Kriminologe nach Übergriffen: Männliche Flüchtlinge besser integrieren

Übergriffe am Kölner Hauptbahnhof

Foto: dpa/Oliver Berg

Übergriffe am Kölner Hauptbahnhof: Hier zeigt sich kein Polizei- oder Justizproblem, sondern ein Integrationsproblem

Der Kriminologe Christian Pfeiffer widerspricht der Aussage von Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD), wonach es sich bei den Übergriffen auf Frauen in der Silvesternacht um organisierte Kriminalität handelt.

Diese Behauptung sei eine Ablenkungsmanöver und verschleiere die eigentliche Ursache der Vorfälle, nämlich die misslungene Integration der vielen alleinstehenden männlichen Zuwanderer, sagte Pfeiffer am Dienstag dem Evangelischen Pressedienst (epd): "Hier zeigt sich kein Polizei- oder Justizproblem, sondern ein Integrationsproblem."

Maas hatte am Dienstag erklärt, es handle sich bei den massenhaften Diebstählen und Belästigungen von Frauen in Köln, Hamburg und Stuttgart um eine "völlig neue Dimension organisierter Kriminalität." Alle Täter müssten "konsequent ermittelt und zur Rechenschaft gezogen werden".

Selbst die Polizei habe keine genauen Erkenntnisse über die Vorfälle und die Täter, sagte der ehemalige Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen, Pfeiffer. "Wie kann dann der Justizminister aus der Ferne solch eine Beurteilung abgeben?" Auch die Polizei habe abgewiegelt, dass es sich vermutlich nicht um Flüchtlinge aus dem vergangenen Jahr gehandelt habe. "Das sind durchsichtige Beruhigungsreden, die in der Bevölkerung nicht gut ankommen", sagte der Professor, der von 2000 bis 2003 für die SPD auch niedersächsischer Justizminister war. Aus lauter Angst vor der AfD werde verschwiegen, was naheliege.

"Sie sind die isolierteste Gruppe überhaupt"

Es sei doch völlig egal, ob diese Männer 2015 oder in den Jahren zuvor nach Deutschland gekommen seien. Fakt sei, dass die 20- bis 35-Jährigen aus Nordafrika, Syrien oder dem Irak stammten und in Deutschland bislang nicht integriert seien. Sie seien zur Untätigkeit verdammt. "Mit denen ist integrationsmäßig wenig passiert." Sie hätten bislang keine ausreichenden Perspektiven und zu selten gute Sprachkurse absolviert.

Staat und Zivilgesellschaft kümmerten sich bislang überwiegend um Familien mit Kindern und unbegleitete Jugendliche, sagte der Kriminologe. "Ich will dieses Engagement nicht kritisieren. Aber es ist Fakt, dass die jungen Männer bislang wenig Beachtung gefunden haben. Sie sind die isolierteste Gruppe überhaupt." Wenn sie dann an Tagen wie Silvester nicht in nachbarschaftliche Feierlichkeiten einbezogen würden und nichts mit sich anzufangen wüssten, könne es zu solchen Exzessen kommen.



Deshalb wäre es nach Pfeiffers Worten besser, diese Probleme würden benannt und angegangen. "Die Vorfälle sind ein Alarmsignal. Aber das Problem ist lösbar." Die Bundesregierung müsse den Kommunen aus ihren immensen Steuereinnahmen deutlich mehr Geld für die Integration der jungen Männer zur Verfügung stellen. Wichtig seien etwa mehr Sprachlerngruppen und geschultes Personal für Sportvereine. Gerade dort könnten diese jungen Männer aufgefangen werden.

Studien hätten gezeigt, dass etwa die Gewaltkriminalität unter Jugendlichen, die aus der Türkei und dem früheren Jugoslawien stammten, in den vergangenen 20 Jahren um 30 bis 40 Prozent zurückgegangen sei: "Das beweist, dass wir bei dieser Gruppe gute Integrationsarbeit geleistet haben, und macht Mut, dass wir dazu auch bei den Neuankömmlingen in der Lage sind."