"Sie suchen immer die nächste Provokation"

Pfarrer Stiller kämpft in Dortmund gegen Rechts
Christen gegen Rechtsextremismus

Foto: Ev. Kirchenkreis Dortmund/Stephan Schütze

Friedrich Stiller ist Pfarrer für Gesellschaftliche Verantwortung im Evangelischen Kirchenkreis Dortmund, ist im Dortmunder Arbeitskreis gegen Rechtsextremismus, der 2005 gegründet wurde und leitet den 2012 gegründeten Arbeitskreis Christen gegen Rechtsextremismus, der unter dem Motto "Unser Kreuz hat keine Haken!" steht.

Warum ist es wichtig, dass sich auch die Kirche gegen Rechtsextremismus einsetzt?

Friedrich Stiller: Sich gegen Rechtsradikale zur Wehr zu setzen ist keine äußere, politische Aktivität von Kirchen, sondern ist aus dem Glauben geboten. Der Kern der rechtsextremen Ideologie ist, dass Menschen nicht gleichwertig sind. Der Kern unserer christlichen Glaubensüberzeugung ist aber, dass jeder Mensch von Gott geliebt wird und die gleiche Würde hat. Deshalb steht der Rechtsextremismus in direktem Widerspruch zu unserem Glauben. Da sind wir unmittelbar herausgefordert.

Wie hat sich der Rechtsextremismus in Dortmund in den letzten Jahren entwickelt?

Stiller: In den letzten 17 Jahren ist es den Rechtsradikalen zwar gelungen, sich mit einer Struktur festzusetzen, aber sie stagnieren zahlenmäßig eigentlich immer auf demselben Niveau. Es ist ihnen nicht gelungen zu wachsen – darin sehe ich einen Erfolg unserer Arbeit. Für uns als Bürgerschaft gibt es die Grenzen des Rechtsstaats und der Gewaltfreiheit. Unsere Aufgabe ist es, die Rechten einzudämmen. Heutzutage nimmt die Bürgerschaft diese Aufgabe auch wahr: Sehr viele Leute mobilisieren sich in Arbeitskreisen oder bei Veranstaltungen. Bei den Rechtsextremisten ist es hingegen immer die gleiche Kerngruppe von 60 bis 80 Akteuren aus Dortmund, die sehr aktionsorientiert sind.

Pfarrer Stiller aus Dortmund

Was meinen Sie damit?

Stiller: Sie suchen immer die nächste Provokation. Die letzte große Aktion dieser Art war die Besetzung des Turms der Reinoldikirche am 19. Dezember 2016, bei der ich Augenzeuge war. Strafrechtlich wird dies wenig Folgen haben. Die Provokation ist jedoch enorm. Wie Gewalt gehören solche Provokationen zu ihrem Konzept.

Und wie hat sich die Gegenwehr in Dortmund entwickelt?

Stiller: Bis zum Jahr 2007 gab es eine gewisse Verleugnung von vielen Bürgern. Nach einer Attacke auf eine DGB-Demo am 1. Mai 2009 hat sich das aber deutlich geändert. Ich glaube, es gibt mittlerweile keine Stadt in Deutschland, in der so viele Netzwerke und Akteure organisiert sind wie in Dortmund. Die Bereitschaft der Bürger hat von Jahr zu Jahr zugenommen, eine sehr positive Entwicklung. Das sieht man ja auch anhand der Arbeitskreise: 2005 haben wir einen institutionellen gegründet, 2012 einen rein kirchlichen – das ist eine Verbreiterung. Es gibt dennoch weiterhin Dinge, die verbessert werden müssen.

"Wir reden nicht nur, sondern mobilisieren Menschen auch"

Warum wurde der Arbeitskreis Christen gegen Rechtsextremismus in Dortmund gegründet?

Stiller: Es gibt Christinnen und Christen, die sich engagieren wollen, aber in ihrer Gemeinde keine Gruppe dafür finden. Wir haben derzeit rund 100 Mitglieder, etwa zehn Kirchengemeinden sind bei uns organisiert. Das ist mittlerweile ein richtiges kirchliches Netzwerk.

Wie sieht die Arbeit der Gruppe aus?

Stiller: Wir haben einen Koordinierungskreis gebildet, der sich laufend über die Lage rechts informiert. Das Herzstück dieses kirchlichen Arbeitskreises sind öffentliche Veranstaltungen, die drei Mal im Jahr stattfinden. Dort greifen wir Themen aus dem Bereich des Rechtsextremismus auf. Beim letzten Mal hatten wir beispielsweise einen Referenten, der die Schnittstelle zwischen Rechtsextremismus und Rechtspopulismus beleuchtet hat. Zusätzlich bieten wir mehrmals im Jahr ein Zivilcourage-orientiertes Training an, bei dem man sich mit der Frage auseinandersetzt: Was tue ich eigentlich, wenn ich einem Rechtsextremisten begegne? Hinzu kommt ein Aktionstag für Konfirmanden. Der Arbeitskreis ist aber inzwischen so aktiv, dass wir uns auch an öffentlichen Aktionen beteiligen oder eigene organisieren.

Was für Aktionen sind das?

Stiller: Als die Flüchtlinge 2015 mit den Zügen in Dortmund ankamen und die Rechtsradikalen eine Aktion ankündigten, haben wir vor dem Bahnhof eine Mahnwache organisiert. Und wir haben immer wieder Mahnwachen vor Flüchtlingsheimen organisiert. Uns ist wichtig, dass wir nicht nur reden, sondern auch Menschen mobilisieren.

Was raten Sie Gemeindemitgliedern, wenn sie mit Rechtsextremismus konfrontiert werden?

