Hinter dem Horizont - über die letzten Dinge

Trauerkultur im Wandel
Leben nach dem Tod

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Orte, an denen man sich nach dem Tod befinden könnte sind in verschiedenen Religionen der Himmel, die Hölle oder das Fegefeuer, die Vorhölle oder in Abrahams Schoß, im Hades oder im Scheol, im Paradies, Tartarus oder auf der Insel der Seligen.

Was kommt nach dem Tod? Die Kirchen haben nicht mehr wie einst die Deutungsmacht über Tod, Sterben und Trauer. Aber die "letzten Dinge" beschäftigen die Menschen weiterhin.

Der Regisseur Woody Allen (81) meinte einmal lakonisch, er wolle nicht in seinen Werken weiterleben, sondern lieber in seiner New Yorker Wohnung. Doch für die meisten Menschen ist die Frage, was nach dem Tod von ihnen bleibt, eine ernste Sache - vor allem die Frage nach einem möglichen Leben nach dem Tod.

Die starke Anziehungskraft dieser Gedanken spiegelt das, vor dem sich die Menschen "so schrecklich fürchten: die vollständige, vernichtende, ihrerseits unvorstellbare Auslöschung von allem", mutmaßt der US-Philosoph Ronald Dworkin (1931-2013). Doch die Frage, was Leben nach dem Tod wirklich bedeutet, kann "nicht einmal im Ansatz beantwortet werden", räumt Dworkin ein.

Dennoch beschreiben unterschiedliche Kulturen und Religionen seit Jahrhunderten verschiedene Orte, an denen man sich nach dem Tod befinden könnte. "Im Himmel, in der Hölle oder im Fegefeuer, der Vorhölle oder in Abrahams Schoß, im Hades oder im Scheol, im Paradies, Tartarus oder auf der Insel der Seligen", zählt der australische Religionsphilosoph Philip C. Almond in seinem neuen Buch "Jenseits - Eine Geschichte des Lebens nach dem Tode" auf.

Almond: "Nach allem, was wir wissen, kann eine oder können mehrere oder kann keine dieser Vorstellungen der Wahrheit entsprechen. Doch was immer der Fall sein mag: Die Geschichte des Lebens nach dem Tod ist die Geschichte unserer Hoffnungen, dass es nach dem Tod etwas geben wird, und unserer Befürchtungen, dass es nichts geben wird."

Das Bewusstsein der eigenen Sterblichkeit sei nötig, "um sicherzustellen, dass wir das Leben voll und ganz auskosten", unterstreichen Ella Berthoud und Susan Elderkin in ihrem Ratgeber "Die Romantherapie - 253 Bücher für ein besseres Leben". Dazu können den Autorinnen zufolge auch "die richtigen literarischen Begleiter" helfen.

Als "Heilmittel" gegen die Angst vor dem Tod empfehlen Berthoud und Elderkin etwa den Roman "Hundert Jahre Einsamkeit" von Gabriel García Márquez (1927-2014): "Da sich die Geschichte über ein ganzes Jahrhundert erstreckt, kommt der Tod häufig vor und wird sehr sachlich beschrieben." Zudem akzeptierten die Menschen in diesem Roman ihre Rolle "in der natürlichen Ordnung der Dinge - eine Einstellung, die mit der Zeit auf Sie abfärben mag".

Oder "lesen Sie Ovid", empfehlen die Autorinnen. Der antike römische Dichter könne dabei helfen, sich als "Teil des ewigen Kreislaufs des Lebens zu fühlen". Sein Meisterwerk, die "Metamorphosen", handele davon, "wie eins ins andere übergeht" - bis ins Unendliche.

"Der Tod geht uns nichts an"

Wohl die meisten Religionen wollen mit der Hoffnung auf eine Existenz nach dem Tod - in welcher Form auch immer - die Menschen trösten. Der antike religionskritische Philosoph Lukrez dagegen lehrt die Kunst eines glücklichen Lebens, indem er den Tod als gegenstandslos erklärt. Er verweist seine Leser auf das Hier und Jetzt. "Die Seele ist ihrer Natur nach sterblich", schrieb er um das Jahr 60 vor Christus in seinem Lehrgedicht über die Geheimnisse der Natur. Lukrez: "Der Tod geht uns nichts an."

Gerade in der Literatur gebe es ein Interesse daran, "Grenzen zu überschreiten", sagt die Literaturwissenschaftlerin Martina Wagner-Egelhaaf vom Exzellenzcluster "Religion und Politik" der Uni Münster. Dieses "Transzendenzbegehren" sei allerdings meist nicht religiös oder gar christlich besetzt. Es gehe vielmehr um einen "Ausblick in andere Bereiche, in eine Art von Jenseits, das aber nicht qualitativ beschrieben wird, sondern das eher eine Infragestellung unserer immanenten und normativen Maßstäbe und Begriffe mit sich bringt", sagt die Germanistin. Das Jenseitige werde so zum Symbol für Unverfügbarkeit.

Die Kirchen selbst haben für viele Menschen das Deutungsmonopol auf die Themen Tod, Sterben und Trauer verloren. Aber "der Säkularisierungsschub hat nicht zu einer Vernachlässigung oder zu einem Verlust der Trauerkultur geführt", schreibt der Theologe Reiner Sörries in der Fachpublikation "Herder-Korrespondenz".

Beispiele dafür seien, wenn Angehörige die Asche ihrer Verstorbenen in einen Diamantring pressten oder der Fußballfan auf dem Fan-Friedhof beerdigt werde. Selbst ohne christliche Hoffnung auf Auferstehung blieben die Toten gegenwärtig und "haben mit den Hinterbliebenen eine gemeinsame Zukunft", erklärt der frühere Direktor des Kasseler Museums für Sepulkralkultur, das sich mit allen Aspekten der Vergänglichkeit beschäftigt.

Führende Theologen haben den Himmel - und die Hölle - in den letzten Jahrzehnten gründlich leergeräumt. "In der protestantischen und katholischen Theologie des 20. Jahrhunderts war aus dem Leben nach dem Tod, zumindest unter liberalen Theologen, ein Nebengedanke geworden", erklärt Almond: "Die führenden Theologien waren zurückhaltend, wenn es darum ging, über das Jenseits irgendetwas zu sagen."

Über den berühmten evangelischen Theologieprofessor Karl Barth (1886-1968) wird allerdings diese Anekdote kolportiert: Der Schweizer wurde von einer Dame gefragt: "Werde ich im Himmel meine Lieben wiedersehen?" Barth soll daraufhin spontan erwidert haben: "Ja, aber die anderen auch!"