint klar, dass ein albanischer Clanchef (Murathan Muslu) die ganze Sache initiiert hat, um während der Evakuierung zu fliehen.

"Tollwut" entwickelt nicht die klaustrophobische Enge von "Franziska", ist aber immer spannend. Schon der Auftakt mit seiner raschen Schnittfolge ist ungemein fesselnd, auch wenn die Bilder des an der Infektion sterbenden Häftlings naturgemäß nicht schön sind. Ähnlich packend ist eine tumultartige Gefängnisszene, die mit einer Rattenplage beginnt. Als auch noch ein Feuer ausbricht, führen Geschrei und Sirenengeheul zu einer Kakophonie, in der niemand mehr mitbekommt, dass Bönisch und Dalay, in einer Besuchszelle eingesperrt, von den Flammen bedroht werden. Richtig reizvoll aber ist die clevere Konstruktion des Drehbuchs, das Werner als raffiniertes Ablenkungsmanöver konzipiert hat. Beinahe noch besser (wenn auch makaber) ist die Idee, einen Toten seinen Mörder suchen zu lassen. Der Einfall erinnert an den US-Thriller "D.O.A. – Bei Ankunft Mord" (1988) mit Dennis Quaid als Schriftsteller, der vergiftet worden ist. Hier trifft es Zander (Thomas Arnold), den früheren Rechtsmediziner, der mittlerweile als Arzt in der JVA arbeitet und sich ebenfalls mit dem Tollwutvirus infiziert hat. Weil es für Gegenmaßnahmen zu spät ist, will er Faber dabei helfen, den Täter zur Strecke zu bringen. Dass auch noch das LKA mit verdeckten Ermittlern mitmischt, macht die Sache eher schwerer als leichter.

Trotzdem ist "Tollwut" nicht rundum gelungen, was aber womöglich nicht an Werner, sondern an der Rolleninterpretation einiger Schauspieler liegt. Ulrike Krumbiegel zum Beispiel legt die Gefängnisleiterin aus unerfindlichen Gründen zickig und unsympathisch an, und Aylin Tezel verkörpert die junge Kommissarin wieder mal wie einen Teenager, der sich gegen seine Eltern auflehnt. Am stärksten polarisiert jedoch Florian Bartholomäi. Einerseits entspricht Graf der klassischen Hollywood-Rolle des intelligenten Serienmörders, der mit seinen Jägern Katz und Maus spielt, andererseits lässt Bartholomäi den Mann auch durch seine akzentuierte Sprechweise wie eine Kunstfigur wirken; wenn das Absicht war, erschließt sich zumindest der Sinn des Ganzen nicht. Ein Mann wie Graf bräuchte zudem entschieden mehr Charisma; ein spezielles Licht, das ihn mit jenseitigem Glanz umgibt, kann diesen Mangel nicht ausgleichen. Davon abgesehen ist es ganz schön ausgefuchst von Werner, die Geschichte wieder dahin zurückkehren zu lassen, wo sie sich mit "Auf ewig Dein" schon mal befand. Mit Rick Okon als LKA-Ermittler bietet sich zudem ein Nachfolger für Stefan Konarske an.

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