Stiller: Gewalt ist ein Teil des politischen Konzeptes der Rechtsextremisten. Wer sich mit Nazis beschäftigt, muss mit Bedrohungen rechnen. Darum ist ein Faktor natürlich, dass die Leute überhaupt diese Schwelle überwinden und sich nicht einschüchtern lassen. Der Arbeitskreis soll dabei helfen: Das muss ich nicht alleine tun, sondern kann es in  einer solidarischen Gruppe machen. Das Miteinander stärkt. Wir wollen natürlich auch, dass die Leute genau wissen, womit sie es zu tun haben – daher auch die laufende Informationsarbeit. Ein wichtiger Punkt um Angst zu überwinden ist ja, dass man sich realistisch informiert.

Auch Gemeinden werden Ziel von Provokationen

Gibt es auch Projekte in den Gemeinden?

Stiller: Ja, ich halte Vorträge in Kirchengemeinden oder berate bei konkreten Fragen. Außerdem organisieren wir Projekte, die helfen, die Bürgerschaft und auch die Gemeindemitglieder selbst zu befähigen. Mit der Gemeinde in Dorstfeld haben wir über zwei Jahre in Projekt gemacht, in denen sie ihre eigenen Strukturen entwickeln konnte, sich gegen die Auftritte von Nazis zu wehren. In Dorstfeld haben sich Rechtsradikale besonders festgesetzt. In dem Projekt hat die Gemeinde ganz praktisch gelernt, Grenzen zu ziehen.

Sie erwähnten die Besetzung des Kirchturms Ende 2016. Kennen Sie noch andere Beispiele, in denen Kirchen oder ihre Gemeinden Ziel von Rechtsradikalen wurden? 

Stiller: Im Frühjahr 2015 haben wir ein Kirchenasyl eingerichtet, um eine Flüchtlingsfamilie zu beschützen. Daraufhin gab es einen Aufruf der Rechtsextremisten im Wild-West-Stil mit "Wanted"- Überschrift, in denen Hinweise zu dem Ort des Kirchenasyls gefordert wurden. Wir mussten unsere Gemeinden entsprechend vorbereiten, damit sie nicht ausspioniert werden. Den Ort haben wir allerdings schon vorsorglich nicht öffentlich gemacht, weil wir einen solchen Angriff vermutet haben. Die Gemeinde, die die Familie in Obhut hatte, hat sich durch den Aufruf natürlich bedroht gefühlt. Durch solche Aufrufe sorgen die Rechtsradikalen für Angst, denn wir wissen nie, ob sie es wirklich machen oder nicht.

Haben Sie noch ein weiteres Beispiel?

Stiller: Ein Kollege zeigt den Dortmunder "Tatort" seit Beginn an in seiner Kirche. Im Januar 2016 gab es eine Folge  zum Thema Rechtsextremismus. Wir vom Arbeitskreis haben daraufhin mit der Gemeinde verabredet, dass wir eine Diskussion anbieten. Damit sich die Zuschauer informieren können, ob das im Fernsehen gezeigte wirklich so ist. Daraufhin gab  es auf der Facebook-Seite der Rechtsradikalen den Aufruf, man müsse dort mal hingehen. In einem Kommentar dazu stand: "Dann wollen wir mal in die Kirche gehen und hören wie schön Backpfeifen bei den Pfarrern in einer leeren Kirche hallen." Das ist Androhung einer Körperverletzung. Also mussten wir die eigentlich harmlose Veranstaltung unter Polizeischutz und mit einem Ordnerdienst durchführen. An dem Abend kam keiner – aber sie hatten wieder einmal eine Bedrohungslage erzeugt.

Sehen die Rechtsradikalen die Kirchen also als ihre Gegner?

Stiller: Ihre zentralen Gegner sind wir nicht. Über uns ärgern sie sich vielleicht ein bisschen, aber ihre zentralen Gegner sind natürlich eher linke Gruppen und Gruppen von jüngeren Leuten.

Wurden Sie selbst schon von Rechtsextremisten angefeindet?

Stiller: Ich gehe davon aus, dass mich auch mein Amt schützt. Die Rechtsradikalen suchen sich natürlich lieber irgendwelche Jugendlichen aus, die nicht bekannt und in dem Alter natürlich noch nicht so lebenserfahren sind. Bis 2009 haben sie die Kirche nicht erwähnt. Dann wurden wir zum ersten Mal auf einer Ihrer Internetplattformen als Gegner erwähnt. Vor vier oder fünf Jahren haben sie meinen Namen zum ersten Mal in einem Artikel erwähnt. Da ich kleine Kinder hatte war das natürlich trotzdem ein Bedrohungsfaktor, weil man nie weiß, was sie als nächstes tun. Eine gewisse Vorsicht ist meiner Meinung nach klug.

Bewahren Sie diese Vorsicht auch im Arbeitskreis?

Stiller: Der Polizeischutz beim gemeinsamen "Tatort"-Schauen war keine Ausnahme. Viele Veranstaltungen klären wir im Vorhinein mit der Polizei. Oft lassen wir die Gefahrenlage einschätzen oder bitten tatsächlich um Schutz. In gewisser Weise gewöhnt man sich schon daran, dass eine Veranstaltung zu diesen Themen immer bedroht ist. Trotzdem möchte ich mich daran nicht gewöhnen und wir sollten das nicht für normal halten. Wir wissen aber eben nicht, was sie vorhaben: Ob es eine eher durchdachte Aktion wie die Besetzung des Turms der Reinoldikirche ist oder doch platte, körperliche Gewalt – das wissen wir nie.

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